Der Produktlebenszyklus von Plagiaten

Meinung

Forschungspolitik – Der lässige Umgang der Politik mit wissenschaftlichen Plagiaten in ihren eigenen Reihen gefährdet auch die Glaubwürdigkeit der deutschen Ingenieurskunst.

27. März 2013

Mit Plagiaten kennen wir Deutschen uns inzwischen bestens aus – nicht nur wegen der fernöstlichen Kopien unserer Produkte, sondern auch dank gewisser Politiker und Politikerinnen, denen der ehrliche Weg zur Doktorwürde zu mühselig erschien. Während unsere Bundeskanzlerin den einen (zunächst) ihr volles Vertrauen auszusprechen pflegt, mahnt sie die anderen, unsere hochmodernen Produkte nicht einfach zu kopieren. Den Chinesen ist das gleich: Da werden schon mal Wälzlager samt der Verpackung kopiert und über Umwege dem deutschen Einkäufer untergeschoben. Diese Lager sind den Qualitätsprodukten aus Schweinfurt aber nur äußerlich ähnlich – Qualität und Langlebigkeit zählen nicht zu ihren Eigenschaften. Sind sie dann in unsere Maschinen eingebaut, bedrohen die technischen Plagiate den guten Ruf unserer Ingenieure ebenso wie wissenschaftliche Plagiate den Ruf unserer Universitäten.

Da stelle ich mir die Frage, woher ausgerechnet unsere Forschungsministerin die Chuzpe nimmt, trotz gegenteiliger Erkenntnisse des universitären Untersuchungsausschusses zu leugnen, dass sie Teile ihrer Doktorarbeit abgeschrieben hat. Jenen, die der Forderung nach Konsequenzen widersprechen, weil Schavan doch eine ehrenwerte Dame und gute Ministerin sei und sich »Ungenauigkeiten« in der Hektik des stressigen Studentenalltags schon mal einschleichen könnten, rate ich, sich einmal die Mühe zu machen und sich die inkriminierten Passagen unter dem Stichwort »schavanplag« selbst anzusehen. Nach Durchsicht der Dokumente halte ich das Urteil der Gutachter, dass Schavan »systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte«, für zutreffend.

Während aber der Patentschutz üblicherweise nach 20 Jahren ausläuft, kritisieren Freunde der Ministerin, dass Schavan jetzt noch nach 30 Jahren belangt wird. Ebenso pochen sie darauf, dass Schavans Lebensleistung gewürdigt werden müsse. Dagegen gebe ich zu bedenken, dass Plagiate im Maschinenbau und in den wissenschaftlichen Fakultäten für alle (außer für die Nutznießer) erheblichen Schaden anrichten: In beiden Fällen zerstört die billige Kopie den unbezahlbaren Wert des Gütesiegels »Made in Germany«. Abgesehen davon ließe sich über die politischen »Erfolge« Schavans trefflich streiten: Turbo-Abitur, Elitenförderung, das Föderalismus-Geeiere in der Bildungspolitik, Studiengebühren – nicht eines dieser Vorhaben hat funktioniert: Wo immer es geht, werden sie gerade wieder rückgängig gemacht.

Natürlich hat die Forschungsministerin auch das Elektro-Auto als die Zukunft gepriesen. Bei Audi sieht man das jetzt allerdings anders und hat gerade den Ausstieg aus der E-Mobilität angekündigt: Stattdessen setzt man auf Methangas und hat zu diesem Anlass öffentlichkeitswirksam im Emsland einen Methanisierungsreaktor errichtet, der die Windenergie – für die es ja leider nicht genug Leitungen gibt – vor Ort direkt in Gas umwandelt. Während die Politiker weiter von Elektroautos schwadronieren, sind die Technik-Vorstände unserer Autohersteller gedanklich schon weiter. Es zeigt sich einmal mehr, dass wir nicht wegen, sondern trotz unserer Politik wirtschaftlich erfolgreich sind. In unserer Industrie gilt noch die »Old Economy«, wo Qualität und echte Innovation die Grundlage bilden. Das Handelsblatt online schrieb am 13. Februar 2013: »Der Siegerpokal gebührt den deutschen Facharbeitern und Ingenieuren. China ist billiger, Amerika digitaler und Italien eleganter – die Produkte aus Deutschland aber halten noch, wenn die Waren der anderen schon auf dem Recyclinghof miteinander kuscheln.« Deshalb freuen wir uns auch dieses Jahr auf die Hannover Messe und die neuen Innovationen aus unserem Land und aller Welt. Und versuchen, ausländische Kopien unserer Innovationen mit einem Augenzwinkern zu übersehen – und als Kompliment an deutsche Qualität zu betrachten.

Ihre Meinung interessiert mich, schreiben Sie mir doch einfach, Ihr Rüdiger Eikmeier

Erschienen in Ausgabe: 02/2013