Die Entscheidung zum Erfolg

Porträt

Dieter Baur – Die Gründung eines Unternehmens ist stets ein Risiko. Der Inhaber der Wenglor Sensoric GmbH hat den Weg in die Selbstständigkeit vor mehr als 25 Jahren nie bereut.

15. April 2009

»Irgendwann im Leben gibt es Momente, in denen man sich entscheiden muss«, sagt Dieter Baur, Gründer des weltweit tätigen Sensorikherstellers Wenglor im oberschwäbischen Tettnang, beim Gedanken an die Anfangszeit seines Unternehmens vor etwas mehr als 25 Jahren. Der gelernte Elektrotechniker von der Schwäbischen Alb weiß, wovon er spricht: Baur arbeitete damals schon seit Jahren bei einem Automatisierungstechnikunternehmen, unter anderem als Leiter der Betriebsmittelentwicklung, und war im Grunde zufrieden mit seinem Leben als Angestellter mit junger Familie und Eigenheim. Doch Baur hatte schon früher daran gedacht gehabt, sich eines Tages selbstständig zu machen – und jetzt, im Alter von 34 Jahren, wollte er diese Idee in die Tat umsetzen. Das Risiko zu scheitern schien ihm damals nicht bewusst, erinnert sich der 58-Jährige und erklärt: »Wer sich selbstständig macht, der überlegt nicht, was er tut.«

Anfang unterm Dach

Baur hatte ein analoges Verteilungssystem für Aktoren und Sensoren entwickelt, ähnlich den heutigen Feldbussystemen, und suchte jetzt einen Partner mit Erfahrung im Vertrieb. Einen solchen Partner fand der Jungunternehmer in dem Essener Ingenieurbüro Wenglorz, das unter anderem Sensorikprodukte vertrieb. Schnell erkannte Baur hier eine Marktlücke im Bereich der optoelektronischen Sensorik und begann deshalb 1984 mit der Entwicklung eigener Sensoren. Als Planungsbüro und Werkstatt diente der Dachboden seines Hauses, das er an die Bank verpfändet hatte, um den Start des Unternehmens zu finanzieren. Vertrieben wurden die Sensoren von dem Essener Ingenieurbüro unter dem Markennamen Wenglor. Nach etwa vier Jahren jedoch endete diese Zusammenarbeit, und Baur verlagerte sein Unternehmen komplett nach Tettnang.

Schwieriger Start

Nach wie vor bestand Wenglor Sensoric allerdings aus nur wenig mehr als Dieter Baur selbst, seinem technischen Wissen und dem sprichwörtlichen schwäbischen Fleiß. »Wir mussten zwei harte Jahre lang kämpfen, um überhaupt an Aufträge zu kommen«, erzählt der bodenständige Unternehmer. Doch am Ende half auch hier das Glück dem Tüchtigen: Eines Tages meldete sich bei Baur ein ihm bis dahin unbekannter Hersteller von Sanitärausrüstung, der seine Urinale mit einem kontaktlosen Spülsystem ausrüsten wollte und dafür dringend optische Sensoren in größeren Stückzahlen benötigte. Zwar hatte Baur diesen Industriebereich überhaupt nicht bedient, schließlich wollte er ja die Automatisierungstechnik ausrüsten, doch der Auftrag brachte erstmals einen regelmäßigen Umsatz. Das endgültige Fundament des Unternehmens legte schließlich ein weiterer Großauftrag aus Österreich, erzählt Baur und erinnert sich: »Da rief mich jemand an einem Freitag an und wollte Sensoren, die Glas erkennen können – und zwar 400 Stück in der Woche!«

Die Detektion von Glas mit optischen Sensoren galt damals als eine nahezu unlösbare Aufgabe, doch der erfahrene Techniker traute sich zu, eine Lösung zu finden, und schon am folgenden Montag ging ein Prototyp per Post nach Österreich. Vier Wochen später waren die ersten Seriengeräte fertig.

