Darum prüfe, wer verbindet

Kabel - Hochleistungskabel sind unverzichtbare ›Nervensysteme‹ in Industrieanlagen. Ständige Weiterentwicklung und Kontrolle sind dabei unverzichtbar. Dennoch wollen oder können sich nur wenige Unternehmen eine eigene Prüf- und Testabteilung leisten.

08. Mai 2006

Die Zukunft eines Unternehmens hängt nicht zuletzt auch von der Fähigkeit ab, ständig neue Produkte und Prozesse zu entwickeln, vor allem aber ihre Leistung permanent zu prüfen und zu optimieren. Besonders wer international langfristig am Markt bestehen will und dabei höchste Ansprüche an seine Produkte stellt, ja stellen muss. Für Hersteller, die im Bereich Sicherheitssysteme für Verkehrs- oder Gebäudetechnik beheimatete sind, gilt dies im Besonderen. Auch der französische Kabelspezialist Nexans ist sich dieser Verantwortung bewusst und hat in puncto Entwicklungs- und Prüftechnologie aufgerüstet.

Investition bringt Kreativität

Bereits im März 2002 hat Nexans ein neues internationales Forschungszentrum in Lyon eröffnet: das NRC (Nexans Research Center). Das NRC beschäftigt sich hauptsächlich mit anwendungsbezogener Forschung und arbeitet an den verschiedenen Kabelkomponenten wie Leiter, Isolierungs- und Mantelwerkstoffe. Thermoplastische Materialien sind hingegen das Fachgebiet der Ingenieure in Nürnberg. Hier werden vor allem innovative Materiallösungen oder Verarbeitungsverfahren für die unterschiedlichen Anwendungsbereiche wie z.B. Busleitungen, Motor-, Sensor- und Steuerleitungen entwickelt. Hier wird vor allem Grundlagenforschung betrieben.

Für ein ganz neues Anwendungszentrum für Automatisierungskabel, investierte Nexans jetzt noch einmal mehrere hunderttausend Euro in das Research Center Nürnberg. Hier werden künftig Kabel und Leitungen unterschiedlichsten Belastungsprüfungen unterzogen werden. »Die Erfahrungen auf den modernen Prüfständen helfen uns, noch besser auf Kundenbedürfnisse einzugehen und bessere Produkte zu kreieren«, sagt Torsten Sefzig, Geschäftsbereichsleiter bei Nexans in Nürnberg. »Zudem ermöglichen uns die Testergebnisse, Technik und Wirtschaftlichkeit unserer Leitungslösungen optimal in Einklang zu bringen. Wir bewegen uns in Marktsegmenten, die keine Commodity-Produkte beinhalten. Das heißt, es wird nicht nur über den Preis verkauft. Wir können so über eine gute Technik, hohe Qualität und Innovation nicht nur mithalten, sondern unsere Spitzenstellung im internationalen Wett­bewerb in Zukunft behaupten und weiter ausbauen«, so Sefzig weiter.

Praxisnahes Testen

Das Anwendungszentrum testet ab sofort für alle 29 Nexans-Werke weltweit. Die jüngst installierten Prüfanlagen erlauben eine besonders realistische Simulation

der Bewegungsabläufe, denen Automatisierungsleitungen in der Praxis oft mehr als zehn Millionen Mal standhalten müssen. Dazu werden auf einer Fläche von 240 Quadratmetern diverse Biege-, Streck- und Drehbewegungen nachgestellt, wie sie Ener­giezuführungs- und Datenleitungen zum Beispiel in der Automobilindustrie, der Kraftwerkstechnik, der Elektronikfertigung oder der Lagertechnik erfahren. Dabei werden nicht nur die elektrischen Eigenschaften gemessen, sondern auch die Isolationsmaterialen ausgiebig getestet. Thermoplastische Kunststoffe, die einzelne Adern isolieren oder das Kabel umhüllen, haben zum Beispiel entscheidenden Einfluss auf die Geschmeidigkeit und Belastbarkeit der Leitungen und ihr Verhalten bei extremen Klimabedingungen.

Der industrielle Automatisierungsmarkt fordert Energie-, Signal und Datenkabel, die extremen Einsatzbedingungen standhalten müssen. Die zunehmende Datendichte in der Automatisierung, Echtzeitanwendungen sowie die Vernetzung kompletter Systeme verlangen nach hochwertigen, auf den Einsatzfall abgestimmte Kabellösungen. Das Nürnberger Research Center wurde für die umfassende Prüfung von kompletten Kabeln eingerichtet. So zum Beispiel die Überprüfung mechanischer und elektrischer Eigenschaften. Eigens dafür sind u.a. vier Schleppkettenanlagen installiert, wo vor allem die Biegeeigenschaften neuer Kabel bestimmt werden. Die Prüfsysteme können bis zu 25 m/s2 beschleunigen und Geschwindigkeiten bis 6 m/s erreichen. Die Leitungen werden bei diesen Stresstests ständig mit Radien von 10-300 mm gebogen.

