»Branchenbezug ist unverzichtbar«

Dr. Jürgen Ackerman – ›Stark am Markt mit kundenspezifischen Produkten‹, das hat sich der Wälzlagerhersteller NSK auf die Fahnen geschrieben. Geschäftsführer Dr. Jürgen Ackermann verrät, mit welcher Strategie das Unternehmen Marktanteile gewinnen möchte.

11. September 2008

Herr Dr. Ackermann, was kennzeichnet den Marktauftritt von NSK?

Dr. Ackermann: Wir sind in der gesamten Bandbreite der Lagertechnik als Vollsortimenter vertreten und bedienen auch spezielle Marktsegmente. Entscheidend dabei sind der gute Kundenkontakt sowie der direkte Branchenbezug. Wir wollen verstehen, welche Aufgaben unsere Kunden bewältigen müssen. Nur so können wir mit unserem Wälzlagerangebot einen entscheidenden Beitrag für den Erfolg unserer Kunden leisten.

Wie kann ein Produkt noch Neues bieten, das bereits mehr als 100 Jahre alt ist?

Wälzlager gibt es seit über 100 Jahren und bieten dennoch überraschend viel Spielraum für Innovationen. Ein Hauptziel unserer Entwicklung sind Lebensdauer und Effizienz. Gefragt sind Lager mit hohem Wirkungsgrad und mit möglichst geringem Reibwiderstand. Solche Produkte haben eine lange Lebensdauer, obwohl sie unter anspruchsvollen Umgebungsbedingungen eingesetzt werden. Sie müssen auch unter extremen Temperaturgegebenheiten und unter Vibrationen zuverlässig funktionieren.

Das sind Entwicklungsziele im traditionellen mechanischen Bereich. Wie kommt hier Elektronik ins Spiel?

Systemintegration findet beispielsweise an der Schnittstelle zwischen Elektronik und Mechanik statt. Sensor- und Lagertechnik sind integriert, wenn der Zustand und das Verhalten der Lager überwacht werden sollen. Condition-Monitoring-Systeme erkennen das Verschleißverhalten frühzeitig, um rechtzeitig präventive Maintenance-Maßnahmen einzuleiten.

Wer in der Lagertechnik von Condition Monitoring spricht, fokussiert meist auch die Windenergienutzung. Welche Strategie verfolgen Sie hier?

Windkraftanlagen sind für uns ein wichtiger Branchenschwerpunkt. Interessant ist aber auch die allgemeine Getriebetechnik. So spielen Industriegetriebe zum Beispiel in der Stahl- und Kunststoffindustrie eine wichtige Rolle. Schwerpunkte gesetzt haben wir zudem im Werkzeugmaschinenbau sowie bei Pumpen und Kompressoren. Last but not least sind wir auch in Elektrogeräten wie in der »Weißen Ware« gut vertreten. In all diesen Branchen beeinflussen die Qualität und die Spezifikation des Wälzlagers die Funktionalität des Kundenproduktes.

Wie sehen die Lebensdauerziele bei Windenergieanlagen aus, und welche Konsequenzen hat das für die Wälzlager?

Die Windturbinenbauer haben sich sehr ehrgeizige Lebensdauerziele vorgenommen, schließlich möchte kein Betreiber das Getriebe vom Turm herunterholen müssen, um es zu warten oder zu reparieren. Solche Produkte müssen so lange funktionieren, wie die Windanlage in Betrieb ist – also lebenslang. Die zu erwartende Lebensdauer der eingebauten Wälzlager liegt deshalb bei etwa 20 Jahren oder rund 175.000 Stunden. Das ist auch das, wofür NSK steht: Zuverlässigkeit, Liebe zum Detail und Qualität.

Mit Super-High-Quality argumentiert heute jeder Hersteller. Was ist das Besondere bei NSK?

Zur Qualität gehören auch die technischen Spezifikationen. Man muss hier zwischen Applikationen unterscheiden, die eine relativ lange Lebensdauer erfordern und solchen, die besonders robust gegen Umweltbedingungen sein müssen. In der Kunststoffindustrie und in Walzwerken geht es eben darum, dass die Produkte eine hohe Robustheit in relativ unwirtlichen Umgebungsbedingungen mitbringen. In der Windenergie stehen im Wesentlichen Lebensdauer, Effizienz und die besonderen Umgebungsbedingungen im Vordergrund. So taucht zum Beispiel bei Offshore-Anwendungen die Frage auf, was passiert, wenn Störgrößen wie Sturm, Salz und Wasser auftreten? Probleme haben unsere Kunden aber auch in der erschwerten Instandhaltung. Hier haben wir überzeugende Lösungen entwickelt.

Wie stellen Sie sich in Ihrer Entwicklungsarbeit auf diese Kundenbedürfnisse ein?

Eben deshalb arbeiten wir mit klarem Branchenbezug. Dazu gehört mehr als das Wissen über Wälzlager. Die Mitarbeiter unserer Business-Development-Bereiche kennen die Zukunftstrends und verstehen das Geschäft ihrer Branchen. Sie wählen auch besondere Zielkunden aus und entwickeln mit ihnen gemeinsam Lager für besondere Anwendungen. So gewinnen sie tiefe Anwendungserfahrung, und es entstehen genau die Produkte, die gebraucht werden.

