25. JULI 2016

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Nie mehr Koffer in Timbuktu


RFID - Die Radiofrequenz-Identifikation ist in der Industrie auf dem Siegeszug, erobert aber auch andere Bereiche: Etwa in der Kleidung oder als Wächter von Gepäckstücken und Containern.

Autos liefen heutzutage nicht mehr vom Band ohne die Unterstützung der kleinen funkgesteuerten Datenträger namens RFID. Sie erhöhen Flexibilität und Service: Der Kunde kann sich noch für eine andere Farbe entscheiden, wenn seine Karosse schon geschmiedet wird. Die Technologie setzt sich immer mehr durch, findet ihren Einsatz aber überwiegend in streng überwachten Werkshallen. Die Öffentlichkeit bekommt wenig mit oder ist nicht direkt tangiert.

RFID am Flieger
Das kann sich jetzt ändern, denn RFID schleicht sich in Bereiche ein, die den Menschen im Alltag unmittelbar betreffen. Zum Beispiel vertreiben Funk-Datenträger in Zukunft das Schreckgespenst eines jeden Flugreisenden: Er selbst ist auf Mallorca und der Koffer auf dem Weg nach Timbuktu, Honolulu oder Bangkok.
Hauptgrund für solche Fehlleitungen ist meist menschliches Versagen: Der Mitarbeiter in der Gepäckbeförderung konnte das Etikett nicht richtig lesen oder hat das Gepäckstück in den falschen Container gelegt. Darum hat Siemens Automation and Drives (A& ) ein neues System zur effizienten Gepäckerkennung auf Flughäfen entwickelt und setzt dabei auf RFID. Simatic RBS bietet mehr Effizienz im Gepäckmanagement und lässt sich leicht integrieren.
Ein automatisches System übernimmt größtenteils die Aufgaben des Menschen, außerdem ist die Leserate laut Hersteller wesentlich höher im Vergleich zu herkömmlichen Barcodesystemen. RFID hilft auf diese Weise, die Kosten in der Gepäckhandhabung zu senken.
Mit RFID-Lösungen lässt sich weltweit pro Jahr ein dreistelliger Millionenbetrag in Euro einsparen, schätzt die Internationale Flugtransport-Vereinigung IATA. Sie hat unterstützend die IATA-Empfehlungen RP1740c herausgegeben, auf denen das System Simatic RBS basiert. Es erfasst Gepäckstücke präzise und zuverlässig. Dazu laufen diese per Förderband durch einen Tunnel, der mit berührungsloser RFID-Schreib-Lese-Technik im UHF-Bereich ausgerüstet ist.
Die Gepäckstücke sind hierfür mit einem »RFID-Bagtag« ausgestattet, einem Gepäckanhänger mit integrierter Antenne, Mikroprozessor und Speicher zur Aufnahme von Daten. Die Daten werden in Echtzeit gelesen, mit effizienten Algorithmen schnell verarbeitet und dem übergeordneten Gepäckmanagementsystem bereitgestellt. Benachbarte Simatic RBS beeinflussen sich nicht gegenseitig. Das neue System wurde bereits im Siemens Airport Center in Fürth bei ausführlichen Langzeittests unter Realbedingungen geprüft, um die Funktionssicherheit und den Durchsatz für die Praxis sicherzustellen. Erste Anlagen zur Gepäck- und Frachtabfertigung arbeiten beispielsweise auf den Flughäfen von Dubai, Paris und Madrid.
RFID-Technologie sorgt dort auch für mehr Sicherheit, integrierte Erkennungssysteme spüren sogar Explosivstoffe auf. Teile lassen sich in hoch entwickelten Sortiersystemen exakt verfolgen, dies reduziert Haftungsschäden. Darüber hinaus kann der Flughafenbetreiber mit RFID optimierte Verladesysteme unmittelbar an der Ladeluke des Flugzeugs realisieren ? in Echtzeit.
Simatic RBS verwendet Standardkomponenten von Siemens A& und lässt sich so einfach in vorhandene Automatisierungsstrukturen integrieren, etwa in die bereits installierte Gepäckfördertechnik. Dies vereinfacht die Installation und Inbetriebnahme, ermöglicht die exakte Planung der dafür anfallenden Zeiten und stellt von Anfang an die Zuverlässigkeit des Systems sicher. Siemens beschäftigt sich schon seit 30 Jahren mit der funkbasierten Identifizierung. Das Unternehmen hat weltweit mehr als 300.000 RFID-Lesegeräte installiert. Um das Potenzial der RFID-Technologie auszuschöpfen, kombiniert es seine Produkte, Systeme und Services je nach Einsatz zu kompletten Paketen aus Engineering, Integration und Beratung.
Ein nahe liegendes Einsatzgebiet ist die Logistik. Beispiel eins: Ein Siemens RFID-System ist bei Kühne und Nagel maßgeblich daran beteiligt, Lagerkosten zu senken, die Sicherheit im Transit zu verbessern, Schwund zu reduzieren, Lieferungen zu beschleunigen und die schwankende Kundennachfrage zu bewältigen.
Beispiel zwei: In enger Zusammenarbeit mit Hermes Logistik, dem Versanddienstleister des Otto-Versands, hat Siemens eine RFID-Lösung auf Einzelartikelniveau realisiert, um die Versandsicherheit von Camcordern oder Mobiltelefonen zu verbessern. In der ersten Phase wurden dazu im Lager Hamburg über 20.000 RFID-Transponder angebracht, die eine nahtlose Überwachung, verringerten Schwund und die zügige Endkundenbelieferung ermöglichen. Dieses Projekt hat Logistikkosten in Höhe von 21 Prozent eingespart.

