27. JULI 2016

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Antrieb von Anfang an


Jutta Humbert- Wenn Firmenjubiläen anstehen, darf schon mal philosophiert werden. Was war, was ist, und was sein sollte. In 40 Jahren wurde reichlich Antriebstechnik entwickelt. Jutta Humbert, die Geschäftsführende Gesellschafterin von Getriebebau Nord, setzt klare Akzente in Richtung Zukunft.

Es ging immer um die Antriebstechnik. Nur eben viel bescheidener. Als G. A. Küchenmeister und sein Partner Günter Schlicht am 1. April den Grundstein für Getriebebau Nord legten, kauften sie noch viele Komponenten zu. Das war vor 40 Jahren. Nord war ein reiner Getriebehersteller. »Heute produzieren wir längst die gesamte Bandbreite an Antriebstechnik selbst, sind also einer der wenigen Systemanbieter mit kompletter Fertigungstiefe«, sagt Jutta Humbert nicht ohne Stolz. Die Tochter des Gründers lenkt heute mit ihrem Bruder als Geschäftsführende Gesellschafterin die Geschicke des Antriebsherstellers aus Bargteheide bei Hamburg. Die Fertigungstiefe in der Antriebstechnik hat Nord in drei Schritten erreicht. Humbert: »Zuerst gingen wir den Weg zum kompletten Getriebe. Ganz am Anfang haben wir nur Gehäuse, Wellen und Flansche selbst produziert, in den Jahren nach der Gründung kam also zuerst die eigene Zahnradfertigung hinzu. Der zweite wichtige Schritt war in den achtziger Jahren unser Einstieg in die Antriebselektronik. Und seit Mitte der neunziger Jahre produziert Nord auch Elektromotoren.

Systematik gewinnt
Wie es die Gründergeneration geschafft hat, trotz einer immer breiteren Produktpalette an der Spitze zu bleiben, und nicht technologisch hinter größere Anbieter oder Spezialisten zurückzufallen, ist für Jutta Humbert ein Teil des Erfolgsrezepts: »Mein Vater und sein Führungsteam haben jede Stufe der Expansion gründlich vorbereitet, und so gehen wir heute immer noch vor. Das heißt vor allem, daß wir in neue Geschäftsfelder grundsätzlich massiv investieren und uns dazu personell verstärken. Immer mit klaren Zielen: Erstens überall qualitativ an der Spitze zu liegen und zweitens zumindest mittelfristig auch in für uns neuen Produktsparten Innovationen bieten zu können.« Erst das Know-how, dann die Investition - nach diesem Muster sind Nord im Laufe der Jahre ja auch eine ganze Reihe wichtige und zum Teil wegweisende Entwicklungen gelungen. Ein Paradebeispiel ist sicher das Blockgehäuse, »mit dem wir 1981 den Getriebebau praktisch revolutioniert haben«, so Humbert. Die vorher üblichen zwei Halbschalen sind seither vom Markt verschwunden. Erstmals gab es bei diesem neuartigen Gehäusegußblock integrierte Lagerstellen - also keine Dichtflächen mehr, die sensibel auf Drehmoment- und Querkräfte reagierten. Besonders stolz ist Jutta Humbert auf ein High-End-Produkt aus dem Elektronikprogramm: »Wir haben bekanntlich vor wenigen Jahren aus dem Stand einen hochdynamischen Servoregler entwickelt. Dank seines Hardware-Designs - er basiert auf einem einzigen digitalen Signalprozessor - gehört er zu den schnellsten Modellen auf dem Markt.« Auch in der Mechanik geht es weiter voran. Die Nord-Chefin nennt den Unibloc-Schneckengetriebe-Baukasten als Beispiel: »Ein so ausgeklügeltes, vielfältiges und praktisches Modulsystem mit höchstem Qualitätsstandard bietet bis heute niemand außer uns.«

