Bis alle streiken...

Editorial

»Hoffen wir, dass unsere Branche nicht auf die Idee kommt, zu streiken.«

02. Juni 2015

Eigentlich sollte man ja kein einziges Wort verlieren über den unsäglichen Streik des ach so sympathischen Herrn Weselsky und seiner Lokführerkollegen. Eigentlich müsste man diesem ganzen Zirkus einen Riegel von ganz oben vorschieben, die Sache abhaken und sich netteren Dingen des Lebens widmen, jetzt wo die Sonne auch abends scheint und der Biergarten ruft oder sogar schon das Schwimmbad.

Aber wenn die einzige vernünftige S-Bahn noch vor dem Aufstehen losfährt, hat der Streik der GDL sehr direkte und spürbare Auswirkungen auf den Alltag des Redakteurs. Wenn lange geplante Dienstreisen ins Wanken geraten und man stattdessen mit dem Auto verlässlich im Stau steht, bleibt eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema nicht aus.

Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob die GDL zu Recht und verfassungskonform streikt oder aus rein egoistischen Gründen, es drängt sich ein anderer Gedanke auf: Welche Auswirkungen hätte es, wenn Bereiche streiken würden, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben? Was wäre, wenn sich die Unternehmen aus der Branche aus irgendeinem Grund entschließen, ihren Kunden die Komponenten zu versagen?

Sicher wären das Chaos und die Schäden um Potenzen höher als die geschätzten 500 Millionen Euro, die ein einziger GDL-Streik die Wirtschaft kostet. Roboter und Fließbänder stünden still, weil kein Antrieb sie in Bewegung setzt. Werkstücke liefen ins Nirvana, weil die Sensoren fehlen, die ihre konkrete Position erkennen, und Steuerungen, die die Signale weiterverarbeiten. Maschinen wären unkontrollierbar, weil keine Führung, kein Aktuator und kein Portal ihre einzelnen Bestandteile in die richtige Richtung lenkt.

Welche spannenden Lösungen uns in diesem Fall entgingen, schildert übrigens unser Spezial ab Seite 31. Anstatt sich also über den mickrigen Lokführer-Streik zu ärgern, sollten wir hoffen, dass unsere Branche nicht auf solche Ideen kommt.

Erschienen in Ausgabe: 04/2015