Alter Wein in neuen Schläuchen

Kommentar

Konzepte – Das aktuelle Hype-Thema »Industrie 4.0« fordert eine vernetzte »intelligente« Fabrik mit sich selbst konfigurierenden Teilnehmern. Erfolgreiche Unternehmen arbeiten so schon seit Jahren.

04. Juni 2013

Kommt Ihnen das Thema Industrie 4.0 nicht irgendwie bekannt vor? Die Politik preist diese »Strategie« jedenfalls als die Rettung unserer Industrie. Doch was soll das eigentlich sein: Industrie 4.0? Auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finden Sie unter dem Thema »Hightech-Strategie« den Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0. Unter dem Titel »Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern. Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0« findet sich dort die folgende Definition: »Ein Kernelement der Industrie 4.0 ist die intelligente Fabrik – die Smart Factory. Sie zeichnet sich durch eine neue Intensität soziotechnischer Interaktion aller an der Produktion beteiligten Akteure und Ressourcen aus.

Im Mittelpunkt steht eine Vernetzung von autonomen, sich situativ selbst steuernden, sich selbst konfigurierenden, wissensbasierten, sensorgestützten und räumlich verteilten Produktionsressourcen (Produktionsmaschinen, Roboter, Förder- und Lagersysteme, Betriebsmittel) inklusive derer Planungs- und Steuerungssysteme. Die Smart Factory zeichnet sich durch ein durchgängiges Engineering aus, das sowohl die Produktion als auch das produzierte Produkt umfasst, durch das die digitale und physische Welt nahtlos ineinandergreifen. Die Smart Factory ist zudem eingebettet in firmenübergreifende Wertschöpfungsnetze.«

So weit, so gut. Aber was ist daran neu? Schon 1973 stellte Joseph Harrington CIM vor, das Konzept des Computer Integrated Manufacturing. Es beinhaltet die Verknüpfung von Informationen in der Produktion sowie die Synergiepotenziale bei der Vernetzung von Insellösungen. Und die Ideen wurden auch sukzessive umgesetzt. Von ERP und CAD über CAP (Arbeitsplanung) bis hin zu CNC-Fertigung, CAQ (Qualitätssicherung), CAM, PPS und BDE. Über Fertigungsleitsysteme werden die einzelnen Bausteine verknüpft zum vernetzten Industrieprozess. Und heute ist auch schon Supply Chain Management Realität, wird die eigene Fertigung mit den Zulieferern und den Kunden vernetzt. Was ist also Industrie 4.0? Meine Meinung: Alter Wein in neuen Schläuchen. »Stimmt nicht!«, werden die Protagonisten der Industrie-4.0-Bewegung mir entgegenschreien. Aber die wollen ja auch an die Forschungsgelder, die die Politik für ihr neu gefundenes Thema bereitstellt.

Also: Warten Sie nicht auf die Visionen von Politik und den Vordenkern der »Industrie 4.0«. Halten Sies mit Helmut Schmidt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Und machen Sie weiter auf Ihrem CIM-Weg. So wie die Initiative it’s OWL, die zum Beispiel im Verbundprojekt »Intelligente Arbeitsvorbereitung auf Basis virtueller Werkzeugmaschinen« ein Instrumentarium für die ganzheitliche virtuelle Arbeitsvorbereitung für Werkzeugmaschinen entwickelt. Beteiligt an dem Projekt sind die FH Bielefeld und die Firmen Gildemeister, Strothmann, Phoenix Contact und die Universität Paderborn im Forschungsverbund. Das ist ein weiterer Puzzle-Stein, der die CIM-Welt ein Stück weiter Realität werden lässt und keine Vision.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 04/2013