Bälge für Busse

Fahrzeugbau

Faltenbälge – Mit der Parole »Genäht statt geschweißt« versucht der erfahrene italienische Werkzeugmaschinenausrüster P.E.I. Srl, jetzt auch im Fahrzeugbau Fuß zu fassen.

26. September 2011

Für Giorgio Tabellini ist es seit vielen Jahren eine Grundidee, sein Unternehmen mit dem deutschen Markt und mit anderen ausländischen Märkten zu vergleichen. Der Italiener ist davon überzeugt, dass sich die von ihm geführten P.E.I. Srl mit Hauptsitz in Bologna jederzeit international den heutigen Herausforderungen in Bezug auf Qualität und Innovation stellen kann. Vor gut 30 Jahren hat Tabellini die P.E.I. Gruppe (der Name steht für Protezioni Elaborazioni Industriali) gegründet. Im Jahr 2010 erwirtschaftete die inzwischen 220 Mitarbeiter beschäftigende Gruppe – zu der neben dem Stammhaus in der Emilia-Romagna drei weitere Unternehmen gehören – 27 Millionen Euro an Umsatz, davon 35 Prozent mit Export. Vier Prozent der erzielten Umsatzerlöse investiert das Unternehmen in Innovation und Entwicklung.

Der Hauptexportmarkt von P.E.I. liegt nördlich der Alpen. Und hier, in Deutschland, hat die Firma zum 1. März 2011 ihre Vertriebsorganisation umstrukturiert. »Italien ist ein bedeutender Hersteller von Werkzeugmaschinen. Innovationen und Neuentwicklungen haben allerdings sehr häufig ihren Ursprung in Deutschland«, erklärte Tabellini Mitte Juli auf einer Pressekonferenz in Ismaning bei München. Für ihn liege in dieser Offenheit für Innovationen eine große Herausforderung.

Gegenüber der Presse sagte der Präsident der Unternehmensgruppe: »Unser nunmehr zwanzigjähriges Bestehen auf dem deutschen Markt zeigt, dass ein starkes Interesse an italienischen Produkten besteht.« Demzufolge habe P.E.I. seit März 2011 das Vertriebsnetzwerk in Deutschland verstärkt, um eine »noch engere Zusammenarbeit mit neuen sowie den im Laufe der Jahre gewonnenen Kunden zu ermöglichen«.

Ihren besonderen Vorteil sieht P.E.I. in der Verfügbarkeit der gesamten Produktionspalette dynamischer Abdeckungen für Werkzeugmaschinen. Den Kunden und Interessenten könne P.E.I. jederzeit, so im Originalton die Geschäftsleitung, »maßangefertigte Produkte als optimale Lösung für deren Abdeckung von Führungen anbieten.« »Mit unseren Teleskop- und Rolloabdeckungen, Schürzen, Rundfaltenbälgen, Faltenbälgen mit und ohne Lamellen sowie Abstreifern positionieren wir uns als ein führender Hersteller dynamischer Abdeckungen für Werkzeugmaschinen«, verlautbarte auf der Pressekonferenz in der Nähe des Münchner Flughafens.

Genäht, nicht geschweißt

Was hat jemand, der Werkzeugmaschinen mit dynamischen Abdeckungen ausrüstet, im Metier der Mobilen Maschinen zu suchen? Auf der Pressekonferenz am 14. Juli in Ismaning ließ Tabellini die Katze aus dem Sack: »Es ist nicht das erste Mal, dass wir Materialien und Technologien aus anderen Branchen übernehmen oder in andere Branchen übertragen«, erklärte Tabellini und präsentierte die jüngste Innovation des Unternehmens: Faltenbälge für Gelenkbusse. Der Marktführer auf diesem Feld ist hierzulande schon lange präsent: Seit mehr als 50 Jahren fertigt die Hübner GmbH Faltenbälge für Gelenkbusse. Die Technologie und Dominanz der Firma aus Kassel habe ihn herausgefordert, erklärt Tabellini: Schließlich bestünden eindeutig Synergien zwischen Faltenbälgen für Werkzeugmaschinen und solchen für Gelenkbusse.

Während indes Faltenbälge in den USA und Japan hauptsächlich thermogeschweißt würden, habe sich P.E.I. für das Nähen der Bälge für Busse entschieden, berichtet der Unternehmenschef aus Italien und erklärt warum: »Genähte Faltenbälge sehen gut aus, halten lange und sind ein Spezialgebiet von uns.« Für Werkzeugmaschinen hat P.E.I. jedoch auch thermogeschweißte Bälge im Portfolio.

Zusammenarbeit mit ATG

Einen starken, deutschen Partner für ihre genähten Gelenkbusbälge besitzt P.E.I. bereits: Die ATG Autotechnik GmbH in Siek bei Hamburg. Der Betrieb ist erfahrener Ausrüster von Großbussen und Eisenbahnwaggons mit Drehgelenken, dessen Drehgelenke der Marke Artic-O-Mat bereits seit 1984 international nachgefragt werden – unter anderem aus den USA.

Für das europäische Geschäft von ATG fertigt P.E.I. die Faltenbälge aus Polyestermaterial, das mit dem synthetischer Kautschuk Hypalon beschichtet ist. Dazu werden zwei Lagen Polyester zwischen drei Lagen Hypalon eingelegt, danach wird der Faltenbalg zusammengenäht. Zum Schluss werden die äußeren Nähte noch durch Einbringen eines Aluminiumprofils versteift. Anwendungsbeispiele für das ATG/PEI-Produkt finden sich bei den Volvo-Gelenkbussen B7L und B10L. Deren Gelenke bestehen aus den drei Hauptkomponenten Faltenbalg, mittlerer Stabilisierungsrahmen sowie Führungseinheit für Elektro- und Belüftungskabel unter dem Dach des Übergangs.

EvoBus testet Faltenbalg

Dass besagte Faltenbälge für Gelenkbusse im Betrieb ohne Beanstandung funktionieren, bestätigt ein Versuchsbericht der Daimler-Tochter EvoBus. Danach hat die EvoBus GmbH aus Kirchheim unter Teck Fahrversuche auf Steigungs- und Verwindungsstrecken durchgeführt und eine Dauerbetriebserprobung von über 100.000 Kilometern vorgenommen und dabei den Faltenbalg in Bezug auf dynamischen Freigang überprüft. Der EvoBus-Abschlussbericht erklärt: »Um eine mögliche Alternative zum Lieferanten Hübner zu haben, wird der Faltenbalg der Firmen ATG/PEI auf Freigang und Praxistauglichkeit geprüft.« Der Report kommt zu dem Ergebnis: »Die Vorabfreigabe wird erteilt.«

Bedeutsam überdies, dass EvoBus zudem schreibt: »Konstruktive Änderungsbedingungen sind keine erforderlich.«

Wieso auch: Nach 119.821 Kilometern Testfahrt hatte der Faltenbalg aus italienischer Produktion mit dem Gelenkbus seine Bewährungsprobe unbeschadet überstanden.z

Erschienen in Ausgabe: 02/2011