Anwältin der Sicherheit

Renate Pilz - Für David zu groß und für Goliath zu klein. Dich in der Sicherheitstechnik hat Pilz genau die richtige Größe, und Konflikte mit Größeren werden heutzutage nicht mit Steinwürfen ausgetragen, findet Renate Pilz. :K hat mit der »Grande Dame« der Sicherheitstechnik gesprochen.

30. Juni 2005

Frau Pilz, der größte deutsche Automatisierungsanbieter hat seine sicherheitstechnischen Lösungen auf den Markt gebracht. Bringt Sie das in Bedrängnis?

Im Gegenteil. Ich finde diese Sicherheitslösung kam zu spät auf den Markt. Denn zahlreiche Kunden haben gewartet, was hinter den langjährigen Ankündigungen steckt. Jetzt können sie sich beruhigt für unsere Lösung entscheiden.

Frau Pilz, am Telefon melden sich Ihre Mitarbeiter mit »Pilz - sichere Automation«. Haben Sie diesen Tätigkeitsnachweis heute noch nötig?

Die Sicherheitstechnik ist die Königsdisziplin der Automatisierung - und hier sind wir Marktführer. Deshalb fügen unsere Mitarbeiter gerne den Zusatz ›Sichere Automation‹ zum Namen Pilz hinzu. Ansonsten ist der Name Pilz tatsächlich ein Synonym für die Sicherheitstechnik. Wir zählen weltweit zu den wichtigsten Adressen in Sachen Sicherheit.

Wann sind Sie in die Sicherheitstechnik eingestiegen?

In die eigentliche Sicherheitstechnik sind wir 1968 mit dem ersten Zwei-Hand-Bedienrelais eingestiegen. Danach haben wir die ersten frei programmierbaren Steuerungssysteme entwickelt. Das erste Not-Aus-Schaltgerät folgte 1987. Das ›PNOZ‹ hat den Begriff der Sicherheitsschaltgeräte eigentlich geprägt. Ein weiterer großer Schritt war die erste programmierbare Sicherheitssteuerung ›PSS‹, die wir 1995 auf den Markt brachten. Damit war es erstmals möglich, elektronische Sicherheitsschaltkreise aufzubauen. Im Jahr 1997 haben wir dann unser sicheres offenes Bussystem ›SafetyBus p‹ zur sicherheitsgerichteten Vernetzung von Maschinen und Anlagen vorgestellt. Und jährlich folgen Innovationen.

Sicherheit heißt z.B. Menschen am Arbeitsplatz vor Gefahren schützen. Welche Schwerpunkte setzen Sie außerdem?

Richtig. Selbstverständlich geht es in erster Linie darum, Unfälle am Arbeitsplatz zu verhindern. Aber ausschlaggebend ist auch die Notwendigkeit, Stillstandszeiten zu vermeiden und die Verfügbarkeit zu erhöhen. Maschinen und Anlagen müssen schnell wieder zur Verfügung stehen. Der enorme Druck wirtschaftlich zu produzieren, das heißt möglichst störungsfrei und ohne Stillstandszeiten, hat entscheidend zur Etablierung der Sicherheitstechnik beigetragen. Kein Anlagenbetreiber kann heute einen längeren Maschinenausfall riskieren.

Beraten Sie den Kunden auch, wie er seine Anlage in punkto Sicherheit auf Vordermann bringt?

Wir stehen den Kunden bereits in der Design-phase zur Seite und begleiten sein Produkt von Anfang an. Im Dialog mit ihm entwickeln wir Sicherheitskonzepte und nehmen Risikobetrachtungen vor. Dabei zeigt es sich immer wieder, dass Sicherheitstechnik mehr ist als das Befolgen von Normen. Wer heute in Sicherheitstechnik investiert, spart Kosten, die zum Beispiel durch Maschinenstillstände entstehen.

Andere Länder, andere Sicherheit. Sind die industriellen Sicherheitsstandards hierzulande besonders hoch?

In Deutschland und in anderen europäischen Ländern ist nicht nur das Kostenbewusstsein hoch entwickelt, auchder Gedanke Menschen vor Gefahren am Arbeitsplatz zu schützen ist sehr ausgeprägt. Angesichts der europa- und weltweiten Vernetzung ist es ein Gebot, die Sicherheitsstandards so einheitlich wie möglich zu gestalten. Aus diesem Grund arbeiten wir weltweit in unterschiedlichen Normungsgremien der Sicherheitstechnik mit. Das heißt wir leisten dort, wo die Sicherheit nicht allzu hoch gehandelt wird, die notwendige Aufklärungsarbeit. Wir sehen uns eben als Botschafter der Sicherheitstechnik.

Wie stellen Sie sich international auf?

Unser Unternehmen ist bereits seit den Sechzigerjahren auf den internationalen Märkten präsent. Damals haben wir von Ostfildern aus Tochtergesellschaften in Österreich, Frankreich und in der Schweiz gegründet. Später entstand Pilz Großbritannien, und in den Neunzigerjahren ergänztenTochtergesellschaften auf den grossen Märkten Amerika und Asien das internationale Geschäft. Heute haben wir 600 Mitarbeiter in unserer Zentrale in Ostfildern und sind weltweit mit etwa 1.000 Mitarbeitern ein global aufgestelltes Unternehmen.

Was verstehen Sie unter Systemanbieter?

Wir haben uns langsam vom Komponentenhersteller zum Systemanbieter entwickelt. Sicherheitsapplikationen sind einfach zu komplex, um sie von der Stangezu kaufen. Sicherheit hat etwas mit Vertrauen zu tun. Deshalb stehen Service und Beratung unserer Kunden ganz hoch im Kurs. Der Risikoanalyse folgt die Beratung und das mit dem Kunden gemeinsam entwickelte Sicherheitskonzept. Pilz kann dazu mit seiner Engineering-Abteilung Schaltpläne erstellen, Software ausarbeiten undalles bieten, was zum Aufbau des Schaltschranks erforderlich ist.

Wie günstig sind Sicherheitslösungen?

Wir wollen die Kosten unserer Kunden senken. Wir erreichen z.B. mit dem multifunktionalen Sicherheitssystem ›PNOZmulti‹ eine Ersparnis von 40 Prozent. Gerade zur Akzeptanz der Sicherheitstechnik ist eswichtig, nicht nur ›hohe‹ Anschaffungskosten zusehen. Entscheidend ist, dass eine Kostenreduzierung des gesamten Automatisierungsblocks erreicht werden kann.

Wie binden Sie Ihre Kinder in die Unternehmensleitung ein?

Beide sind mit Herz und Seele im Unternehmen. Susanne Pilz gehört bereits der Geschäftsführung an und Thomas Pilz leitet das Geschäft unseres Unternehmens in den Vereinigten Staaten.

Erschienen in Ausgabe: 01/2004