RFID in Hamburg
Apropos Logistik, apropos Hamburg: Dort hat sich die Logistik-Initiative Hamburg etabliert; sie untersucht im Arbeitskreis Future Logistics das Potenzial von RFID im Containerverkehr. Dieses sei eindeutig gegeben, meint Prof. Dr. Peer Witten, Sprecher der Initiative: »Hamburg als wichtige Logistikdrehscheibe muss sich den erhöhten Anforderungen der Logistikbranche stellen. Zu diesem Zweck haben wir den Arbeitskreis gegründet. Sein Ziel ist die Entwicklung effizienter Logistikprozesse auf Basis innovativer Technologien wie RFID. Dessen Vorteile zur Verbesserung wirtschaftlicher Prozesse liegen klar auf der Hand. Trotzdem muss in der Öffentlichkeit noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.«
Für viele Logistikunternehmen lohne sich die Investition, ebenso für Markenhersteller im Kampf gegen Produktpiraterie oder Handelskonzerne, Lebensmittelhersteller und Pharmaunternehmen zur Vermeidung gefälschter Arzneimittel. Auch Hamburger Krankenhäuser denken über die Einführung von RFID bei der Patientenidentifizierung nach. Den Befürchtungen vieler Endverbraucher, RFID würde sich über Datenschutzbestimmungen hinwegsetzen und sie zum gläsernen, allzeit überwachten Kunden machen, können Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit verstärkter Aufklärung entgegenwirken. Erst eine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit ermögliche eine flächendeckende RFID-Einführung.

RFID in der Kleidung
Exotisch mag ein weiteres Anwendungsfeld anmuten: Der Expressdienstleister DHL steuert seine Logistikprozesse demnächst über die Bekleidung seiner Mitarbeiter; das Geheimnis dahinter sind eingebaute RFID-Einheiten. Um den Einsatz zu testen, hat das Unternehmen im Rahmen ihres Pilotprojektes Corporate Wear eine RFID-Anwendung über mehrere Lieferstationen installiert. Weil es der Status eines Zollfreilagers erfordert, müssen die DHL-Mitarbeiter in Hamburg jeden Karton auf Vollständigkeit prüfen und Artikelnummern, Größen und Farbcodes kontrollieren. Per RFID werden diese Daten einem Mitarbeiter über die gesamte Supply Chain hinweg zugeordnet. DHL hat mit den Ultrahochfrequenz-Tags in diesem Projekt bisher gute Erfahrungen gemacht. Bei den Kartons erreichte der Logistikdienstleister eine 100-prozentige Lesequote. Damit ist gewährleistet, dass alle bestellten Artikel vorhanden sind und komplett an den jeweiligen Mitarbeiter gehen können.
DHL sieht in der RFID-Technologie große Vorteile: »Wareneingangsprozesse werden merklich beschleunigt, die Fehlerquote minimiert«, sagt Andreas Kruse, Director Industry Standards Fashion bei DHL. »Um die Logistikkette weiter zu optimieren, sollen die Artikel später bereits in Fernost getagt werden.« Zurzeit bezieht sich das Projekt nur auf interne Prozesse. DHL kann sich jedoch vorstellen, den Service in naher Zukunft auch externen Kunden anzubieten.
Michael Kleine

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