Der Motorenforscher

Matthias Kählig - Es ist schwer sich auf dem Antriebstechnikmarkt zu behaupten. Zumal, wenn man am Standort Deutschland festhalten möchte. Frei nach dem Motto: Besondere Anforderungen erfordern besondere Maßnahmen, hat der Geschäftsführer und Chefstratege von KAG Kählig Antriebstechnik, eine erfolgreiche Nische gefunden.

07. Juni 2006

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So oder so ähnlich könnte man auch den beruflichen Werdegang von Matthias Kählig beschreiben. Denn eigentlich wollte der gebürtige Niedersachse als Geologe die unterschiedlichsten Erdformationen dieses Planeten erforschen. Heute tummelt sich der 40-jährige Geschäftsmann in der nicht minder interessanten Welt der Antriebstechnik. Die Chance ergab sich, als 2003 die Gefeg Antriebstechnik GmbH aus Hannover in finanzielle Schieflage geriet und Matthias Kählig diese kurzerhand übernahm. Umfangreiche Erfahrungen hatte er bis dato bereits im elterlichen Betrieb, der KEG Kählig Elektrotechnik GmbH gesammelt.

Den Fakt, dass er ausgebildeter Geologe ist, sieht Kählig als Vorteil: »Über die Vielfalt der Naturwissenschaften in der Geologie bin ich in der Lage, mich in viele technische Dinge hineinzudenken. Die Kenntnisse über Materialien, Physik, Chemie lassen mich in mehrere Richtungen denken: Gibt es da vielleicht Materialien, die wir noch nicht bei der Herstellung von Antrieben ausprobiert haben?« Diese Philosophie der interdisziplinären Kreativität ist es auch, die Matthias Kählig seinen Mitarbeitern vermitteln will. Doch dazu später mehr.

Kreative Speziallösungen allein sind aber nicht alles. Denn auch der Antriebshersteller aus Hannover muss sich an harte wirtschaftliche Parameter halten. Zumal die KAG Kählig Antriebstechnik GmbH nach der Übernahme immer noch von Zulieferern und Abnehmern genauestens beobachtet wird. Obwohl alle Kunden der KAG damals die Stange gehalten haben. So entwickelt und fertigt das Unternehmen auch heute in erster Linie elektrische Gleichstromantriebe mit und ohne Bürsten im Leistungsbereich von 2,5 bis 250 Watt, bei einem Durchmesserspektrum von 28 bis 80 Millimeter. Die vor allem in den Bereichen Haustechnik, Fahrzeugindustrie, Maschinenbau, aber auch in Spezialanwendungen wie Automatenbau, zum Einsatz kommen. Doch schon beim Umfang der Produktion wird die Sonderrolle der KAG sichtbar. Die größte Serie, die heute in die Fertigung geht, umfasst gerade mal 150.000 Stück. Die gängige Losgröße liegt gar nur bei fünf- bis zwanzigtausend. Bezeichnend auch, dass kein Kunde einen größeren Anteil als 8 Prozent hat. »Wir standardisieren gar nicht. Wir wollen stattdessen spezielle Kundenwünsche möglichst punktgenau erfüllen. Keinen Motor, den wir hier heute bauen, verkaufen wir an zwei Kunden gleichzeitig. Jede Eigenschaft, die der Kunde sich wünscht, wollen wir auch darstellen - völlig unabhängig von der Losgröße,« formuliert Kählig seine Strategie. »Diese Sonderlösungen haben mitunter auch ihren Preis.« Dennoch will sich die KAG durch einen besonderen Service von der grauen Masse absetzen. »Oft weiß ein Kunde zunächst nicht, welchen Antrieb er überhaupt braucht. Allerdings kennt er seine Anwendung genau.« An dieser Stelle wollen die Ingenieure der KAG weiterhelfen. Bereits in der ersten Präsentationsphase werden detaillierte Angaben über alle möglichen Lösungen und die dazugehörigen Preise gemacht. »Wir haben einen reinen technischen Vertrieb - alle Verkäufer sind ausgebildete Techniker«, so Kählig weiter.

Wer allerdings glaubt, Elektrokleinantriebe lassen sich heute nur über Preis und Service verkaufen, der irrt. Auch die Qualität kann und muss immer wieder verbessert werden. Rund 1,5 Mio. Euro investierte die KAG deshalb in ein eigenes Forschungslabor. Damit wollen die pfiffigen Niedersachsen Optimierungspotenziale bei ihren Antrieben schneller identifizieren. Zudem erhofft sich die KAG von dem neuen Labor für ihren Schwerpunkt, der Entwicklung und Fertigung von Sonderantriebslösungen, wegweisende Impulse.

»Über rein qualitätssichernde Maßnahmen hinaus, können wir nun mit dem neuen Labor unseren Kunden durch eigene Grundlagenforschung einen umfangreichen Service bieten und gleichzeitig den Aufbau von Elektromotoren hinterfragen.« Der Geschäftsführer der KAG hat gute Gründe, warum er gerade auf interne Entwicklungspotenziale setzt: »Eine Zusammenarbeit mit einer Hochschule wäre sicherlich eine kostengünstigere Option gewesen, diese wurde aber bereits sehr früh verworfen. Möglichen Forschungspartnern muss man fairerweise längere Entwicklungszeiten einräumen. Wir wollen unsere Produkte jedoch sehr schnell verbessern, daher haben wir diese Zeit nicht. Unser Labor entspricht dem jüngsten Stand der Technik und unterstützt somit unsere Entwicklungsingenieure zeitnah und auf sehr hohem Niveau.« Die Prüfstände im Labor stehen zu über 80 Prozent für die Entwicklung und weniger für Diagnosezwecke zur Verfügung.

