Deutschland GmbH statt Deutschland AG

Kommentar

Jahresrückblick – Wenn man an die politischen Glanzleistungen im auslaufenden Jahr denkt, kommen einem leider meist nur Gegenbeispiele in den Sinn...

05. Dezember 2012

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und rückblickend stellen die meisten von uns fest, dass wir alle ganz gut gefahren sind. Was allerdings das nächste Jahr bringt oder wie es in den Folgejahren weitergeht, ist angesichts der europaweiten fiskalpolitischen Verwerfungen kaum vorauszuahnen – meine Glaskugel jedenfalls bleibt trübe. Als umso ärgerlicher empfinde ich das allumfassende Rumgewurschtel unserer Politiker.

Was haben Energiewende, Euro-Finanzpolitik, Renten, Entwicklungshilfe und Betreuungsgeld gemeinsam? Ich nehme an, Sie wissen, worauf ich hinaus will. Richtig: Hinter allen diesen Vorgängen, die wohl am besten die Bezeichnung »Kabinettstücke« verdienen, offenbart sich dem aufmerksamen Mitbürger die Abwesenheit jeglichen Plans – jedenfalls eines Plans, der eine ernsthafte Konsolidierung zum Ziel hat und ein Fundament für die Zukunft legt.

Die einzigen Benchmarks sind die nächsten Umfragewerte. Die Deutschland AG verhält sich damit tatsächlich wie eine AG, die sich nur für die aktuellen Quartalszahlen interessiert. Nichts gegen Shareholder Value, natürlich soll der Besitz gemehrt werden. Aber in den vergangenen Jahren haben wir nur allzu oft erleben müssen, dass AG-Vorstände für kurzfristige Gewinne die Hühner, die goldene Eier legen, lieber schlachten als pflegen. Davon, dass Eigentum verpflichtet und Wachstum geplant werden muss, ist nicht mehr viel zu merken, jedenfalls nicht in der Politik.

Das schlechteste Beispiel ist die so genannte »Energiewende«. Erst soll zum Nachteil einer nachhaltigen Energieerzeugung (die auf Dauer tatsächlich alternativlos ist, weil fossile Energieträger nicht nachwachsen) die Nutzung der Kernenergie wieder verlängert werden. Dann fliegt den Japanern eine dieser 100-prozentig sicheren Anlagen um die Ohren, und innerhalb von Wochen ist die Laufzeitverlängerung Makulatur, und es heißt plötzlich doch wieder Energiewende.

Doch nun stellt man »auf einmal« fest, dass das Stromnetz den Anforderungen nicht gerecht wird. Als nächstes werden die Bürger über aberwitzige Preiserhöhungen für diese Planungsfehler in Haftung genommen. Ein Plan scheint dahinter nicht zu stecken.

Ein anderes Beispiel, die Griechenlandrettung oder auch Eurokrise: Jeden Tag hören wir neue Beteuerungen, dass kein Geld riskiert werde und die Deutschen ihr Geld wiederbekämen. Schon einen Tag später sind diese Versicherungen keinen Cent mehr wert. Fehler können passieren. Experten sagen, dass der Euro schon im Kern Konstruktionsfehler besitzt. So weit, so schlecht.

Dann erwarte ich aber eine ehrliche Offenlegung der Probleme, einen runden Tisch und die Erarbeitung von Gegenmaßnahmen (deren Fundament bitte nicht gleich wieder auf dem nächsten Sandhaufen gelegt wird). Doch Fehlanzeige: Stattdessen wird weitergewurschtelt, werden neue falsche Versprechen gemacht. Betriebswirtschaftliche Nachhaltigkeit ist unseren Politikern, die häufig dem Pädagogen- und Juristenmilieu entstammen (okay, PhysikerInnen sind auch darunter) offensichtlich ein Buch mit sieben Siegeln.

Das nächste Beispiel, die Herdprämie: Erst wird von der dringend nötigen Gleichstellung der Frauen und Integration ausländischer Kinder gefaselt, dann aber zahlt man eine Prämie dafür, dass Frauen zu Hause bleiben und die Kinder nicht in die Kita geschickt werden. Dies wäre aber – ich spreche als Berliner – in vielen sozial schwachen Familien eine wichtige und wünschenswerte Maßnahme, um Kinder auf eine andere Zukunft als eine Hartz-IV-Karriere vorzubereiten. Auf die Dauer wäre das auch erheblich günstiger für uns alle.

Ich glaube, dass der politischen Führung der Deutschland AG mehr mittelständisches Denken gut täte. Interessanterweise sprechen sogar die Engländer – gestern noch die Verfechter der New Economy – heute respektvoll vom »German Mittelstand« und interessieren sich für unser Erfolgsrezept.

Dessen wichtigste Zutaten sind langfristiges Denken, die Konzentration auf Gesamtkosten anstatt isolierter Kostenstellenrechnungen und die Bereitschaft zu Investitionen, die sich erst nach längerer Zeit amortisieren. In dieser Haltung spiegelt sich der Wunsch, das vom Vater aufgebaute Unternehmen eines Tages in noch besserem Zustand den eigenen Kindern zu übergeben. Wenn wir das auch mit unserem Land vorhaben, benötigen wir statt der Deutschland AG die Deutschland GmbH.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an:

r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 09/2012