Forschung schafft mehr Sicherheit

Zu einem sehr wesentlichen Teil werden die von Nexans eingesetzten Isolierwerkstoffe selbst entwickelt und hergestellt. Hierzu verfügt das Werk Nürnberg über umfangreiche Compoundierkapazitäten. Neben PVC und flammwidrigen halogenfreien Mischungen wird ein breites Sortiment an Spezialwerkstoffen, z.B. für strahlenvernetzte Leitungen, hergestellt. Mit einem jährlichen Produktionsvolumen von 35.000 Tonnen Kunststoffgranulat werden Nexans Werke innerhalb und außerhalb Deutschlands beliefert. Entsprechend umfangreich sind die Einsatzgebiete: Temperaturbereiche von -60 °C bis +260 °C, schwierige Umgebungsbedingungen wie Öle, Kraftstoffe, Säuren, Laugen, UV-Strahlung. Außerdem widerstehen die Kabel hohen mechanischen Belastungen. Ein Vorteil, der sich auch bei den Kunden positiv auswirken soll. Wie zum Beispiel der aktive Brandschutz in der Gebäudetechnik. So sollen insgesamt 13 Kilometer der schwerentflammbaren Sicherheitsleitung Rethalon NHXMH+ B1 verhindern, dass sich die Kulturkatastrophe vom 2. September 2004 in der ›Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek‹ in Weimar wiederholt. Damals wurde der zum Weltkulturerbe der UNESCO zählende, gerade neu sanierte Fachwerkbau, mit mehr als einer Million wertvoller Bücher und Schriften, Opfer eines Feuers. Hervorgerufen durch leicht brennbare Elektroleitungen.

Spezialleitung aus Weimar

›Rethalon NHXMH+ B1‹ dagegen, ist schwerentflammbar und halogenfrei. Die neue Spezialleitung für Weimar, die übrigens im Nexans-Werk Vacha , ebenfalls in Thüringen, hergestellt wird, ist die erste Gebäudeinstallationsleitung, die nach DIN 4102 B1 vom Deutschen Institut für Bautechnik Berlin zugelassen ist. Ihre Installation in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek ist Teil des Brandschutzkonzepts, das beim Wiederaufbau ab Sommer 2006 zum Tragen kommen soll. Die Sicherheitsleitung ist schwerentflammbar und enthält im Gegensatz zu PVC-Leitungen keinerlei Halogene (Brom, Jod, Fluor und Chlor). Sie setzt im Brandfall kaum toxische Stoffe frei, die Augen und Atemwege reizen könnten. Beim Brand entstehen außerdem keine korrosiven Gase, die sich mit Löschwasser oder Feuchtigkeit zu aggressiven Säuren verbinden und an Bausubstanz oder Einrichtung Schäden hinterlassen. Von Vorteil ist dies auch in modernen Gebäuden, denn in Beton eingeschlossene Stahlkonstruktionen könnten ebenfalls durch Säuren zerstört werden. Rethalon NHXMH+ B1 verhindert mit seiner geringen Brandfortleitung außerdem das Übertragen eines Feuers per Zündschnureffekt in andere Brandabschnitte, selbst bei senkrechter Anordnung der Leitungsbündel.

Keine Kommunikation ohne Kabel

Das gewährleistet das Funktionieren wichtiger Anlagen wie Sicherheitsbeleuchtung, Sprinkleranlagen oder Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Ferner vermeidet die geringe Rauchentwicklung im Ernstfall, dass dichter Rauch Flucht- und Rettungswege unkenntlich macht.

Neben den Bereichen Automation und Automotive setzt Nexans mehr und mehr einen Schwerpunkt auf die Kommunikationsbranche und bietet bei anhaltender Deregulierung von Energie- und Telekommunikationsunternehmen Kabel und Systeme für das Upgrading von Netzwerken, um deren Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Ob für die Übertragung von Informationen oder Energie - moderne Kabel erfüllen die Herausforderungen, die Entfernungen, Kapazitäten und Installationen in schwierigen Umgebungen an sie stellen. Zu den jüngsten Errungenschaften bei Nexans zählen so genannte Supraleiter für die Energieübertragung, Offshore-Windkraftanlagen, innovative ROWs (Right-of-Ways), Breitband-Kupfer- und fortgeschrittene Kunststoff-Lichtleiter-Lösungen für das Home-Networking.

Selbst bei eigentlich kabellosen Technologien, wie den Wireless-Netzwerken, nimmt die Nachfrage für Hochleistungskabel zu. »So ungewöhnlich es auch klingen mag, aber im Bereich mobile Kommunikation verbuchen wir derzeit eine enorme Absatzsteigerung. Gerade Satellitenanlagen basieren auf einer Technologie, die umfangreiche Kabelsysteme benötigt«, erläutert Torsten Sefzig.

Ansprüche werden weiter steigen

Hinsichtlich der Produkteigenschaften, sehen die Kabelspezialisten vor allem bei der Beweglichkeit, der Sicherheit und der Umweltverträglichkeit die größten Herausforderungen der Zukunft. Neben der Recyclingfähigkeit soll die Langlebigkeit dazu beitragen. Auch die Suche nach erneuerbaren Energiequellen wird dem erfolgreichen Kabelhersteller von morgen nicht erspart bleiben.

Insgesamt 30 Mitarbeiter leistet sich Nexans dafür allein im Research Center Nürnberg. Im französischen Stammwerk, in Lyon, sind es nochmals 40. Insgesamt hat Nexans im vergangenen Jahr mehr als 54 Mio. Euro in den Bereich Forschung und Entwicklung investiert. Eine lohnende Investition, die sich auch in einer ganz anderen Zahl niederschlägt: Allein im Jahr 2005 hat Nexans insgesamt 57 Neuentwicklungen zum Patent angemeldet.

Andreas Kunze

Erschienen in Ausgabe: 03/2006