Als Marktführer Vorreiter sein

Industrieelektronik

Guido Ege – Im Stromkrieg von 1890 war der Gleichstrom (DC) unterlegen, jetzt erfährt er eine Renaissance. Der Leiter Produktmanagement und Produktentwicklung des Kabelherstellers Lapp erklärt, warum sich das Unternehmen in das Abenteuer stürzt.

20. September 2017

Herr Ege, wie hoch ist der derzeitige Anteil von Gleichstromkabeln im Lapp-Sortiment?

Dazu müssen wir die Portfolios abgrenzen. Bei den eigentlichen Leitungen einschließlich Steuerleitungen gibt es keine DC-Leitung. DC-Anwendungen finden sich bisher hauptsächlich bei der Energieverteilung oder -erzeugung, vor allem bei den Erneuerbaren Energien. Im Maschinenbau oder in der Industrie allgemein sind das noch absolute Nischenanwendungen.

Warum hat sich dort der Wechselstrom so eingebürgert?

Wir haben ein gutes, stabiles AC-Netz in Deutschland. Dies ist aber Fluch und Segen zugleich, denn etwas Bewährtes zu ändern, stößt immer auf Widerstände. Das ist ein Grund, warum es eine DC-Initiative in Europa schwer haben wird, denn die AC-Infrastruktur ist vollständig vorhanden. In Ländern wie Indien gibt es diese in der Form nicht, dort wird es leichter sein, Gleichstrom als neue Technologie einzuführen.

Warum muss sich Lapp trotzdem mit dem Thema Gleichstrom beschäftigen?

Wir müssen nicht unbedingt, denn derzeit besteht noch kein konkreter Marktbedarf, auch gibt es noch keine Vorschriften, Regeln oder Gesetze. Aber wir wollen! Wir sehen im Gleichstrom eine Lösung für viele Aspekte, vor allem Effizienzgewinne. Durch unsere weltweite Präsenz sind wir auch an Projekten zur Infrastrukturentwicklung beteiligt. Hier ist mit der Gleichstromübertragung eine effiziente und kostengünstige Lösung möglich.

Als Marktführer im Bereich Steuer- und Anschlussleitungen sind wir bestrebt, Trends entweder selber zu finden oder sie entsprechend zu begleiten. Lapp möchte Vorreiter sein, also entweder die Vorschriften mitgestalten oder einen Wettbewerbsvorteil erzeugen. Das ist unser strategischer Antrieb. Und die Vorteile und die Motivation für diese Umstellung hinsichtlich Einsparungen, Wandlungsverlusten, Rekuperationen oder Netzen sind die eigentlichen Treiber für diese Technologie. Und wir sehen uns dort als der Partner, der die DC-tauglichen, industriell nutzbaren Kabel herstellt.

Hat Lapp dazu eine Art DC-Initiative gestartet?

Wir betreiben Technologie-Screening und versuchen Trends frühzeitig aufzuspüren oder selbst zu setzen – und DC war einer dieser Trends, die wir für uns als wichtig erachtet haben. Deshalb ist dort ein Projekt mit entsprechenden Partnern aufgesetzt worden – zum Beispiel Professor Berger von der TU Ilmenau–, mit dem wir versuchen, in einem Netzwerk die entsprechenden Expertisen mit einzubeziehen. Wir sind auch assoziierter Partner im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt DC-Industrie. Ein Verbundprojekt mit dem Ziel Grundlagen für ein intelligentes offenes DC-Netz in der Industrie für effiziente elektrische Antriebe zu schaffen.

Gibt es erstes Anwenderinteresse?

Es gibt erste Pilotanwender wie unseren Partner Bachmann mit einer DC-Lösung für Rechenzentren. Es ist wichtig, solche neuen Themen nicht nur theoretisch anzugehen, sondern selbst eine Entwicklung zu starten. Ohne einen Partner oder Kunden wären nur Glückstreffer möglich. Von daher sind wir schon mit den ersten Erfolgen unterwegs. Zu den Pionieren zählen sicher auch die Automobilhersteller, die für den anstehenden Strukturwandel gerüstet sein müssen.

