Die Kraft der Anziehung

Porträt

Magnet Schultz – 100 Jahre alt, und die vierte Generation ist erst vor kurzem eingestiegen – bei so viel Kontinuität ist es nicht verwunderlich, dass Magnet-Schultz ein führendes Unternehmen für elektromagnetische Aktoren und Sensoren geworden ist.

24. Mai 2012

Magnete bedeuten Erdung. Vielleicht liegt es daran, dass Magnet-Schultz so stabil ist. Wolfgang E. Schultz, dritte Generation und Geschäftsführender Gesellschafter, erinnert sich an die Anfänge: »Begonnen hat mein Großvater Adolf-Wilhelm Schultz. Er legte 1898 sein Diplom der Elektrotechnik an der Fachhochschule Illmenau ab und kam um 1905 zum ersten Mal mit Magnetismus in Berührung.« 1909 hat der Großvater in Eisenach zusammen mit kaufmännischen Partnern die Magnetwerk Eisenach GmbH gegründet und 1912 Magnet-Schultz in Memmingen, denn seine Frau kam aus dem Allgäu.

»Mein Großvater hat zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise überstanden«, sagt Schultz bewundernd. »Ein Grund dafür war, dass er sich auf den Magnetismus konzentriert hat und sich immer fragte, was die Leute brauchen. Bereits 1913 führte er eine Umfrage zur Kundenzufriedenheit durch. Das war sehr modern für die damalige Zeit.« Ab 1920 beschäftigt sich Schultz mit Betätigungsmagneten. Ein großer Schritt nach vorn ist das Lamellenmantelpatent, mit dem sich elektromagnetische Energie ohne Wirbelströme erzeugen lässt. Das war der Einstieg in die Wechselstromtechnik, mit der sich Magnet-Schultz nach und nach in die gesamte Industrie ausweitete.

Eine schwierige Phase begann 1933. Wolfgang E. Schultz versucht zu vermitteln: »Trotz aller politischen Entwicklungen, die man verurteilen muss, gab es eine wirtschaftliche Aufbruchstimmung in Deutschland. Die Firma hatte plötzlich Aufträge, Anwendungen und Beschäftigung, sie konnte viele Mitarbeiter einstellen. Wir haben 1935 zum ersten Mal gebaut, mein Großvater war zu der Zeit bereits Mitte 50. Die politische Landschaft umzudrehen, war für ihn hoffnungslos. Er war ganz sicher kein Mitläufer, aber er konnte sich dem Ganzen auch nicht entziehen.« In den Kriegszeiten hat Magnet-Schultz zum Beispiel Elektromagnete für Aufzüge geliefert, die Produkte waren aber auch in Flugzeugen oder Schiffen verbaut.

Wechsel mitten in Kriegszeiten

Mit 67 Jahren ist Adolf-Wilhelm Schultz 1943 nach dem Besuch einer Beerdigung an Lungenentzündung gestorben. Darum war der Übergang auf die zweite Generation ziemlich abrupt. »Mein Vater Eduard hatte als ausgebildeter Industriekaufmann ein gutes technisches Verständnis«, erzählt Schultz. »Mit diesem und den richtigen Leuten hat er das Unternehmen vorangebracht.«

Nach Kriegsende wurde Eduard W. Schultz von den Amerikanern wegen eines harmlosen Amtes im dritten Reich 15 Monate lang interniert. In dieser Zeit hielt sich die Firma mit dem Wiederherstellen ausgebrannter Glühbirnen und einem Leuchtmittel aus Munitionshülsen als Ersatz für Zündhölzer über Wasser. Nach den schwierigen Jahren unmittelbar nach dem Krieg hat sich Magnet-Schultz dann ab 1948 zielstrebig in Richtung industrielle Anwendung orientiert. 1949 stellte das Unternehmen zum ersten Mal auf der Hannover Messe aus. »Das war eine furchtbare Fahrt«, weiß Wolfgang E. Schultz aus Erzählungen. »Aber die Menschen haben das auf sich genommen, weil es ansonsten wenig Markt in Deutschland gab.« Das Unternehmen hat dann sehr konsequent Anwendungen mit Wechsel-, Gleich- und Drehstrom für die Industrie entwickelt und zur Marktreife gebracht. »Das brachte Akzeptanz, und so entstand eine Marke mit Bedeutung.«

