Boom am Zuckerhut

Trendthema

Brasilien – Aus dem tropischen Land der Sehnsucht ist eine starke Wirtschaftsmacht geworden – Brasilien ist äußerst attraktiv auch für deutsche Maschinenbauer. Wer nicht vertreten ist, verschenkt große Potenziale.

04. Mai 2012

Gemeinhin besteht Brasilien aus Samba, famosen Stränden und Rio mit dem Zuckerhut. Naturfreunde kennen vielleicht noch den Amazonas oder die Fälle von Iguaçu. Aber hinter dem riesigen Land, das 47 Prozent der Fläche Südamerikas einnimmt, steckt weit mehr, steckt eine aufstrebende, schnell wachsende Wirtschaftsmacht. Erst kürzlich hat Brasiliens Wirtschaft Großbritannien überholt und ist jetzt die sechststärkste weltweit. Noch im Jahr 1980 rangierte das Land zwischen dem 17. und 19. Platz. Für 2015 sagen Experten Platz 5 voraus.

Brasiliens Wirtschaft legte im Jahr 2010 um 7,5 Prozent zu, das Pro-Kopf-Einkommen lag bei rund 8.400 US-Dollar, 190 Millionen Einwohner bilden einen riesigen Markt. Das Bruttoinlandsprodukt resultiert zu etwa 65 Prozent aus Dienstleistungen, zu 29 Prozent aus der Industrie und zu sechs Prozent aus der Landwirtschaft. Rekorde bei Wachstum, Außenhandel, Investitionen und auch beim Beschäftigungszuwachs steigern das wirtschaftspolitische Interesse an Brasilien – und das in aller Welt.

Ein besonderer Wachstumsschub wird von der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, den Olympischen Spielen 2016 und der Erschließung der 2008 entdeckten umfangreichen Rohöl- und Erdgasvorkommen an der südöstlichen Atlantikküste erwartet. Es ist abzusehen, dass viele private und öffentliche Unternehmen zu diesen Großereignissen in erheblichem Umfang investieren werden.

Eines der größten brasilianischen Unternehmen ist der Ölkonzern Petrobras. Die Staatsfirma zählt zu den größten Energieunternehmen der Welt und zu den wenigen, deren Erdölproduktion weiter zunimmt. Der Bergbaukonzern Vale ist das profitabelste Unternehmen Lateinamerikas und der größte Eisenerzproduzent der Welt. Neben Bergwerken und Verladehäfen gehört ihm auch ein Großteil des brasilianischen Bahnnetzes. Auch der Flugzeughersteller Embraer hat einen staatlichen Hintergrund, gehört inzwischen aber mehrheitlich privaten Eignern. Hinter Airbus und Boeing konnte sich Embraer Platz drei auf dem Weltmarkt sichern.

Brasilien bezeichnet sich vor allem auch im Bereich der IT als innovationsstark, hochflexibel und serviceorientiert. Das Wachstumspotenzial ist groß. Im März 2012 hat sich das Land darum als Partnerland der Cebit präsentiert, was den Stellenwert und Fortschritt der brasilianischen Wirtschaft ein weiteres Mal verdeutlicht. Im IT-Sektor gilt Brasilien heute weltweit als Musterland. Auch der Ausblick ist unvermindert positiv: Nach Schätzungen legt der brasilianische IT-Sektor 2012 voraussichtlich um sechs Prozent zu und erreicht ein Volumen von 92 Milliarden Euro.

Deutsche Unternehmen nach Brasilien

Angesichts dieser Erfolg versprechenden Umstände und Ausblicke ist es nicht verwunderlich, dass das Land auch deutsche Unternehmen anzieht. Der Absatzmarkt Brasilien ist verlockend, auch und vor allem für den Maschinenbau.

Das weiß auch Dr. Susanne Engelbach, beim VDMA als Referentin für Süd- und Zentralamerika tätig. Sie beobachtet ein starkes Interesse der Mitgliedsfirmen daran, sich in Brasilien besser aufzustellen: »Der VDMA will das Netzwerk der in Brasilien tätigen Unternehmen samt anderen Ansprechpartnern aufschließen. Dazu kooperieren wir auch mit ABIMAQ, dem brasilianischen Maschinenbauverband«, sagt Dr. Engelbach. »Unser Bestreben ist, gemeinsamen Nutzen zu identifizieren, wie etwa beim Technologieaustausch. Wir haben jetzt die neueste Maschinenrichtlinie in Englisch von ABIMAQ erhalten. Diese dürfte technische Impulse geben für die Modernisierung des Maschinenparks in Brasilien. Der VDMA arbeitet ständig an den Schnittstellen für den Erfolg in Brasilien.«

Es geht um geeignete Standorte, wer vom Marktumfeld schon vertreten ist und um die rechtlichen Rahmenbedingungen. Über diese Punkte informiert Dr. Engelbach interessierte Firmen und begleitet sie. Laut offiziellen Aufstellungen sind um die 1.000 deutsche Unternehmen in Brasilien aktiv, ein beachtlicher Anteil aus dem Maschinenbau. Und immer mehr Unternehmen planen Servicestützpunkte und Fertigungsstätten.

