Abschätzbares Risiko

Spezial

Risikobewertung – Das Risikomanagement ist eine ungeliebte Aufgabe für Entwickler im Maschinenbau. Die so genannte aufgabenbezogene Risikobeurteilung ermöglicht jedoch eine einfache Erfassung nahezu sämtlicher vorhersehbaren Gefährdungen.

16. September 2014

Seit rund 20 Jahren gelten im europäischen Maschinenbau bekannte Regeln für die Vergabe des CE-Kennzeichens, mit dem die Hersteller erklären, dass ihre Produkte den geltenden Anforderungen der Harmonisierungsrechtsvorschriften der Europäischen Gemeinschaft genügen. Probleme bereitet vielen Entwicklern und Konstrukteuren dabei trotzdem immer noch die so genannte Risikoeinschätzung als Teil der Risikominderung bei der Bereitstellung von Produkten, die zuletzt 2006 in der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG definiert wurde. Mit diesem Verfahren zur Einschätzung (nicht Berechnung!) des Risikos werden für die verschiedenen Gefährdungen das wahrscheinliche Ausmaß des Schadens sowie die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts ermittelt. Letztere setzt sich zusammen aus Häufigkeit und Dauer der Anwesenheit von Menschen in der Gefährdungssituation, der Plausibilität sowie dem Mangel an Ausweichmöglichkeiten. Die Risikobewertung wird in erster Linie benötigt, um die geforderte Zuverlässigkeit (ausgedrückt als Performance Level PL gemäß EN ISO 13849-1 oder als Sicherheitsintegritätslevel SIL nach EN 62061) von Steuerkreisen festzulegen, die Teil einer Schutzmaßnahme sind, wie etwa eine Türüberwachung oder eine Zweihandschaltung.

Falsche Prioritäten

Der Risikobeurteilung wird jedoch häufig eine zu hohe Bedeutung beigemessen und daher zu viel Zeit für sie verwendet. Ein Grund dafür ist, dass Ingenieure sich bei der Entwicklung von Maschinen primär auf Funktionalität, Effizienz und andere wirtschaftliche Faktoren konzentrieren, während die Sicherheit speziell in frühen Phasen eines Projektes eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Mangelhafte Kenntnisse

Dazu kommt, dass sicherheitstechnisches Know-how an Hochschulen und Technikerschulen bestenfalls randständig vermittelt wird. Das gilt auch für Methodenkompetenz wie etwa in der Risikobeurteilung, FMEA, Fehlerbaumanalyse und ähnlichen Verfahren. Selbst aktuelle Absolventen benötigen deshalb oft nachträgliche Schulungen in der Methodik und bezüglich der sicherheitstechnischen Regeln und Regelwerke, sagt Matthias Schulz, der seit 1998 beim VDI-Haus in Stuttgart die Themen Risikobeurteilung und Sicherheitstechnik im Maschinenbau unterrichtet, und ergänzt: »Die Aversion gegen Normung ist bei vielen erschreckend groß; manche halten die Beschäftigung mit Regeln offenbar schlicht für überflüssig, bestenfalls für lästig. Eine Fehleinschätzung, die immer wieder zu unzulässigen und gefährlichen Lösungen führt.«

Ein Grund dafür ist, dass in den Augen vieler Ingenieure keine leicht erlernbaren, wirtschaftlich praktizierbaren Methoden zu existieren scheinen. Der Risikobeurteilung haftet deshalb noch immer der Ruf einer kaum beherrschbaren und zugleich eher bürokratischen »Geheimkunst« an. Zudem wurde mehr als zehn Jahre lang mit einer nicht gerade idealen Methode gearbeitet: Dabei wurden anhand einer Gefährdungsliste potentielle Gefahrenstellen und Gefährdungssituationen ermittelt und diesen dann mögliche Schutzmaßnahmen zugeordnet. Solche Betrachtungen waren häufig recht grob, zudem vernachlässigten sie Gefährdungen in den Lebensphasen, die dem Betrieb vorausgehen oder nebengeordnet sind, wie Transport, Aufstellen und Rüsten, besonders aber das Beseitigung von Störungen sowie Wartungsarbeiten.

Bereits 2008 wurde jedoch in der internationalen Normung eine so genannte »aufgabenbezogene Risikobeurteilung« empfohlen, bei der jede Lebensphase der Maschine in einzelne Aufgaben unterteilt wird, die entweder einen automatischen Ablauf oder die Tätigkeit einer Person enthalten. Die Aufgaben werden dann einzeln auf Gefährdungen untersucht. Zum Beispiel gibt es in der Lebensphase »Transport« die Aufgaben Auf-/Abladen mit Kran, Auf-/Abladen mit Flurförderzeug, Umtransport am Aufstellort/Einbringen sowie Transport per Straße, Schiene, Wasser oder Luft. Diese Methode zergliedert das gesamte Produktleben also in kleine Prozesse, die dann recht genau einzeln betrachtet werden können. Sie ist relativ leicht anzuwenden und führt zur Erfassung so gut wie aller vorhersehbaren Gefährdungen.

Unterstützung vom Profi

Entscheidend ist es, Schutzmaßnahmen zu treffen, die das Risiko wirkungsvoll minimieren, und sicherzustellen, dass diese dem Stand der Technik genügen. Dazu sind sicherheitstechnisches Know-how und Normenrecherchen unerlässlich. Schulz hat deshalb erst im September 2014 zusammen mit dem Stuttgarter Sicherheitstechnikspezialisten Axelent den Geschäftsbereich Axelent ProfiServices gestartet, mit dem der Spezialist für mechanische Schutzeinrichtungen sein Dienstleistungsangebot ausbauen möchte. Zu den Dienstleistungen gehören unter anderem die Risikobeurteilung vor Ort, die Normenrecherche, die Auswahl von sicherheitstechnischen Lösungen sowie die Nachweisrechnung für den Performance Level nach ENISO 13849-1 mit der Bewertungssoftware Sistema der Berufsgenossenschaften. In Kombination mit zwei bis drei Tagen Grundlagenschulung zu Themen wie CE-Kennzeichnung, Normenrecherche oder Grundregeln der Sicherheitstechnik können Ingenieure und Techniker so rasch die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachrüsten.

Erschienen in Ausgabe: 07/2014