Elektrische Antriebe

»Antriebe werden sensorisiert«

Bonfiglioli hatte bisher seinen Schwerpunkt bei mobilen Antrieben auf Hydraulik. Massimo Palomba, Mechatronic Product Manager, erläutert Hajo Stotz im Interview, warum der Antriebs- und Getriebespezialist verstärkt auf elektrische Antriebe setzt.

13. November 2018
(Bild: Werbekoch)

Herr Palomba, Bonfiglioli ist ein führender Anbieter von Getrieben und Antrieben für industrielle Anwendungen und mobile Antriebstechnik. Was tut sich denn beim Thema Elektromobilität bei Bonfiglioli?

Wir sind davon überzeugt, dass vor allem die Gabelstaplerindustrie ein wichtiger Wachstumsmarkt für Elektromobilität ist. Doch auch im Bereich Landwirtschafts- und Baumaschinen haben wir immer mehr große Kunden, die wegen elektrischen oder Hybrid-Antrieben anfragen. Hintergrund ist zum einen die bessere Energieeffizienz elektrischer Antriebe, zum anderen natürlich die Verschärfung von Gesetzen und Vorschriften.

Bisher liegt der Schwerpunkt bei Bonfiglioli in der mobilen Antriebstechnik aber auf hydraulischen Antrieben?

So ist es. Den Hauptanteil am Umsatz tragen die Hydraulikmotoren – noch. Doch wir sehen eine zunehmende Verschiebung, der Umsatz mit elektrischen Antrieben wächst heute schon stärker als mit hydraulischen, und das wird noch weiter zunehmen. Derzeit sind die meisten Maschinenbauer immer noch in der Entwicklungs- und Konstruktionsphase. Und für sie wollen wir uns mit dem passenden Angebot positionieren.

In welcher Sparte sehen Sie denn die größten Chancen für die Elektroantriebe?

Das ist eindeutig in der Gabelstaplerindustrie. Bei den Bau- und Landmaschinen werden die hydraulischen Antriebe noch einige Zeit dominieren. Doch das Interesse an der neuen Radantriebsserie 610X für Bagger ist beispielsweise sehr groß.

Das Problem für den Elektroantrieb bei Baumaschinen sind die erforderlichen hohen Kräfte?

Richtig. Ab einer bestimmten Leistung gibt es keine sinnvollen elektrischen Lösungen mehr, insbesondere bei linearen Bewegungen, etwa im Baumaschinenbereich. Das wäre zwar technologisch machbar, das würde aber kein Kunde bezahlen.

»Elektromobilität ist ein Wachstumsmarkt.«

— Massimo Palomba, Bonfiglioli

Bei Gabelstaplern sieht das anders aus?

So ist es, das ist ein Wachstumsmarkt für unsere elektrischen Antriebe, wie zum Beispiel unseren 600F. Denn die Preise der Batterien werden durch neue Entwicklungen in diesem Bereich immer weiter sinken, die Technologie der Elektromotoren wird immer besser werden und durch die steigenden Produktionszahlen werden auch die Preise sinken.

Bei Dieselmotoren wird dagegen die Technik zur Reduzierung der Abgasemissionen aufgrund der gesetzlichen Vorschriften immer aufwendiger, und damit steigen natürlich auch die Kosten weiter.

Elektrische Antriebe bieten die einfache Möglichkeit, sie mit Sensorik auszustatten und damit laufend Daten zum Zustand abzurufen. Ist das für Anwender auch ein Thema?

Ein sehr wichtiges. Mit der Möglichkeit, die Antriebe zu sensorisieren, kann der Anwender Condition-Monitoring-Systeme nutzen und damit die Effizienz der Maschine sowie des Einsatzes optimieren. Das ist eine Evolution, die da gerade passiert – wie bei Industrie 4.0 geht das in Richtung Baumaschine 4.0 und Landwirtschaftsmaschine 4.0. Und deshalb beschäftigt sich Bonfiglioli mit dem Thema intensiv: Wir sind dabei, eine Reihe von Smart Sensoren für unsere Getriebe zu entwickeln. Die messen neben Drehmomenten, Drehzahlen und Temperatur auch Schwingungen und liefern diese Information dann in die Cloud.