Brasilien ist schon seit einigen Jahren von steigendem Interesse für deutsche Maschinenbauer, da über die Breite aller Sektoren Absatzpotenzial besteht. Die Referentin gibt Beispiele: »In der Automobilindustrie zieht jedes Investment Zulieferer nach sich. Wer dort fertigt, benötigt ein anspruchsvolles Geflecht von Produktionstechnik, aber auch zur rechten Zeit die richtigen Materialien. Entlang dieser ganzen Wertschöpfungskette gibt es starke Potenziale.«

Auch in der Nahrungsmittel- und Agrarindustrie gibt es wegen der riesigen natürlichen Ressourcen des Landes noch große Chancen, auch in der Verpackung, Kühlung und Lieferung von Nahrungsmitteln. »Obst, Fisch oder Fleisch gibt es oft nur lokal und an der gesamten Kette vom Rohprodukt bis zum Supermarkt sind Maschinenbauer beteiligt«, ergänzt Engelbach. In Brasilien kommen mehrere Wachstumstreiber zusammen: die natürlichen Ressourcen, die große Nachfrage aus China, der Zufluss von Investitionskapital aus der ganzen Welt. Egal ob Coca-Cola oder Automobilbauer – jeder versucht, sich dort Marktanteile zu sichern, indem er investiert. Das zieht sehr viele Folgeinvestitionen nach sich.

China ist ein wichtiger Wirtschaftspartner für Brasilien, sowohl auf Käufer- als auch auf Investorseite, zum Beispiel bei der Lieferung von einfachen Maschinen. Und auch das ist für den deutschen Maschinenbau eine Herausforderung: »Wenn heute eine deutsche Delegation nach Brasilien kommt, dann waren vorher schon die Chinesen oder auch die Russen und Koreaner da«, sieht Dr. Engelbach die Zustände realistisch.

Besondere Herausforderungen in Brasilien

Angesichts des Ansturms will Brasilien in seinem Politikverständnis alles tun, um Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Staatspräsidentin Dilma Rousseff hat daher ein Programm initiiert, das vor allem die Wertschöpfung im Land fördern soll und reine Importe erschwert. Engelbach: »Das schafft sie durch hohe Zölle oder interne Steuern, die immer wieder angepasst werden. Hauptansatzpunkte sind die Automobilbranche und die Petrochemie. Bei großen Ausschreibungen soll der lokale Anteil bei 60 Prozent liegen.«

Brasilien ist ein sehr teures Land. Dies ist einerseits eine große Chance für deutsche Maschinenbauer, aber auch eine große finanzielle Herausforderung.

Brasilien nimmt sich als gleichberechtigter Partner wahr und erwartet deshalb, dass ausländische Firmen in Brasilien investieren. Deutschland steht dabei laut Susanne Engelbach für Zuverlässigkeit, für Technologie und neues Selbstbewusstsein. »Entscheidend für den Geschäftserfolg in Brasilien ist aber in großem Maße auch das Interkulturelle und der Kontakt von Mensch zu Mensch«, weiß die VDMA-Mitarbeiterin. »Nur wenn die deutschen Maschinenbauer die Brasilianer begeistern können, sind sie erfolgreich. Das ist oft nicht einfach, der Managementaufwand für den Einstieg ist enorm.«

Politisch ist Brasilien ist eine stabile Demokratie, mit vielen Parteien und sehr personenbezogen. Dilma Rousseff kämpft hart gegen Korruption, kürzlich hat sie einige Minister deswegen entlassen. Susanne Engelbach: »Sie versucht, hier auf internationale Spielregeln aufzusteigen. Ich höre von Maschinenbauern, dass die Ausschreibungsregeln sehr transparent geworden sind.«

Pioniere in Brasilien

Sehr früh aktiv in Brasilien war der Pumpenbauer Netzsch aus Selb in Bayern. Schon vor fast 40 Jahren siedelte sich das Unternehmen dort an und zwar nicht in den bekannten Zonen von Rio de Janeiro oder São Paulo, sondern in der Region Santa Catarina. Diese ist wirtschaftlich sehr interessant und zudem gibt es dort eine große deutschstämmige Gemeinschaft, die deutschen Unternehmen die Ansiedlung erleichtert.