Eigene Räume

Nach Jahren auf dem Dachboden konnte das Unternehmen jetzt endlich investieren und eigene Räume beziehen. Ein passendes Gebäude fand sich auf einem stillgelegten Firmengelände in einem nahegelegenen Dorf. Zusammen mit seinen inzwischen drei Mitarbeitern renovierte Baur eigenhändig die 150 Quadratmeter und begann sogleich mit der Entwicklung und Serienfertigung von Sensoren.

Der Umsatz wuchs, und schon drei Jahre später platzte das gemietete Gebäude aus allen Nähten. Mittlerweile hatte das Unternehmen etwa 25 Mitarbeiter. Erneut riskierte Baur viel und errichtete ein eigenes Firmengebäude mit 1.000 Quadratmeter Fläche am Rande von Tettnang – und der Erfolg gab ihm recht: Schon zwei Jahre später musste das Gebäude um 3.000 Quadratmeter erweitert werden. Heute produziert Wenglor in Tettnang in einem dritten Gebäude auf 6.000 Quadratmeter sowie in einem Fertigungswerk in Rumänien. Dazu kommt ein eigenes Logistikcenter mit 10.000 Quadratmeter Lagerfläche. Parallel dazu gründete Baur Vertriebsniederlassungen im Ausland. Heute ist das Unternehmen in 43 Ländern vertreten, davon mit 28 direkten Tochterunternehmen.

Die Grundlage aller Erfolge blieb jedoch die stetige Innovation der Produkte. So präsentierte Wenglor einst auf einer Messe einen der ersten Farbsensoren. Das Gerät mit der Größe einer Zigarre stieß beim Wettbewerb auf reges Interesse, erinnert sich Baur: »Auf dem Messestand nebenan zeigte auch AEG einen Farbsensor, einen 19-Zoll-Einschub für 20.000 Mark. Die AEG-Leute machten Witze über unsere Zigarre, aber nach einem Jahr hatten wir 2.000 davon verkauft, und AEG gab es nicht mehr.«

Eine Wenglor-Innovation war auch die integrierte Verschmutzungserkennung. Eine Neuentwicklung ist ein Sensor für Hygieneanwendungen in der Pharma- und Lebensmittelindustrie, der sich einfach reinigen und in die Maschine integrieren lässt. Bei alldem folgte Baur stets dem Grundsatz, sich nie von einzelnen Kunden abhängig zu machen. Heute hat das Unternehmen deshalb rund 50.000 Kunden in nahezu jeder Branche.

Baurs wichtigstes Kapital ist jedoch die Treue seiner rund 280 Mitarbeiter, von denen die allermeisten schon seit ihrer Ausbildung im Unternehmen sind. Nicht ohne Grund herrscht bei Wenglor eine sehr flache Hierarchie, und sämtliche Mitarbeiter duzen auch den Chef.

Robust in der Krise

Zwar führte die aktuelle Wirtschaftskrise auch bei Wenglor erstmals in der Firmengeschichte zu einem Umsatzrückgang, doch Baur bleibt optimistisch: »Wer in den letzten Jahren vernünftig mit seinen Mitteln umgegangen ist, der muss eine solche Krise überstehen. Wir haben noch riesige Potenziale, denn Automation wird auch in den nächsten 50 Jahren immer ein Thema sein.«

Auch eine andere Entscheidung hat der weitsichtige Unternehmer bereits getroffen: Seit dem 31. Dezember 2008 liegt das Unternehmen offiziell in der Hand seiner Söhne, und Dieter Baur ist sicher, dass sie das Unternehmen in seinem Sinne weiterführen: »Es ist mir deshalb sehr leicht gefallen, meine Unterschrift zu leisten.«bt

Fakten

- Dieter Baur, geboren am 13. Oktober 1950 in Sigmaringen, ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Wenglor Sensoric GmbH in Tettnang.

- Der gelernte Radio- und Elektrotechniker arbeitete 12 Jahre in der Automatisierungstechnik, unter anderem als Leiter der Betriebsmittelentwicklung.

- Seit 1983 entwickelt und produziert Baur Sensoren unter der Marke Wenglor.

Erschienen in Ausgabe: 02/2009