Ab welchem Zeitpunkt der Entwicklungsarbeit sitzen Ihre Kunden mit am Tisch?

Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von Kundengruppen und den Aufgabenstellungen. Manchmal war das später als uns lieb gewesen ist. In Hochtechnologieanwendungen wie der Windenergie arbeiten wir schon relativ frühzeitig in der Entwicklung mit – teilweise sitzen wir bereits während der Vorentwicklung mit am Tisch.

Bedingen gemeinsame Projekterfahrungen, dass der Kunde Sie frühzeitiger hinzunimmt?

Das Ziel ist nicht, so früh wie möglich mit ins Spiel zu kommen, sondern so früh wie nötig. Der hohe Aufwand muss auch wirtschaftlich gerechtfertigt sein. Solch eine operative Zusammenarbeit entwickelt sich aus bestehenden Geschäftskontakten: Die Techniker kennen sich, und aus gemeinsamen Projekten und der Erfahrung, dass wir etwas von der Branche verstehen, entwickelt sich Zusammenarbeit praktisch von selbst.

Mit bösem Willen könnte man ein Wälzlager als zwar feines, aber kleines »Commodity-Produkt « bezeichnen, schließlich ist es im gesamten Getriebe eben nur kleiner Teil. Sehen Sie sich als Commodity-Lieferant oder überwiegend als Partner für kundenspezifische Entwicklung?

Das kein Gegensatz. Wir haben zwar einen großen Katalog mit unterschiedlichsten Produkten, richten uns aber andererseits auch nach kundenspezifischen Anforderungen. Es gibt ein breites Spektrum an Wälzlagern und Applikationen, und wir wollen nicht verleugnen, dass Teile unseres Geschäfts zumindest beginnen, Commodity-Charakter anzunehmen. Wir variieren unsere Herangehensweise deshalb im Prinzip abhängig von Produkt und Applikation. Bei Produkten, die eher zu den Massenprodukten zählen, sind wir sehr effizient in der Produkterstellung. Das betrifft zum Beispiel Materialien, Herstellungsprozess und die Logistikkette. Hier geht es darum, einen überlegenen Service anzubieten und die Produkte schnell verfügbar zu machen. Wo dagegen Technologieentwicklung und Engineering-Kompetenz zählen, erreichen wir heute entsprechende Spezifikationsmerkmale auch unter erschwerten Bedingungen. Das Engineering in Kooperation mit dem Kunden hat sich bestens bewährt.

Wie entwickeln Sie also ein Wälzlager, das bestimmten Anforderungen genügen muss?

Aufgrund der Bandbreite gibt es den typischen Entwicklungsprozess eigentlich nicht. Wesentlich ist, dass wir unser Know-how für kunden- oder branchenspezifische Entwicklungen einbringen. Dazu zählen auch tiefe Kenntnisse der Werkstoff- und Schmierstofftechnik. So haben wir zum Beispiel gemeinsam mit Stahlherstellern spezielle Stahlqualitäten entwickelt und sind damit für bestimmte Applikationen unschlagbar. Daneben treibt NSK auch die Schmierstoffentwicklung im Entwicklungszentrum in Fujisawa bei Tokio voran. Dort beschäftigen wir über 2.000 Mitarbeiter, die neben der Applikationsentwicklung intensiv an Grundlagen der Schmierstoff- und Werkstofftechnik arbeiten und so eine Basis für das Applikations- Engineering schaffen.

Sind solche Entwicklungen in Japan einfach auf den deutschen Markt übertragbar?

Ja, wesentliche Teile der Grundlagenentwicklungen sind übertragbar. Aber häufig müssen sie an die besonderen Bedürfnisse unserer Kunden angepasst werden. Deshalb bauen wir das Applikations- Engineering in Europa weiter aus. Das ergibt einen Brückenkopf zu unserem Technologiezentrum in Japan, und wir können die Kompetenz des Gesamtunternehmens noch schneller und intensiver in den europäischen Markt einbringen.

Kundenspezifische Entwicklungen sind teuer. Lohnen sie sich nicht erst, wenn daraus Standardprodukte entstehen?

Standardprodukte sind, aus meiner Sicht, nicht das Ziel. Unsere Anwendungen sind oft spezifisch auf Kundenwünsche ausgerichtet. Ein Standardprodukt, das auf diesen Anforderungen basiert, läuft schnell Gefahr, »over-engineered« zu sein und damit nicht mehr wirtschaftlich. Ein Ziel sind Plattformprodukte, denn dazu ist unser applikationsspezifischer Branchenbezug unverzichtbar.

Das Gespräch führte Peter Schäfer

VITA

- Dr.-Ing. Jürgen Ackermann ist Jahrgang 1957

- Ackermann studierte Allgemeinen Maschinenbau an der Ruhr-Universität Bochum

- Er promovierte an der Universität Gesamthochschule Wuppertal

- Seit Oktober 2007 ist Ackermann Managing Director der NSK Deutschland GmbH in Ratingen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2008