An die Grenzen gehen

Antriebstechnik

Getriebe – Standards sind für viele Experten das Allheilmittel. Dass dies in der Getriebetechnik sehr oft nicht der Fall ist, zeigt das Beispiel SPN Schwaben Präzision. Dort baut man auch langfristig auf kundenspezifische Sonderlösungen. von Michael Kleine

02. November 2011

Kein Bereich der Industrie kommt ohne Sonderlösungen aus, und so ist es auch im Getriebebau. Dies macht sich SPN Schwaben Präzision schon seit vielen Jahrzehnten zunutze. Gründer Fritz Hopf hat schon kurz nach dem Krieg erkannt, dass viele Anwendungen ohne Sondergetriebe nicht denkbar sind.

Konstruktionsleiter Ralf Kircheis erinnert sich: »SPN war und ist ein Spezialist für kundenorientierte Getriebeentwicklungen und erweist sich dabei als sehr schlagkräftig.« SPN könne dies leisten, weil das Unternehmen die meisten Verzahnungstechniken der Antriebstechnik abdeckt und objektiv Empfehlungen aussprechen kann.

»Außerdem ist Know-how ein ganz wichtiges Stichwort«, wirft SPN-Geschäftsführer Dr. Jörg Eidam ein. »Moderne Berechnungsverfahren sind wichtig und immer die Grundlage eines Projekts, aber ein gesunder Menschenverstand und viel Erfahrung sind einfach unschlagbar. Es ist zum Beispiel schwer, die optimale Ölmenge im Getriebe zu berechnen, da dies von vielen Umgebungsfaktoren wie Wärme oder Einbausituation abhängig ist.«

SPN besitzt eine große Fertigungstiefe und zudem sehr erfahrenes Personal. »So können wir die Grenzen ausloten«, sagt Ralf Kircheis. »Unser Know-how kommt vor allem aus der Bandbreite der Anwendungen, die wir abdecken, und die kaum konträrer sein könnten: Diese können sehr schnell laufende oder spielarme Antriebsstränge sein oder auch gegenteilige Anforderungsmerkmale aufweisen, wie zum Beispiel in der Schraubertechnik, wo es um absolute Tragfähigkeit geht.«

Es wird immer kleiner

Eine häufige Problematik sei der knappe Bauraum, sagt Klaus Klimek, Projektmanager für Sondergetriebe bei SPN. »Wir müssen immer mehr an die Grenzen gehen und dies durch Prüfstandsversuche verifizieren.« Wenn SPN auf artfremde Prozesse trifft und nicht über die entsprechenden Fertigungsmittel wie zum Beispiel Verfahren zur Wärmebehandlung verfügt, setzt das Unternehmen auch auf die Kompetenz und Erfahrung von Partnerfirmen.

»Das Feedback und die Erfahrung unserer Maschinenbediener beziehen wir aber immer mit ein«, weiß Ralf Kircheis um die Bedeutung guten Personals. Das sieht auch Jörg Eidam: »Wir haben in der Entwicklung eine gesunde Mischung von Qualifikationen, die uns in unserem Tun auszeichnet.«

Verzahnung ist das A und O

SPN bezeichnet sich selbst als Spezialist für Verzahnungstechnik. »Das ist unser Hauptgeschäft. Wir arbeiten mit verschiedenen Forschungszentren zusammen, um die Verzahnung zu optimieren. Dieses Vorgehen findet man nicht im Lehrbuch. Wir können viele Tausend Stunden Lebensdauer garantieren, müssen aber auch für diese Dauerfestigkeit an die Grenzen der Bauteile gehen«, erklärt Klaus Klimek.

Getriebe aus Nördlingen finden sich überwiegend im allgemeinen Maschinenbau, Kunden sind laut Dr. Eidam zumeist Unternehmen, die hohe Anforderungen an Präzision, Qualität und Laufruhe stellen, vor allem Hersteller von Textil- und Werkzeugmaschinen. »Diese schätzen unsere Zuverlässigkeit und den hohen Qualitätsstandard. Man muss über den Qualitätsanspruch des Kunden Bescheid wissen und auf kritische Stellen besonders achten. Durch unser Qualitätsmanagement klappt dies ganz gut. Einige Getriebe werden in China nachgebaut, doch die Qualität und Verlässlichkeit der SPN-Produkte schätzen viele Kunden und so bestellen sie ›Originalgetriebe‹ bei uns.«

Die Gefahr, dass ihnen die Arbeit ausgehen könnte, weil alle Welt auf Standards setzt, sehen alle drei Herren nicht. Ralf Kircheis: »In jedem Auto steckt ein Sondergetriebe. Darum machen wir uns keine Sorgen, denn die Anforderungen an optimierte Antriebskonzepte in Bezug auf Bauraum, optimierte Verzahnungsgeometrie werden steigen. Des Weiteren wird die Energieeffizienz immer mehr eine Rolle spielen, dies kann durch Standards meist nicht erreicht werden.«

Laut Klimek liegt die Zukunft der Hersteller von Sondergetrieben in der Innovation und Entwicklungskompetenz und somit auf dem daraus folgenden Vorsprung an Know-how auf dem Maschinenbaumarkt. Dies erhöht auch die Auftragschancen gegenüber denen, die auf Standard setzen, denn im Standard sind die Anbieter aus dem asiatischen Raum sehr stark. Auch Geschäftsführer Dr. Jörg Eidam zeigt sich optimistisch: »Ich bin mir sicher, dass wir auch in den nächsten Jahrzehnten mit unserem Know-how Sondergetriebe bauen und verkaufen werden.«

Und was muss zusätzlich geschehen, dass SPN wettbewerbsfähig bleibt und wachsen kann? Ein Ansatz ist laut Jörg Eidam die Mechatronik. »Viele haben das Getriebe ja schon in den 50er-Jahren totgesagt, weil die Elektromotoren immer besser werden. Wir nehmen uns der Elektrotechnik an und kombinieren sie mit unseren Getrieben zu einem gemeinsamen Produkt.«

Ein zweiter Faktor für die Zukunft sind neue Werkstoffe. Auch beim Stahl gibt es immer neue Legierungen mit neuen Eigenschaften. »Wir haben neulich einen neuen Zahnstangenstahl ausgetestet und dieser weist hervorragende Eigenschaften in Bezug auf Bearbeitbarkeit, Härte und Verzug auf«, erzählt der Geschäftsführer begeistert. »Die Materialmehrkosten versuchen wir durch Einsparung von Fertigungs- sowie Richtzeit zu kompensieren, so dass der Endkunde ein besseres Produkt zum gleichen Preis bekommt.«

Auf einen Blick

-Erstgründung 1919 in Glashütte, Neugründung durch Fritz Hopf 1945 in Nördlingen

-Umsatz 2010: 26 Millionen Euro, 300 Mitarbeiter

-Leistungsspektrum: Stirn- und Kegelräder, Zahn-stangen, Verzahnungen, Dreh- und Frästeile, Sondergetriebe, Planetengetriebe, mechatronische Antriebslösungen, Hubgetriebe, Greifer, Auslegung und Berechnung von Getrieben

Erschienen in Ausgabe: 08/2011