Chancen, Risiken und Nebenwirkungen

Forum Mechatronik - Mechatronik boomt. Dies signalisierten die 200 Besucher des ersten Forums ›Mechatronik im Maschinenbau‹. Initiator war der mechatronische Arbeitskreis der :K und Gastgeber die Festo AG in Esslingen. Das nächste Forum steht bereits fest. Am 17. Januar 2006 wird bei Phoenix Contact in Blomberg weiter diskutiert.

09. August 2005

Die Richtung stimmt. So hatten sich der Mechatronische Arbeitskreis :K, die ITQ und die Festo AG das erste Forum Mechatronik im Maschinenbau in der Planung vorgestellt. Denn immerhin kamen 25 Prozent der Zuhörer aus Unternehmen des Maschinenbaus, die überwiegende Mehrheit aus dem branchennahen Zuliefererumfeld. Der sehr bunt gemischte Teilnehmerkreis repräsentierte gleichsam die Erwartungen der Einzelnen: »Ich möchte mich hier unter anderem darüber informieren, welche Ansprüche Maschinenbauer an mechatronische Antriebskomponenten stellen - Stichwort: Intelligenz im elektrischen Antrieb - oder wie man deren Vorteile bewertet.«

Schwarzer Peter Software

Weitere Stimmen: »Ich möchte mit anderen das Thema Simultaneous Engineering von Mechanik, Elektronik und Software diskutieren. Gibt es bereits so was wie Know-how oder Wissensmanagement-Datenbanken?«, »Software gilt im klassischen Maschinenbau zu Unrecht als die Hauptursache, wenn etwas nicht funktioniert. Mich interessiert, welche Erfahrungen andere gemacht haben mit der Sensibilisierung der Mechatronik-Entwicklungsteams für dieses heikle Thema.«

Waren das schon sehr konkrete Fragen auf aktuelle Problemstellungen der Mechatronik-Entwicklung, so kamen andere Teilnehmer, um deren erste Grundzüge zu verinnerlichen: »Wir haben dieses Thema und die Diskussionen darum bislang aus der Distanz verfolgt. Spätestens jetzt aber müssen wir aktiv werden. An Mechatronik kommt man ja nicht mehr vorbei.« »Ich möchte mich über die Lehrinhalte des Berufes Mechatroniker informieren und welche weiterführenden Ausbildungs- und Studieninhalte es momentan gibt.« »Mich interessiert, was man im Maschinenbau generell unter Mechatronik versteht.«

Genau dieses Thema erläuterte Dr. Rainer Stetter, Geschäftsführer der ITQ GmbH, München, im ersten Vortrag. Stetter analysierte das Dilemma des Maschinenbaus. »Die Organisation ist klassisch mechanisch, die elektrotechnische Konstruktion nachgelagert und die Software wird als untergeordnet eingestuft.«

Höhere Entwicklungskosten

Dabei nehme insbesondere ihr Anteil an den Entwicklungskosten drastisch zu - mittlerweile fast 60 Prozent gegenüber der Mechanik. »Tendenz weiter steigend.« Stetter erläuterte, wie sich eine optimale Organisationsstruktur auswirke und betonte wie notwendig es sei, die einzelnen mechatronischen Disziplinen in der Entwicklung zu synchronisieren, um Projektlaufzeiten und damit die Time to market zu verkürzen. Praktische Erfahrungen vermittelte der Vortrag von Albrecht Völz, Leiter Elektronik/Software bei der MAN Roland AG, Offenbach.

Mehrwert Mechatronik

Er erläuterte die Praxis eines Maschinenbauers, der den Mehrwert durch Mechatronik nutzt. Schließlich bringe Mechatronik neue funktionale Möglichkeiten im Druckmaschinenbau. »Aufgrund höherer Komplexität und durch die Veränderungen von Wertschöpfungsketten birgt Mechatronik auf der anderen Seite auch Risiken für Funktionssicherheit und Qualität«, formulierte Völz und gab Beispiele, wie diese Risiken zu beherrschen sind (siehe Beitrag auf Seite 66 in dieser Ausgabe).

