Die Grenzen der Automatisierung oder warum wir unsere Hemden noch lange selbst bügeln werden

Meinung
30. September 2016

Schon vor Jahren fragte mich meine Frau mit Blick auf einen Berg ungebügelter Hemden einmal im Scherz, ob ich ihr nicht eine Maschine bauen könnte, die ihr diese Arbeit abnimmt. Nun muss ich zwar eingestehen, dass das eine praktische und haushaltsnahe Anwendung meines Ingenieurwissens wäre. Bis dato habe ich aber noch keinen Bügel- und Faltroboter entworfen. Dafür konnte ich kürzlich auf der IFA das bis jetzt mutmaßlich ausgereifteste Exemplar eines solchen Geräts begutachten. Der schrankgroße japanische Wäschefetischist namens Laundroid soll vollautomatisiert Wäsche waschen, zurechtlegen, trocknen, bügeln und anschließend falten und im Schrank verstauen. Klingt toll, funktioniert aber nicht! Laundroid versagte sogar vor der Kamera eines gespannt wartenden Fernsehteams. Was nicht wundern muss, denn das Gerät ist noch gar nicht serienreif. Frühestens ab 2018 wird eine erste, noch eingeschränkte und lediglich zum Hemdenfalten befähigte Version auf den Markt kommen.

Alle, die auch vom Bügeln befreit werden möchten, müssen noch bis mindestens 2020 warten. Der letzte Schritt hin zum totalen Textil-Heinzelmännchen gestaltet sich offenbar nicht so einfach. Die dem Menschen eigene Fähigkeit, Vorgänge zu erkennen und entsprechend zu handeln, stellt für technische Lösungen noch immer eine überaus komplexe Herausforderung dar, selbst wenn es sich nur um ein noch trocknerfeuchtes Hemd handelt, das bei jedem neuen Bügelvorgang anders liegt und anders Falten wirft. Heute verdoppelt sich zwar die Leistungsfähigkeit der computerbasierten Technik etwa alle zwei Jahre, und theoretisch müsste eine Maschine sich soweit verbessern können, dass sie irgendwann autonom ist.

Doch in der Praxis stößt die Automatisierung auf der Zielgeraden oft auf eine Bügelfalte im Raum-Zeit-Kontinuum. Das Phänomen ist Betriebswirten, Technikern und Planern hinlänglich bekannt: Die letzten fünf Prozent industrieller Automatisierung sind mit überproportional steigendem Aufwand verbunden. Es wäre zwar technisch möglich, den letzten Schritt zur Vollautomatisierung zu vollziehen, die Umsetzung ist aber insgesamt unwirtschaftlich, weil die Komplexität des Systems enorm zunimmt und es damit zu störanfällig wird. Systeme werden weniger flexibel und stattdessen häufig abhängig von Spezialisten, die jedoch seltener verfügbar sind. Diese Beobachtung der Fünf-Prozent-Hürde in der Automatisierung gilt wohl auch im Haushalt. Traut man nun da dem Roboter? Ein Software-Fehler und man bräuchte womöglich einen Spezialisten, nur um die Wäsche zu waschen.

Hinzu kommt der sicher nicht unbeträchtliche Preis. Warum eine maschinell äußerst komplexe Aufgabe wie diese teuer durch einen Roboter bewältigen lassen, wenn die viel günstigere Haushaltshilfe besser und flexibler entscheiden kann, welches Waschmittel benötigt wird und wo die Kleidung im Schrank abgelegt werden soll? Solange außerdem sogar noch umfangreiche Handreichungen durch den Besitzer nötig sind, wird dieses Gerät so schnell kein Massenphänomen werden. Auch lässt die beträchtliche Größe des Laundroid, der in seiner integrierten Vollversion einen ganzen Raum für sich allein in Anspruch nehmen würde, die Eignung fürs traute Heim sehr bezweifeln.

Mit der Automatisierung von Vorgängen im Haushalt ist es also gar nicht so einfach bestellt. Ich wage sogar zu behaupten, dass der Höhepunkt der Automatisierung bei der Wiederaufbereitung getragener Kleidung bereits mit der vollautomatischen Waschmaschine erreicht war. Der Laundroid wird als eine kuriose technische Irrung in die Geschichtsbücher eingehen. Und wir werden unsere Hemden weiter selbst bügeln müssen.

Ihr Rüdiger Eikmeier

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 07/2016