Design + Technik

Konzepte – Gestalter lernen von Konstrukteuren, und Konstrukteure von Gestaltern. Der Autor, Prof. Dr.-Ing. Jörg Reiff-Stephan, hat Maschinenbau und Informationstechnik studiert. Er macht Vorschläge zur Gestaltung von Produkten und Prozessen.

12. August 2008

Produkte schneller zu entwickeln – das ist unter den wachsenden Anforderungen global agierender Unternehmen wesentliche Voraussetzung für Beibehaltung und Ausbau der Marktposition. Die technische Konstruktion sowie die Formgestaltung eines Produktes rücken unter diesem Fokus immer mehr aneinander.

Früher akzeptierte Prozesse der abschließenden Formgebung sind für moderne Entwicklungsteams nicht mehr realisierbar. Gestalter und Ingenieure sind angehalten, ihr Bereichswissen kommunikativ und effi zient in Entwicklungsteams einzubringen. Dieses bedingt aber nicht nur ein neues verbales Verständnis, sondern vielmehr auch die Bereitschaft der kooperierenden Gestaltungszweige aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen. Die differierenden Wege, zum einen der wissenschaftliche Rationalismus und zum anderen der kreative Objektivismus, führen bei gleicher Aufgabenstellungen zu Lösungen, die in ihrer Einheit aus Design und Technik zu einem Mehr an Inspiration und Funktion führen könnten.

Kooperation

Im Rahmen eines Kooperationsvertrages zwischen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der Technischen Universität Berlin wird den Studenten der Fachrichtungen »Produkt-Design« und »Maschinenbau« in Vorlesungen das unterschiedliche Herangehen gelehrt. In praktischen Studien kann das vermittelte Wissen weiter vertieft werden. Erste Ergebnisse an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sind unter anderem Studien neuartiger Roboterkonzepte, die modellhaft aufgebaut einem breiten Publikum vorgestellt wurden.

Ein Beispiel ist die Fallstudie »C-BOT« (Design: Niklas Galler (nr21.com), 2007). Der Ausgangspunkt war eine Aufgabenstellung zur mobilen Detektion von Schadstellen z. B. Korrosionsschäden an Hauswänden und Betonbrücken. Es sollte eine Fortbewegungsstruktur geschaffen werden, die auf unterschiedlichen Untergründen und über Vorsprünge hinweg autark agieren kann. In weltweiten Prozessrecherchen stieß man schnell auf ein am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart (Dr. Stanislav Gorb) vorgestelltes bionisches Prinzip des Haftens: den Gecko-Fuß.

Die Haftung entsteht durch die Bündelung der »Van-der-Waals«-Kräfte, die an jedem einzelnen der Millionen Härchen des synthetischen Materials beim bloßen Kontakt mit anderen Materialien auftreten. Wesentlich ist, dass es hierzu keiner zusätzlichen Energiezuführung bedarf.

Kletterroboter

In der modellierten Umsetzung für den Kletterroboter wird der Haftmechanismus dadurch gesteuert, dass durch Baudenzüge die haftende Sohle einfach abpeelen und so der Kontakt zum Untergrund gelöst wird. Als Werkzeug zur Ortung der Schadstellen im Mauerwerk dient ein an der Unterseite des Roboters mitgeführter Ultraschall-Sensor. Durch neuartige Transpondertechnologien lassen sich die gewonnenen Daten von einer Bodenstation erfassen und auswerten. Drei Symmetrieachsen von C-BOT befähigen zu einer sehr flexiblen richtungsunabhängigen Fortbewegung ohne eine notwendige Ausrichtung bzw. Umsetzung der Basis. Die komplexe Beinarchitektur, die mit aktiven und passiven Gelenken ausgestattet ist, ermöglicht ein problemloses Überwinden sämtlicher Kanten und sphärischer Flächen. Aus heutiger Sicht ist die Studie noch nicht voll einsetzbar, da das Gecko-Material nur in Grenzbereichen hinreichend erforscht ist. Weltweit arbeiten jedoch interdisziplinäre Teams an einer optimierten Struktur, die die vorgestellte Studie sinnvoll in der Umsetzung erscheinen lässt. Das heute noch umständliche Aufbauen von Gerüsten an Gebäuden und Brücken wird so für die Bauwerksdiagnose nicht mehr benötigt werden. Niederschlag des öffentlichen Interesses hat das ausgearbeitete Design unter anderem auch auf der International Design Competition der Japan Design Foundation (www. jdf.or.jp) gefunden, wo es mit dem Golden Prize Award gewürdigt wurde.

Die Ergebnisse der vergangenen zwei Jahre zeigen, dass Studenten beider Fachrichtungen motiviert und engagiert sind, ihre Vorstellungen zu ergänzen und voneinander zu lernen. So wird es möglich, Produkt- wie auch Prozessinventionen zu nachhaltigen Innovationen wachsen zu lassen und dabei Zeiteffekte sinnvoll zu nutzen.

Prof. Dr.-Ing. Jörg Reiff-Stephan

»Alles nur Verständigungssache«

Design - Machen uns die Amerikaner etwas vor? Oder was wird verstanden, wenn wir in einem englischsprachigen Meeting über ›Designer‹ sprechen?

›Design und Technik‹ stellt zumindest verbal schon eine tiefe, untrennbare Einheit in der Welt der Produktgestaltung dar. Sicher, vieles läuft insbesondere durch die Beziehungsaufgabe No. 1 – die Kommunikation. Gestalter sollten von Konstrukteuren und Konstrukteure von Gestaltern lernen. Die Werkzeuge beider »Gattungen« des technischen Entwurfs nähern sich dazu seit einem Jahrzehnt im rasanten Maße immer mehr an. Konstrukteure werden zumindest intuitiv befähigt, Stilelemente und Formalien ohne Berücksichtigung von Gestaltungsrichtlinien anzuwenden. Weiterhin gehen künstlerische Produktgestalter im Entwicklungsprozess mit ähnlichen Methodiken aber auf einem gegensätzlichen Weg zum Ziel. Ihr technisches Verständnis von Produkt- Einzelfunktionen sowie deren Umsetzung in Form und Material basiert auf dem generalistischen Wissen aus dem Vergangenen, dem Erfahrenen. Das Neue kann oftmals nicht in detaillierter Weise erschlossen werden. Aus beiden Richtungen, auf beiden Wegen, ist der jeweilige Einsatz der Kompetenzträger befruchtend, um schneller zu qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Produkten zu gelangen. Ziel der nächsten Etappen in der Gestaltung von Entwicklungsprozessen wird es da-her sein, Kommunikationsverfahren und -werkzeuge zu schaffen, die interdisziplinäre Teams nachhaltig unterstützen ihre Aufgaben schnell und kundennah zu erfüllen. Die Einheit von ›Design und Technik‹ wird uns befähigen, effizient und transparent innovative Technologien aufzugreifen und damit die Produktentwicklung auf dem Stand der Zeit und Technik auszuführen.

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Jörg Reiff-Stephan (Jhg. 1971), studierte Maschinenbau und Informationstechnik. Im Rahmen seiner unterschiedlichen unternehmerischen Aktivitäten im In- und Ausland leitete er innovative Projekte im Bereich Sondermaschinenbau, mobile Kommunikationstechnik und Gerätebau. Sein 1997 gegründetes Büro für innovative Produkt- und Prozessgestaltung unterstützt Kunden bei der Konzeption und Nachhaltigkeitsprüfung ihrer Ideen. Praxisnah wird die Einheit von ›Design und Technik‹ Studenten der Kunsthochschule Berlin-Weißensee vermittelt.

Erschienen in Ausgabe: 05/2008