Hans Gerlach-Erhard, Director Electronic Systems bei Festo, Esslingen, sprach über die Liebe zum Stiefkind des Maschinenbaus. Sein Thema war die Qualität der Software als Grundlage der Mechatronik.

Michael Howe, Geschäftsführer von Siempelkamp Handling Systeme, Wolfratshausen, nannte konkrete Zahlen, wie sich die Inbetriebnahme durch die im mechatronischen Alltag übliche Simulation ändert. Der Titel seines Referates lautete »Verkürzung der Inbetriebnahme durch den Einsatz von Simulationswerkzeugen«. An konkreten Projekten zeigte er, wie sich die Prozesskette bei der simultanen Entwicklung veränderte. Zwar erfordere die zunehmende Komplexität technische und organisatorische Maßnahmen. Zum Beispiel höhere Ausgaben für Software, die aber neue Kundenfunktionalitäten ermöglichten. »Doch die Investition in die Simulation hat sich nach einem Jahr amortisiert«, resümierte Michael Howe.

Wesentlich für den Erfolg der Mechatronik in Unternehmen ist die Form, wie man miteinander redet und wie man disziplinübergreifende Projekte präsentiert. Martin Ciupek von den VDI Nachrichten nahm die Kommunikationsqualität in der Industrie aufs Korn.

Dass Mechatronik in erster Linie Kommunikation ist, zog sich wie ein roter Faden durch das erste Forum Mechatronik im Maschinenbau. Der nachfolgende OpenSpace war ein gutes Beispiel, wie Kommunikation laufen sollte - als kreativer Austausch der Ideen. Die Besucher nutzten die Gelegenheit, ihr Thema zur Mechatronik auf die Agenda zu setzen. In fast 20 Arbeitskreisen wurde teilweise recht kontrovers rund um Themen aus der Mechatronik diskutiert.

Mechatronisches Denken

Das Spektrum der Fragen reichte weit: Von Überlegungen, wie man mechatronisches Denken in den Unternehmen etabliert. Wozu unter anderem erst einmal das oft fehlende Verständnis für die Arbeit der anderen Disziplin aufgebaut werden müsse: »Es bedarf der entsprechenden Wertschätzung aller Disziplinen und Kollegen.« In weiteren Workshops wurde über die beste Organisation des Unternehmens für die Mechatronik diskutiert. Andere wiederum sprachen über softwaretechnische Raffinessen, wie die Frage nach den besten Methoden der Softwareentwicklung für hohe mechatronische Ansprüche. Anschließend wurden die Kernsätze und -thesen aller Arbeitskreise den Teilnehmern vorgestellt und erläutert. Allgemeines Fazit: Viele Probleme des deutschen Maschinenbaus sind nur durch das Zusammenspiel zwischen Mechanik, Software und Elektronik-Kommunikation lösbar, war man sich in der Analyse einig. Schließlich beschränkt sich die Kommunikation zwischen den Disziplinen oft nur aufs Minimum.

Ob nun wirklich jeder einzelne die eindeutigen Antworten auf seine brennenden Fragen erhalten hat, muss an dieser Stelle offen bleiben. Jedenfalls entstanden viele unternehmensübergreifende Kontakte, denn Mechatronik als die Chance für den deutschen Maschinenbau geht alle an, und ein funktionierendes Netzwerk kann nur nützlich sein. Die Auftaktveranstaltung des mechatronischen Arbeitskreises der :K ist gelungen, waren sich die meisten Besucher einig. Da insbesondere die Diskussionen der im OpenSpace entstandenen Arbeitsgruppen spannend waren, wollen viele Besucher auf der Folgeveranstaltung am 17. Januar bei Phoenix Contact in Blomberg weiterdiskutieren. Also, Mechatroniker, auf nach Blomberg!

Michael Lind/Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 05/2005