Entwicklung im eigenen Labor

Eines der Highlights ist sicherlich das Raster-Elektronen-Mikroskop (REM), mit dem sich die Topographie von Oberflächen sowie die Materialverteilung mit bis zu 500.000-facher Vergrößerung darstellen lassen. Zur optischen Prüfung und Analyse steht zudem ein Digitalmikroskop zur Verfügung. Das Mikroskop mit stufenloser Vergrößerung von 25 x 800 und einer Auflösung bis 4.800 x 3.600 Pixel ermöglicht eine vielseitige optische Vermessung. Mit der Röntgen-CT-Anlage kann KAG in neue Dimensionen der Prüfobjekte vordringen. Das Gerät durchleuchtet zum Beispiel Stahl bis zu einer Dicke von 60 mm bei 16 Bit Dichteauflösung. Durch einfaches Durchleuchten werden zweidimensionale Darstellungen von Prüfobjekten erzeugt. Mittels Bildsequenzen in verschiedenen Perspektiven kann ein Volumenmodell rekonstruiert werden, das in ein CAD-Modell rückführbar ist. »Diese Anlage ermöglicht es uns vor allem schnell und kostengünstig Fehler, zum Beispiel im Motorinneren, zu lokalisieren«, schwärmt Matthias Kählig. Außerdem können die Antriebe in dem Labor hinsichtlich Vibrations-, Schock-, Temperatur- und Klimabeständigkeit getestet werden. Ein Pfund, mit dem die KAG durchaus ›wuchern‹ kann.

Ein zweites, entscheidendes Kapital des Unternehmens sieht Kählig in seinen Mitarbeitern. Schwer genug ist es, diese heute nach Hannover zu locken und auch zu halten: »Ich suche derzeit aktiv 10 Ingenieure.« Die Wahl fällt nicht leicht, denn der Anspruch, den Matthias Kählig, stellt ist hoch. »Wer bei uns arbeitet, sollte sich dabei nicht nur mit dem Unternehmen, sondern auch mit dem Produkt identifizieren.«

Einfach hatte es Kählig mit seinen etwas ungewöhnlichen Personalführungsmethoden am Anfang nicht. Nach der Insolvenz der Gefeg waren auch die Mitarbeiter noch etwas skeptisch. »Früher bekam jeder Mitarbeiter eine klare Ansage, was er zu tun und zu lassen hatte. Heute hat jeder hier ein hohes Maß an Eigenverantwortung«, konstatiert Kählig seine Vision von der optimalen Personalführung. Eine Eigenart, die sich der begeisterte Sport-Taucher wohl auch unter Wasser angeeignet hat, denn auch in den Tiefen der Weltmeere sind oft schnelle und selbstständige Entscheidungen oft überlebensnotwendig.

Einen zweite wesentliche Anforderung, die der Geschäftsführer an seine Mitarbeiter stellt, ist Kreativität. Egal ob in der Konstruktionsabteilung oder in der Fertigung am Band. Das Motto lautet Erfolg durch Freude. Und Einfallsreichtum kann man lernen. Dazu bedient sich Kählig einer unkonventionellen, aber ebenso einfachen Methode. Er organisiert Kreativnachmittage. Eine externe Künstlerin arbeitet einmal im Monat aktiv mit den Angestellten. »Nach anfänglicher Skepsis der Mitarbeiter, haben sich einige inzwischen als echte Künstler entpuppt und eigene, zu meist technische Kunstwerke geschaffen.« Für den Erfolg der wachsenden Kreativität im Unternehmen sprechen die zahlreiche Optimierungsvorschläge für die Produktion, denn ›Mitmachen und Mitdenken‹ sind Fähigkeiten, die jedes Unternehmen fördern sollte. »Manchmal muss man einfach nur ein bisschen mehr risikobereit und unvoreingenommen sein, um Erfolg zu haben«, sagt der Geschäftsmann mit einem leichten Lächeln um die Mundwinkel. Und spätestens hier, kommt wieder der Forscherdrang des Geologen und Tauchers beim Antriebshersteller Matthias Kählig durch.

Andreas Kunze

Querdenker

Fairness, beruflich als auch privat, das ist der Grundsatz von Matthias Kählig, Geschäftsführer der KAG Kählig Antriebstechnik GmbH in Hannover. Der 40-jährige Familienvater absolvierte ein Studium der Geologie und Paläontologie an der technischen Universität Braunschweig. Schon während seines Studiums engagierte sich Kählig im elterlichen Betrieb, der KEG Kählig Elektrotechnik GmbH. Nach seinem Studium trat er in den Betrieb ein und wurde dort 1992 Betriebsleiter. 1996 wechselte Matthias Kählig in die Geschäftsführung der KEG. Anfang 2003 geriet die ehemalige Gefeg Antriebstechnik GmbH aus Hannover in finanzielle Schieflage. Matthias Kählig übernahm noch im selben Jahr das Unternehmen und gründete die heutige KAG. Mat­thias Kählig - passionierte Sporttaucher und eingefleischter Aquarianer - ist ein ›Querdenker‹, denn er hat viele Interessen, die vordergründig zunächst nichts mit Antriebstechnik zu tun haben, aber ihn immer wieder zu Ideen inspirieren, die durchaus seinen unternehmerischen Aktivitäten zugute kommen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2006