Auf der Suche nach dem heiligen Gralgorithmus

Kommentar

Suchmaschinen – Das Kürzel SEO für die Suchmaschinenoptimierung ist in aller Munde, aber statt komplizierter Formeln genügt hochwertiger Inhalt, um von den richtigen Leuten gefunden zu werden.

10. November 2015

Die einen halten sie für ein absolut notwendiges Marketingwerkzeug, die anderen für Quatsch, wieder andere kratzen sich ratlos am Kopf: Die Rede ist von der sogenannten Suchmaschinenoptimierung online veröffentlichter Texte, bekannt unter dem Kürzel SEO (»Search Engine Optimization«). Zu den eher Ratlosen zählen auch ein paar Kunden meiner Agentur, die mich hin und wieder fragen, ob ich ein Engagement darauf spezialisierter Dienstleister sinnvoll finde. Ich stehe dem sehr skeptisch gegenüber und antworte zumeist mit nein. Natürlich ist es für jedes Unternehmen wichtig, dass sein Webauftritt, dass eigene Produkte und Leistungen bei ganz bestimmten Suchanfragen prominent in der Trefferliste landen. Doch wie ist das zu erreichen? Zustande kommen Trefferrangfolgen bei Internet-Suchen durch Algorithmen, die von der Suchmaschine erfasste Inhalte nach Relevanz, Vertrauenswürdigkeit und Qualität der Informationen indizieren.

»Die Suchmaschine« ist in dieser Formulierung natürlich eine eher zweifelhafte Generalisierung an den wirklichen Verhältnissen vorbei. Gefühlt schon seit Kolumbus Reise in die Neue Welt ist so gut wie jedermann bekannt, dass die Online-Erde eine Google ist. Der in Mountain View ansässige kalifornische Konzern ist inzwischen auch eine der führenden Adressen in der künstlichen Intelligenz, zumal im Bereich der Sprach- und Textverarbeitung. Er gibt jedoch keine Bulletins dazu heraus, wie die Weiterentwicklung der Algorithmen für den Suchindex genau voranschreitet. Bekannt ist immerhin, dass es dabei seit jeher zu den wichtigsten Zielen gehört, Manipulationsversuche zu durchkreuzen. Primitive Tricks, früher gern in Form von Wortmülldeponien in weißer Schrift auf weißem Grund oder in den Meta-Datenfeldern einer Online-Seite, führen kaum mehr zum Ziel der besseren Trefferplatzierung. Ähnliches gilt auch für Linkfarmen, über die durch Wegweiser von einem Potemkinschen Internet-Dorf zum nächsten breite Wahrnehmung fingiert und Relevanz vorgegaukelt werden soll.

Viele SEO-Agenturen orakeln über die jeweils jüngsten und nächsten Schritte des Suchgiganten von der Westküste und gerieren sich auf diese Weise als Hüter kostbaren Geheimwissens, um den allgewaltigen Datenkraken auszumanövrieren. Gurus der Szene verblüffen mit viel bestaunten Weltformeln wie »WDF*IDF« zur Ermittlung der optimalen Keyword-Dichte. Lohnt es sich wirklich, solches Know-how einzukaufen – und dann zu versuchen, es bei der eigenen Textgestaltung anzuwenden? Google-Algorithmen werten derzeit erklärtermaßen über 200 Parameter aus, um unterm Strich inhaltsreiche und nach klassischen Maßstäben gut geschriebene Texte hochzuranken. Nur so kann ja der Kunde – der suchende User – Substanzielles und Überzeugendes zum Gegenstand einer Suche präsentiert bekommen, das möglichst zuverlässig aus kompetenter Quelle stammt. Würde dieses Ziel nicht überwiegend auch erreicht, wäre Google nicht schon lange nahezu Monopolist der Online-Suche.

Ich meine, das legt nur einen Schluss nahe: Wer als Top-Treffer bei Google gelistet werden will, sollte »einfach« gleich Top-Content kreieren, diesen über renommierte Kanäle online bringen und daneben mit der eigenen Website selbst zur seriösen, renommierten Quelle werden. Gefragt sind dafür klar strukturierte Texte, die durchweg themen- und zielgruppenrelevant gehalten sind. Daneben hilft der gesunde Menschenverstand. Man frage sich, nach welchen Begriffen man selbst auf der Suche nach einschlägigen Produkten oder Leistungen googeln würde, und binde diese in die eigene Darstellung ein. Man komme nicht auf die Idee, den zentralen Begriff einer Seite lediglich als grafischen Inhalt, zum Beispiel als zappeliges Filmchen, darzubieten. Denn so gingen elementare Informationen eventuell gar nicht erst in den Textkorpus der Suchmaschine ein.

Kann dabei nun eine SEO-Agentur, die aus einer Hand die optimale Texterstellung anbietet, ganz besonders wirksam helfen? De facto sitzt an der »Generierung« eines »SEO-Textes« allzu oft ein nach Mengenpreisen honorierter freier Mitarbeiter irgendwo im Nirgendwo. Ohne Sachkunde für den jeweiligen Gegenstand der Darstellung bemüht er sich, auf gegebene Inhalte standardisierte Textverunstaltungsverfahren anzuwenden, die sein Auftraggeber ausgetüftelt hat. Wo zwischen Keywords Masse fehlt, wird mangels Alternativen mit sprachlichen Leerformeln aufgefüllt. Die Erfahrung lehrt, dass solche Texte auch in der Maschine, für die sie konditioniert wurden, selten Wunderwirkungen entfalten, für den Menschen aber ziemlich zuverlässig wenig lesenswert geraten. Aus SEO wird dann T-O – denn diese Texte sind am Ende für die Tonne optimiert.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2015