Der eine hat die Kirschen, der andere die Leiter

Kommentar

Messen – Mehrere wichtige Fachmessen richten sich an dasselbe Publikum. Für die Aussteller ergibt es jedoch keinen Sinn, verschiedene Messen zu beschicken. Die Messeveranstalter sollten kooperieren.

19. September 2013

Sie kennen sicher das alte Sprichwort, auf das sich der Titel meines Kommentars bezieht: Wenn zwei Nachbarn ein Ziel verfolgen, das sie jeweils nicht allein erreichen können, sollte eigentlich der nächste Schritt in der Kooperation bestehen. Leider hat sich dieser naheliegende Gedanke (noch?) nicht bis zu den deutschen Messeveranstaltern herumgesprochen: Wer dort schöne Kirschen hat, aber keine Leiter, setzt alles daran, noch schönere Kirschen zu züchten, während der andere seine Leiter optimiert. Jedenfalls ruft die Parallelexistenz der Messen Motek, Automatica und Vision bei mir diese Assoziation hervor.

Dieser »Messe-Wahnsinn« zeigt uns leider deutlich, dass sich die Messemacher nicht an den Bedürfnissen des Marktes orientieren, sondern uns lieber den Kalender mit diversen Terminen vollschreiben. Denn eigentlich gehören die Motek mit dem Schwerpunkt Maschinenelemente, die Automatica als Messe für Automatisierungslösungen und die Bildverarbeitungsmesse Vision zusammen. Und es ergibt keinen Sinn für die Aussteller, verschiedene Messen zu beschicken, die weitgehend das gleiche Publikum und Fachpersonal ansprechen sollen. Um den Unsinn zu verdeutlichen, stellen wir uns einmal vor, die Messe Nürnberg ginge nach demselben Muster vor. Dann hätten wir heute nicht die SPS/IPC/Drives, sondern eine »SPS-Technik«, eine weitere Messe für Industrie-PC-Lösungen und eine dritte für Antriebstechnik. Stattdessen – und zum Glück – hat sich die SPS/IPC/Drives zu einer Gesamtschau der elektrischen Automatisierungstechnik entwickelt, die uns von Einzelkomponenten bis zu Systemlösungen das gesamte Spektrum präsentiert.

Wäre nicht eine vergleichbare Messe im Bereich der Mechanik sinnvoll? Von einer solchen Zusammenlegung würden alle Protagonisten profitieren: Die meisten Messebesucher müssen sich heute für jeden Besuch einer Messe in ihrer Firma rechtfertigen, durch eine kombinierte Messe würden sie aber mit einem einmaligen Termin bereits einen Gesamtüberblick über aktuelle Entwicklungen erhalten. Die Aussteller könnten viel Zeit und hohe Kosten sparen; zudem müssten sie nicht die schwierige Entscheidung treffen, an welchen Messen sie teilnehmen und welche Messen sie mangels Ressourcen ignorieren müssen. Und die Messeausrichter? Eine Kooperation hätte auch für sie Vorteile: Sie wären unabhängiger von konjunkturellen Schwankungen. Stattdessen wurde die »Vision« für dieses Jahr (mit zweifelhaften Argumenten) abgesagt, und die Bildverarbeiter schauen in die Röhre. Bei der Zusammenlegung der Messen könnte in einem jährlichen Rhythmus der Standort zwischen München und Stuttgart wechseln. Die Messegelände sind von ihrem Aufbau her kompatibel, und die Besucher könnten sich schnell orientieren.

Hinsichtlich des Deckungsbeitrages wäre eine große Messe, auf der sich dann aber Aussteller und Besucher drängen, erheblich besser gestellt als mehrere kleinere Messen, bei denen die Veranstalter mit immer neuen Rabatten um die Aussteller buhlen. Last, but not least entwickelte sich das »Einzugsgebiet« des Publikums mittelfristig noch internationaler, wie es auch bei der SPS/IPC/Drives zu erleben ist. Wenn die Messeveranstalter gemeinsame Sache machten, ergäbe dies eine gute Kirschernte für alle. Wenn – ja wenn! Wahrscheinlich denken Sie sich: »Gute Idee, doch was hilft’s?« Wenn Ihnen der Gedanke gefällt, dann tragen Sie ihn weiter: Die Marketingverantwortlichen Ihres Unternehmens sollten dieses Thema immer wieder in den Gesprächen mit Messeausrichtern vortragen. Auch der VDMA könnte gern mal mit der Faust auf den Tisch hauen und den gordischen Messeknoten zerschlagen. Ich jedenfalls werde bei diesem Thema am Ball bleiben.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 07/2013