Der Gewindeformer

Porträt

Gewinde – Wer Gewinde kalt verformt, lässt sich dabei ungern in die Karten blicken. Anders Kurt Husistein: Der EAG-Chef beweist, dass auch ein kleineres Unternehmen im globalen Markt durchaus seine Chancen hat. Und das mit klassischer Mechanik.

21. März 2011

Knapp 1.000 Einwohner hat die Gemeinde Burg im Norden der Schweiz. Früher war der größte Arbeitgeber eine Zigarrenfabrik. Das ist vorbei. Heute hat die Eichenberger Gewinde AG, kurz EAG, 114 Mitarbeiter – und zählt jetzt mehr Beschäftigte als der am selben Ort nach wie vor tätige Tabakverarbeiter. Doch während die Zeiten für den europäischen Zigarrendreher eher düster sind, herrscht bei der EAG ungetrübter Zukunftsoptimismus.

Worauf gründet der stetige Aufstieg der EAG in dem von Bilderbuchlandschaften geprägten Kanton Aargau? Die Antwort dürfte so manchen verblüffen: Das Unternehmen reüssiert mit der Herstellung von Mechanik in reinster Form. »Die Firma hat ein klar definiertes Unternehmensziel«, bekräftigt Kurt Husistein. »Ziele sind das Rollen, also Kaltverformen, von Gewinden und die Herstellung von Gewindetrieben, bestehend aus Spindel und Mutter.«

Als typischer Familienbetrieb für Lohnfertigung und Zulieferung 1953 gegründet, war die Präzisionsdreherei Hans Eichenberger anfangs nur im Schweizer Heimmarkt aktiv. 1986 in Eichenberger Gewinde AG umbenannt, begann 1988 die Eigenentwicklung von Kugelgewindetrieben. 1995 folgte der nächste große Schritt: die Ablösung der gewerblichen Herstellung durch Einstieg in die industrielle Produktion. In der fast 60 Jahre bestehenden EAG ist Kurt Husistein der treibende Motor – wiewohl wir keineswegs verschweigen wollen, dass ihm ein schlagkräftiges Führungsteam zur Seite steht.

Kurt Husistein hat das Metier des Gewindeformens von der Pike auf gelernt. Nachdem er im Betrieb seine Mechanikerlehre 1972 erfolgreich beendet hatte, durchlief er anschließend sämtlichebetriebswichtigen Aufgaben wie Facharbeiter, Leiter Dreherei und Betriebsleiter. Seit 1996 ist Kurt Husistein für die operative Geschäftsführung verantwortlich.

300.000 gerollte Kugelgewindetriebe

1998 wurde das Unternehmen von dessen Führungscrew im Rahmen eines Management-buy-outs übernommen. Eigentümer ist seither die im Besitz der leitenden Mitarbeiter befindliche APT Holding AG, in der Kurt Husistein als Verwaltungsrat und Geschäftsführer die Schlüsselfunktion ausübt. Die auch für die EAG schmerzhafte Wirtschaftskrise wurde ohne Blessuren überstanden. Aus dem schwierigen Jahr 2009 ging man sogar mit einem Mitarbeiterzuwachs hervor, weshalb das derzeit steile Umsatzplus von rund 26 Prozent (Zahl für 2010) ohne Engpass bewältigt werden kann.

Der Jahresumsatz wird für 2010 mit rund 15 Millionen Euro angegeben, der größere Teil davon – 64 Prozent in 2010 – resultiert aus dem Export. Eichenberger produziert etwa 300.000 gerollte Kugelgewindetriebe per annum und beliefert damit weltweit fast 900 aktive Kunden. Das Angebot besteht aus den vier Produktlinien Carry Kugelgewindetriebe, Speedline Steilgewinde-Kugelspindeln, Speedy Steilgewindespindeln sowie Rondo Rundgewindespindeln, die gemeinsam gut 90 Prozent vom Umsatz erbringen. Der Rest entfällt auf Lohnfertigung, vor allem Gewinderollen.

Es mag überraschen, dass im Urlaubs- und Hochlohnland Schweiz ein Betrieb ausgerechnet mit der Herstellung klassischer Gewindemechanik floriert. Aber es gibt eine Reihe von Gründen, weshalb das gerollte Gewinde gegenüber den mittels Zerspanung durch Drehen, Fräsen oder Schleifen hergestellten Gewinden große Vorteile besitzt.

Drei große Vorteile

Gerade aus der Sicht des Konstrukteurs sind das vor allem drei Punkte: Gerollte Gewinde haben im Vergleich zu den geschnittenen Ausführungen eine höhere Festigkeit, sie sind günstiger im Preis-Leistungs-Verhältnis und nicht zuletzt gestattet eine spezielle Konstruktion einen Gewindetrieb mit null Spiel.

Dem steht als Erschwernis entgegen, dass sowohl das Gewinderollen – oder auch Gewindeformen, was dasselbe ist – wie auch das anschließende Härten gutes Gespür und große Erfahrung erfordern. Wurde das Werkstück bei der Bearbeitung beispielsweise totgewalzt oder falsch gehärtet, gibt es keine zweite Chance, dasselbe Teil nachzubessern.

Nur echte Spezialisten, die sich aber ungern in die persönliche Trickkiste schauen lassen, beherrschen perfekt das Gewinderollen und Gewindehärten. In Burg hält man nichts von Geheimniskrämerei. Die EAG zeigt Besuchern gern, wie sehr alle Produkte des Hauses im Inland sowie auch im Ausland geschätzt werden.

Aus einer Hand

»Das Unternehmen beschränkt sich ausschließlich auf sein Kerngebiet«, hat Kurt Husistein als Devise festgeschrieben. Der Firmenchef erklärt, wo die Kernkompetenzen sind: spanloses Gewinderollen, zweitens Härten und drittens gilt, dass sich Entwicklung, Fertigung und Qualitätsmanagement unter einem Dach befinden, ergo aus einer Hand erfolgen.

Allesamt Fakten, die weltweit die Kunden überzeugen. Die Gewinde und Gewindetriebe des Unternehmens verrichten in ungezählten Anwendungen von A wie Anlagen für die grafische Industrie (Bandsteuerungen) bis zu Z wie Zylinder (Elektrozylinder für Spitalbetten) zuverlässige Dienste.

»Wir fertigen Erzeugnisse, die dem Anwender einen bedeutenden wirtschaftlichen Nutzen bringen«, verspricht Kurt Husistein und gibt sich weiter optimistisch: »Der Einsatz modernster Herstellungsmethoden garantiert Top-Qualität unseres Angebots zum besten Preis, und durch Entwicklung neuer Produkte unterstützt Eichenberger die Kunden in ihrer Innovation.« Das, so der EAG-Chef, bürge auch in Zukunft für weiter steigende Mitarbeiter- und Absatzzahlen.

Zur Person

Kurt Husistein

-1968 Lehre als Mechaniker bei Eichenberger

-Zwischenstationen als Facharbeiter, Leiter Dreherei, Betriebsleiter und Leiter F & E

-1996 operativer Geschäftsführer

-1998 Management-Buy-out

-2004 Eichenberger Motion AG

-2006 Erweiterung der Produktion in Burg

Erschienen in Ausgabe: 02/2011