Automatisierung gegen Pflegenotstand

Kommentar

Pflege – Warum sollten Roboter den Menschen nicht unterstützen?

14. März 2018

Obwohl wir in unserem Land gut & gerne leben, alles zum Besten steht, die Wirtschaft wächst, die Vollbeschäftigung vor der Tür steht und es uns allen noch nie so gut ging wie heute, scheint nicht alles so super zu laufen. So war es aus Sicht der Wahlkampfstrategen sicher ein schlimmer Betriebsunfall, als ein junger Mann, selbst Pfleger, in der ARD-Wahlarena gegenüber der Kanzlerin den Pflegenotstand thematisierte. Obwohl das Thema bereits seit Jahren auf höchster Alarmstufe brodelt, bedurfte es offensichtlich (mal wieder) erst einer Fernsehshow kurz vor den Wahlen, damit es von der Politik überhaupt wahrgenommen wird. Nun hat sich Frau Merkel redlich bemüht, das Thema freundlich wegzumoderieren und dem jungen Pfleger ganz in der Art von »Sie kennen mich« und »Wir schaffen das« zugesagt, dass sie sich darum kümmern werde und er nur zwei Jahre abwarten solle. Leider wird sich dieses Problem weder durch Aussitzen lösen lassen noch durch die großkoalitionäre Willensbekundung, 8.000 neue Pflegekräfte einzustellen. Diese Zahl scheint ohnehin mit dem Würfel entschieden worden zu sein – Kritiker jedenfalls, die mit der Pflegerealität vertraut sind, fordern mindestens die zehnfache Menge. Allerdings weiß niemand, wo die künftigen Pfleger überhaupt herkommen sollen, steht der Beruf des Altenpflegers doch im Ruf einer unterbezahlten Schinderei, die die Ausübenden höchstens zehn Jahre durchhalten. Aus diesem Grund denke ich, dass kein Weg um eine massive Automatisierung der Pflege herumführt. Bislang jedoch standen dieser Strategie in Deutschland hauptsächlich zwei Einwände entgegen: die noch nicht vorhandenen technischen Möglichkeiten und die Ansicht, dass der Einsatz von Pflegerobotern ethisch nicht vertretbar sei, da Pflege ein Dienst am Menschen durch Menschen bleiben müsse.

Werfen wir einen nüchternen Blick auf die Fakten. Zunächst kann es nicht darum gehen, Pfleger komplett zu ersetzen, sondern sie stattdessen so weit wie möglich von automatisierbaren Aufgaben zu entlasten. Schon heute könnten nicht nur digitale Assistenzsysteme Pflegekräfte bei der Organisation ihrer täglichen Aufgaben verstärkt unterstützen, sondern auch viele Transportaufgaben innerhalb größerer Einrichtungen mit autonom fahrenden Elektrofahrzeugen durchgeführt werden. Ebenso sind heute auf dem deutschen Markt einige Produkte erhältlich, die noch vor einigen Jahren als »japanische Spinnerei« belächelt wurden, wie etwa voll automatisierte Toiletten, die zugleich über Sensoren in der Klobrille automatisch die Körpertemperatur messen. In japanischen Pflegeheimen haben sich bereits voll automatisierte Duschkabinen etabliert, die Pflegekräften viel Zeit und Anstrengung ersparen.

Hinsichtlich technischer Visionen für kooperationsfähige Robotik- und Automatisierungslösungen lohnt sich überhaupt der Blick nach Japan. Denn die Entwicklung von Pflegerobotern zählt dort zu den Zielvorgaben einer Politik, die sich bemüht, den großen Problemen einer überalternden Gesellschaft mit Realismus gegenüberzutreten. So werden beispielsweise Universitäten mit staatlichen Fördermitteln darin unterstützt, multimobile Krankenbetten zu entwickeln, die bei Bedarf als Rollstuhl dienen können. Humanoide oder tierähnliche Therapieroboter sind bereits in der Lage, Demenzpatienten die Einsamkeit zu vertreiben. Von zentraler Bedeutung ist natürlich auch die Entwicklung von Heberobotern, die Menschen aus dem Bett liften können, sowie von Exoskeletten, die das Personal bei schweren körperlichen Tätigkeiten entlasten und körperbehinderten Patienten autonome Mobilität ermöglichen.

Angesichts der pragmatischen Herangehensweise der Japaner vermisse ich in Deutschland eine sprichwörtlich grundlegende Debatte zur Pflege-Automatisierung. An diesem Punkt winden sich aber nach wie vor viele Gesundheitspolitiker und Heimbetreiber in ethischen Zweifeln – nur hilft uns das nicht weiter, solange keine zeitnahen Lösungen für die realen Missstände gefunden werden. Ich jedenfalls möchte im Pflegefall lieber von Maschinen Unterstützung erhalten als von Menschen ohne Zeit, die kurz vor dem nervlichen und körperlichen Zusammenbruch stehen. Und wer die vermeintlich hohen Kosten gegen die Automatisierung ins Feld führt, möge mir erklären, warum zum Beispiel die Fertigungsindustrie zur Kostenminimierung gerade verschärft auf Automatisierung setzt. Wenn Pflegekräfte dermaßen unterbezahlt sind, dass sich schon die Automatisierung nicht mehr rechnet, sollten wir das Wort »Ethik« gar nicht mehr in den Mund nehmen. Wenn Sie, verehrter Leser, in der Automatisierungsbranche tätig sind: Schauen Sie doch einmal, ob nicht vielleicht ein paar Ihrer Produkte auch die Pflege(r) stärken können. Vielleicht eröffnet sich hier bald ein neues Anwendungsfeld.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r.eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 02/2018