Antizyklisch investieren
Insbesondere die Mittelständler sind bei massivem Kapitaleinsatz dringend darauf angewiesen, schnell Umsatz und Marktanteile auszubauen. Jutta Humbert schwört auf das Prinzip der antizyklischen Investition. »Kapazitätsengpässe sollen am Beginn einer Aufschwungphase nicht unser Wachstum bremsen. 2004 sind ziemlich viele Industrieunternehmen, die in den Vorjahren eher zurückhaltend investiert haben, noch nicht recht vom Fleck gekommen. Bei uns dagegen stieg der Umsatz prozentual zweistellig auf ca. 200 Millionen. Dieser Trend setzt sich im Augenblick fort.« Angesichts solcher Ergebnisse will Jutta Humbert auch in Zukunft Gewinne konsequent in den Ausbau des Unternehmens stecken. Antriebe sind eine Querschnittstechnologie. Deshalb konzentriert sich das Unternehmen nicht auf bestimmte Branchen. »Wir haben also Tausende von Kunden und sind prinzipiell überall zu Hause - ob in der Holzverarbeitung, bei Baumaschinenherstellern, in der Druck- und Papierbranche oder in der Textilindustrie«, zählt Jutta Humbert auf. »Aber Schwerpunkte gibt es natürlich. Dazu zählt der Chemie-, Pharma- und Food-Sektor, zum Beispiel mit Pumpenumrichtern, Servoreglern für Abfüll- und Dosieranlagen oder Antrieben in der Fördertechnik.« Ein anderer sehr wichtiger Markt für Nord ist die Automobilfertigung mit ihrem breiten Spektrum an Antriebsaufgaben: »Das reicht von intelligenter Elektronik für Positionieraufgaben oder Bearbeitungsanwendungen, natürlich auch bei den Zulieferern, bis hin zu unseren ›Nordac trio SK300E‹-Einheiten, die Getriebemotor und Frequenzumrichter kombinieren«. Speziell dezentral werden diese Systeme in großer Zahl verwendet, zum Beispiel bei Zwischentransporten an Förderbahnen. Gepäckförderanlagen an Flughäfen sind ein anderes typisches Einsatzgebiet für diese Antriebe.
Da dezentrale Antriebe im Trend liegen, bleibt es nicht allein bei diesen Lösungen. Humbert: »Wir haben mit unserem Nordac-DAProgramm ein eigenes Segment für dezentrale Antriebstechnik geschaffen. All diese Aggregate lassen sich besonders leicht handhaben, sehr viele zum Beispiel sind mit bequemen Systemsteckern ausgestattet.« Bei der Steuerungslösung hat der Kunde die freie Wahl - zum Beispiel zwischen vollintegrierten Systemen mit Motorschalter im Klemmenkasten des Motors oder an Feldverteiler anschließbaren Einzelantrieben. Bei denen hängen die Verteiler am Feldbus und bringen die benötigten I/O-Baugruppen für Sensoren und Aktoren, integrierte Motor- und Reparaturschalter oder zusätzlich integrierte Umrichter mit - ganz nach Installationstyp. »Wir wollen, daß der Kunde seine Lösungen flexibel aufbauen kann.«

Service entscheidet
Da auch andere Antriebshersteller solche Freiheiten bieten, setzt man bei Nord auf besondere Beratung und Service. Dazu Humbert: »Effizienz, mechanische Robustheit und gute Überlastreserven sind für die Produkte der führenden Hersteller fast selbstverständlich. Um so wichtiger ist also, was sonst noch geboten wird. Für komplexere Anwendungen haben wir deshalb Spezialisten, die entsprechend gründlich und ausführlich beraten. Außerdem arbeiten wir ständig an praxisorientierten Erweiterungen und Varianten unserer Systeme, vor allem also an ganz handfesten Erleichterungen für den Alltag in der Produktion. Sehr oft geben Kunden dazu Anstöße, die wir aufnehmen und umsetzen. Sehr viel Anklang finden zum Beispiel, um etwas ganz Simples zu nennen, die Drehregler für den Handbetrieb, mit denen wir unsere integrierten trio-Systeme auf Wunsch ausstatten.« Solch ein schlichtes Potentiometer bewährt sich viel häufiger, als man im High-Tech-Zeitalter glauben mag. »Oft vermißt der Kunde solche Regler, wenn er an seinem Antrieb mit einem Handgriff mal eben die Drehzahl ändern möchte«, findet Humbert. Solche Möglichkeiten, wie sie die eher traditionelle Antriebstechnik vorsieht, solle der Kunde auch in modernen Antriebskonzepten haben, ist Jutta Humbert überzeugt. Eine gute Mischung aus Tradition und Moderne sind auch die neuen explosionsgeschützten Motoren und Getriebe. »Den Ex-Schutz haben wir schon seit mehreren Jahren zu einem unserer wichtigsten Know-how-Felder ausgebaut«, erklärt die Geschäftsführerin. Was es damit im einzelnen auf sich hat, davon können sich die Besucher der Hannover Messe leicht überzeugen: »Das Angebot dazu steht im Mittelpunkt unserer Messepräsentation in Hannover.« Mittelfristig will das Unternehmen besonders bei der Leistungselektronik, speziell der Servoregler-Technologie, mit weiteren Neuerungen aufwarten. Auch hier rechnet Jutta Humbert mit Extrabonus für ihr Unternehmen. »Wir nutzen die großen Wachstumschancen in diesem Bereich.« Für die neue Bescheidenheit sieht sie keinen Grund. »Wir bleiben auf Expansionskurs. In 28 Ländern sind wir heute mit Fertigungsstätten, Montagezentren oder Servicestützpunkten vertreten.« Zu einem Schwerpunkt für Nord hat sich China entwickelt: »In Shanghai werden wir bald 10.000 qm Produktionsfläche haben. Und in diesem Jahr eröffnen wir unter anderem eine neue Niederlassung in Indien«, kündigt die Nord-Chefin an.

Holger Wittrock/ps

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