Felix Kleinert, Geschäftsführer bei Netzsch, erzählt dazu eine schöne Geschichte: »Als der Gründungsvater von Netzsch 1973 auf Einladung eines wichtigen Kunden im Süden Brasiliens in einer Stadt namens Pomerode ankam, stand auch der Bürgermeister zum Empfang bereit und der hatte bereits ein Schild in einem Acker aufgebaut, auf dem stand: Hier investiert Netzsch.« Ergebnis war die Gründung einer Niederlassung in Brasilien. Das Unternehmen hat diesen Pioniergeist noch nicht bereut. Heute arbeiten bei Netzsch do Brasil 560 Menschen auf 32.000 Quadratmetern Werkfläche. Acht Zweigstellen und ein Distributor gewährleisten eine bestmögliche Abdeckung des Landes mit bestmöglichem Service für die Kunden.

»Im Zuge ihres eigenen Erfolgs hat sich Netzsch aber auch darum gekümmert, dass sich verwandte Maschinenbauer in Pomerode und Umgebung ansiedeln, um die Industrialisierung dieses Landesteiles voranzutreiben und damit ein technologiefreundliches Umfeld sowie Wohlstand für die Menschen in der Region zu schaffen«, sagt Kleinert.

Wegen der verstärkten Nachfrage nach Lasersystemen in Südamerika hat auch das Lüneburger Unternehmen LAP eine Niederlassung in Rio de Janeiro eröffnet. »Selbst der brasilianische Markt nur für sich genommen bietet bereits ein enormes ökonomisches Potenzial«, beschreibt Arne Muncke, Sales Manager der LAP-Niederlassung in Rio de Janeiro, die wirtschaftliche Perspektive. »Die Automatisierung der Industrie schreitet in den letzten Jahren rasant voran.«

Muncke ist bereits seit sechs Jahren als Vertriebsexperte in Brasilien tätig. »Der wichtigste Einsatzbereich der LAP-Systeme liegt in der Fertigung von Hightech-Karbon- und Glasfaserbauteilen in der Luftfahrt- und Automobilindustrie sowie in der Produktion von Rotorblättern für Windenergieanlagen. Bei den Zuwachsraten, die dieser Sektor in den letzten Jahren verzeichnen konnte, haben wir hier einiges zu tun.«

Weidmüller war zuerst mit seinem Vertriebspartner Conexel in Brasilien aktiv. Schon im letzen Jahr haben die Detmolder das Unternehmen zu 100 Prozent übernommen und ins Unternehmen eingegliedert. »Wir wol-len mit Weidmüller Conexel do Brasil die traditionell erfolgreiche Position von Conexel im brasilianischen Markt mit Hilfe des globalen Produktportfolios und der Innovationsstärke von Weidmüller immer weiter ausbauen«, erläutert Volpert Briel, Vertriebsvorstand von Weidmüller. Wie von der brasilianischen Führung gewünscht, setzt Weidmüller auf lokale Produktion mit integrierter Forschung und Entwicklung sowie eine starke Vertriebsmannschaft vor Ort. Briel umreißt die Ziele: »Wir wollen in den nächsten Jahren deutlich zweistellige Wachstumsraten erreichen.«

Volles Engagement in Brasilien

Da das Klima in Brasilien tropisch ist, stellt das Land besonders für Anbieter von Klimatechnik ein großes Potenzial dar. Unter der Leitung von José Eduardo Rapacci hat sich darum auch Ziehl-Abegg dort niedergelassen. Der Hersteller von Ventilatoren und Antrieben kann das Potenzial im Land auf diese Weise besser ausschöpfen und seinen Kunden effektiveren Service bieten.

Dazu Vertriebsleiter Thomas Brommer: »In Südamerika ist ein deutlicher Trend zu Qualitätsprodukten mit hoher Zuverlässigkeit zu erkennen. Bei vielen Ventilator-Applikationen ist es sehr wichtig, frühzeitig in die Systementwicklung integriert zu werden.« Die Experten von Ziehl-Abegg könnten in Brasilien Beratung bieten für die ideale Luftführung, die zu einer Verringerung der Geräuschentwicklung sowie der Erhöhung der Energieeffizienz führt.

Erschienen in Ausgabe: 03/2012