Brücken, die nirgendwo hinführen

Kommentar

Diesel – Wenn Fachleute von »Brückentechnologie« sprechen, steckt häufig Vokalakrobatik dahinter, die die wahren Umstände verschleiern soll.

06. November 2017

Seit dem Aufkochen des Dieselskandals ist das Wort Brückentechnologie mal wieder in aller Munde – von Merkel, Schulz und Co. bis zum Auto-Lobbyisten Wissmann. Aber ist der Diesel tatsächlich eine Brückentechnologie, wie man uns weiszumachen versucht? Sieht man sich einmal näher an, was der Begriff Brückentechnologie eigentlich bedeuten soll, tun sich doch einige logische Gräben auf. Definiert ist er laut Wikipedia als »eine Technologie, die nur für eine Übergangszeit genutzt werden soll, als Brücke zwischen der bisherigen und der künftig erhofften oder erwarteten Technik.«

Denkt man nun an die vielen neuerdings geäußerten Bekundungen, dass es sich beim Dieselmotor um eine überbrückende Technologie hin zur emissionsfreien Technologie der Zukunft handele, wird deutlich, dass dabei das Pferd von hinten aufgezäumt wurde. Welchen Graben zwischen alt und neu schließt denn der Diesel? Folgt man konsequent der Definition, stellt natürlich nicht der Verbrennungsmotor die eigentliche Brückentechnologie dar, sondern diese Rolle kommt dem Hybridmotor zu, der die Brücke vom Verbrenner zur fortschrittlichen Brennstoffzelle schlägt. Der Diesel ist in diesem Szenario nicht etwa die Brückentechnologie, sondern die alte Technologie, die uns mittels eines falschen Labels als etwas verkauft werden soll, das sie gar nicht ist. Da trifft denn der Duden mit seiner Definition von Brückentechnologie schon eher den Kern: Das Standardwerk beschreibt eine »unvollkommene und nicht zukunftsfähige, wegen fehlender Alternativen jedoch übergangsweise weiter genutzte Technologie.«

Da uns allerdings längst auch Alternativen mitnichten fehlen, sondern zur Verfügung stehen, drängt sich der Schluss auf, dass hier mit ein wenig Verbalakrobatik nur eine überkommene Technologie auf unwirtschaftliche Weise bis zum Ende gefördert werden soll. So muss der Begriff Brückentechnologie als Euphemismus herhalten, der sich in die unrühmliche Tradition zweifelhafter und beschönigender Wortschöpfungen wie »Entsorgung«, »Industriepark« oder »Restrisiko« einreiht. Wird nun aber aufgrund eines vorsätzlich eingeführten Falsch-Labels in veraltete Technik investiert, droht in bestimmten Bereichen der Marktanschluss verloren zu gehen. Der Fall Diesel stellt auch nur den neuesten Missbrauch des Begriffs dar: Zum Zwecke der Rechtfertigung der Weiterverwendung unzureichender, gar schädlicher Technologien im großen Stil wurde der Stempel Brückentechnologie schon als sprachliche Frischzellenkur anderer auslaufender Technologien genutzt.

Wo das hinführt, kann man gut am Falle der Atomenergie ablesen. Bereits seit 1986 wurde sie immer wieder als ungemein wichtige und unverzichtbare Brückentechnologie deklariert. Die angebliche Übergangstechnologie feiert nun schon den 40. Geburtstag und darf ungestört ihren 50. und 60. planen. Denn es wird weiter behauptet, man bräuchte die Kernenergie, bis flächendeckend erneuerbare Energien eingeführt seien. Dabei taugt sie als Hilfsmittel und Richtungsweiser bis zur Reife der neuen Technologie keinen Deut, sondern verstellt nur der wahren Brückentechnologie Erdgas den Weg. Mit der ständigen Vorhaltung der Kernenergie entsteht in vielen Ländern immer noch erst gar kein Anpassungsdruck, der die Entwicklung der erneuerbaren Energien ausreichend vorantriebe. Stattdessen wird durch einen sprachlichen Neuanstrich der unvermeidliche Systemkonflikt zweier konkurrierender Technologien übertüncht.

Wir tun alle gut daran, in Zukunft sehr genau hinzusehen, wenn wieder einmal eine neue Brückentechnologie ausgerufen wird. Zu oft verbirgt sich dahinter eine alte morsche Hängebrücke, deren endgültiger Kollaps fahrlässig so weit wie möglich hinausgezögert wird und die zu allem Überfluss gar nicht unbedingt an wirklich neue Ufer führt.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_reikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2017