Wozu lassen sich diese Daten dann nutzen?

Das sind zum Beispiel Daten, die für die Wartung und Instandhaltung der Gabelstapler genutzt werden. Zudem wird auch überwacht, wie der Gabelstapler an sich fährt, und es lassen sich auch Informationen zur Effizienz der Fahrweise des Fahrers sammeln.

Mit den Sensoren können wir aber auch neue Geschäftsmodelle eröffnen: Wir könnten uns vorstellen, dass wir nicht mehr Getriebe und Antrieb verkaufen, sondern beispielsweise die garantierte Nutzung von 10.000 Arbeitszyklen. Das sind ganz neue Ansätze, die sich für den Kunden und für uns eröffnen.

Rechnet sich das denn für den Anwender?

Das kommt immer auf den Einzelfall an. Aber generell können wir sagen, je höher die Kosten der Maschine und der Installation, desto höher auch die Kosten der Stillstände oder der Wartung.

Der Synchronreluktanzmotor, den Bonfiglioli letztes Jahr vorgestellt hat, ist der auch für mobile Anwendungen geeignet, zum Beispiel in Gabelstaplern?

Der Synchronreluktanzmotor BSR wurde vordergründig für den Einsatz in der Industrie entwickelt und bietet bei gleicher Baugröße eine höhere Leistung und Energieeffizienz.

Aber natürlich ist er mit diesen Eigenschaften auch für den Einsatz in Gabelstaplern interessant. Insbesondere bei High-End-Gabelstaplern werden sich in den nächsten Jahren alternative Motortechnologien durchsetzen, wie Permanentmagnet- oder Synchronreluktanzantriebe.

Das ist deshalb eine unserer Stärken in der Gabelstaplerindustrie: den kompletten Antriebsstrang, also Motor und Getriebe, zu entwickeln. So können wir das besser aufeinander abstimmen und schneller reagieren als ein Getriebehersteller, der keine Kompetenz bei Elektromotoren hat und sich ständig mit seinen Zulieferern abstimmen muss.

Sie sind Product Manager Electric Drives bei Bonfiglioli Mobile Business Unit in Forli, nahe Bologna – wie viele Mitarbeiter hat der Geschäftsbereich?

Der Hauptsitz von Bonfiglioli ist in Bologna, im sogenannten Gear Valley. Denn zwischen Mailand und Bologna ist der Sitz vieler Spezialisten für Antriebstechnik und Getrieben, und hier gründete auch Clementino Bonfiglioli 1956 sein Unternehmen, das heute mehr als 3.700 Mitarbeiter beschäftigt.

Die Mobile Business Unit hat insgesamt 1.300 Mitarbeiter, in Forli sitzen rund 700 davon.

Bonfiglioli hat ja erheblich in neue Werke investiert – steht das auch im Zusammenhang mit elektrischen Antrieben?

Am Stammsitz in Bologna wurde im April der Grundstein für ein neues Getriebewerk gelegt, das ist eine 60-Millionen-Euro-Investition. Und in Forli, dem Headquarter für Mobile Antriebe, wurden in diesem Jahr 10 Millionen Euro investiert für die Erweiterung der Produktions- und Montagefläche der elektrischen Gabelstaplerantriebe. In alle Werke weltweit wird zudem massiv mit dem Ziel einer Industrie-4.0-Produktion investiert.

Sie sehen: Nicht nur bei Elektromobilität, sondern auch im Hintergrund tut sich also sehr viel bei Bonfiglioli. hjs

Erschienen in Ausgabe: Nr. 08 /2018

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