Für den Maschinenbau ist diese Energieübertragung aber wohl noch eine Nummer zu hoch?

Im Maschinenbau wird weiterhin der Wechselstrom die dominante Technologie sein, weil sie sich etabliert hat und viel praktikabler ist. Wir bewegen uns überwiegend in der Niederspannung – also auch morgen in dem Umfeld von heute. Gerade deswegen ist es ja so wichtig, dass wir dort den Trend mitbestimmen – weil es ja unser eigentliches Geschäft ist. Von daher konzentrieren wir uns in der Entwicklung unserer Produkte auf den Niederspannungsbereich bis 1.500 Volt. Ein Umstieg in Teilbereichen auf DC würde durchaus Sinn machen, allein wegen der Wandlungsverluste, die durch die Frequenzumrichter für die Drehzahlregelung entstehen. Die vergeuden viel Energie. Und Einsparungseffekte sind in der Industrie immer gefragt.

Wie weit sind Sie beim Gleichstrom im Bereich der Werkzeugmaschinen?

Im Moment fokussieren wir uns auf die Antriebstechnik, also auf Frequenzumrichter und Elektromotoren. Ob diese dann auch in Werkzeugmaschinen oder Maschinen allgemein Anwendung finden, ist zwar ein Thema, aber erst im zweiten Schritt. Wenn der Gleichstrom in Maschinen Einzug hält, wird es sich um DC-Inseln in der AC-Welt handeln. Eine komplette Maschine in DC auszurüsten, wird zum jetzigen Zeitpunkt schwierig sein und sich eher auf einzelne Komponenten oder Stränge konzentrieren. Die Frage ist, wie das der Entwickler in sein Gesamtkonzept integriert.

Gibt es denn schon erste konkrete Lapp-Produkte aus der DC-Welt?

Erste Erkenntnisse aus den Normungsgremien oder von unseren Ölflex-Solarleitungen sind in einen Demonstrator eingeflossen. Als erste Lösung präsentieren wir aktuell die Ölflex DC 130 H, die eine spezielle Aderisolation besitzt und damit aus unserer Sicht DC-tauglich ist. Hier berücksichtigen wir auch den vorläufigen Farbcode aus dem ersten Normentwurf – ein gelber Außenmantel sowie Adern in weiß und rot. DC-Lösungen bei Steckverbindern oder Kabelanschlüssen stehen erst später an, denn vor allem bei den Steckern gibt es schon erste Ansätze und Lösungen. Primär haben wir uns darum das Kabel vorgenommen, weil sich dieses Thema noch als völlig ungelöst darstellt.

Welche Faktoren und Gefahren müssen Sie beachten?

Im Fokus steht die Isolation. Was die Querschnitte anbelangt, sind die gleichen physikalischen Gesetze entscheidend wie beim Wechselstrom, dort ist also wenig Änderung zu erwarten. Je nachdem wie nachher die Netztopologie aussehen wird, wird das auch Einflüsse auf die Schirmung haben. Die kann im besten Fall wegfallen oder geringer ausfallen, da es keine hohen Frequenzwechsel gibt. Gefahren ergeben sich durch die Auswirkungen von dauerhafter Beaufschlagung mit Gleichspannung auf die Isolationsummantelung. Bei den Steckern sind spezielle Lösungen nötig, da ein Störlichtbogen bei Gleichstrom nicht von allein abreißt, man muss ihn aktiv löschen. Kabel altern eventuell schneller durch die anliegende Gleichspannung.

Hat Lapp eine DC-Roadmap?

Hier sind wir gerade im Übergang von einer Technologie- zu einer Produkt-Roadmap. Die Technologien sind noch nicht gänzlich erschlossen und mit den ersten Erkenntnissen, die sich jetzt in verschiedenen Projekten ergeben, wird sich diese langsam entwickeln. Ideen und Prototypen gibt es heute schon, aber weiterführend stehen jetzt erstmal diverse Tests an. Die Kapazitäten, in das Geschäft einzusteigen und den Bedarf zu decken, sind bei Lapp sicher vorhanden.

Erschienen in Ausgabe: 07/2017