Er erzählt eine Anekdote: »Hans Liebherr zum Beispiel ist 1948 mit dem Fahrrad drei Stunden zu meinem Vater nach Memmingen gefahren, hat drei Drehstrommagnete mit 60 Kilo Gewicht gekauft, ist wieder zurückgeradelt und hat sie dann in seinen ersten Turmdrehkran eingebaut. Jetzt ist Liebherr ein Weltkonzern.«

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich Magnet-Schultz auf fluidtechnische Anwendungen spezialisiert und dazu breit aufgestellt. »Wir sind von der Tiefsee bis in den Weltraum überall dabei. Das gilt für die Medizintechnik, Druck- oder Verpackungsmaschinen sowie Automatisierungstechnik«, gibt Schultz einen Überblick.

43 Jahre im Unternehmen

»Mein Vater starb früh, und ich habe gleich nach dem Elektrotechnik-Studium 1969 die Firma mit 800 Mitarbeitern übernommen«, fährt Wolfgang E. Schultz mit der Geschichte des Unternehmens fort. Seit 43 Jahren führt er nun schon deren Geschicke. »Damit habe ich die längste Zeit auf dem Buckel.« Sein Sohn ist vor zwei Jahren als vierte Generation eingestiegen. Über diese Entwicklung ist Herr Schultz sehr glücklich: »Bis zur vierten Generation schaffen es die wenigsten. Das ist eine Ausnahme genauso wie, dass ein Unternehmen in drei Generationen 100 Jahre absolviert. Wir sind uns dessen bewusst und ich bin dankbar dafür.«

Das Memminger Unternehmen ist auf dem Weg zum Global Player. »Wir sind vertreten in Europa, haben einen Betrieb in USA, und ich gehe davon aus, dass wir bald auch eine Niederlassung in China eröffnen.« Auf der anderen Seite ist Magnet-Schultz immer noch ein Familienunternehmen. »Familie ist eine schöne Sache«, weiß Wolfgang E. Schultz, »aber bei einer Größe von 2.000 Mitarbeitern sollte nicht alles nur von der Familie abhängen. Wenn etwas schiefläuft, muss das Unternehmen auch mit fremdem Management weiterlaufen. Unser Vorzug sind schnelle Entscheidungen. In Konzernen dauert das viel länger.«

Ein zentraler Begriff in der Philosophie von Magnet-Schultz ist Qualität, die, so der Geschäftsführer, vor allem von den Mitarbeitern ausgeht. »Wir sind ein tolles Team und informieren uns gegenseitig hautnah, es gibt keine Einzelentscheidungen.« Das Unternehmen hat am Arbeitsmarkt einen sehr guten Ruf und bildet intensiv aus. Der Anteil liegt in Memmingen inzwischen bei zehn Prozent. »Wir sind stolz auf unser Betriebsklima, das sich auch im niedrigen Krankenstand und einer langen Verweildauer der Mitarbeiter zeigt.«

Ohne Kunden nützen aber die besten Mitarbeiter nichts, weiß Schultz: »Sie sind das A und O. Wir haben eine ganze Reihe langjähriger Kunden, die mit unseren Produkten eine hohe Geltung im Weltmarkt erreicht haben.« Er möchte aber nicht an einer speziellen Industrie hängen, sondern eine breite Basis schaffen: »Das ist nicht nur betriebswirtschaftlich ein gutes Konzept, sondern auch in den Technologien unglaublich befruchtend. Was wir in der Tiefsee gelernt haben, können wir auch in der Raumfahrt einsetzen. Wir sind für die hohe Zuverlässigkeit unserer Produkte bekannt. Da akzeptieren unsere Kunden auch einen vergleichsweise höheren Preis.«

Schultz setzt auf den Produktionsstandort Deutschland: »Darum müssen wir uns an den Standortbedingungen hier orientieren. Wir haben hohe Löhne, kurze Arbeitszeiten und einen hohen Lebensstandard. Wir können an diesem Standort nicht auf einem Billigniveau mit Emerging Countries konkurrieren. Unsere Produkte müssen besser sein, und das geht am besten über anspruchsvolle Anwendungen, die wir jetzt noch stärker differenzieren wollen. Wir wollen und müssen wachsen.« Für große Umsätze braucht es neben Neukunden aber auch große Flächen. Darum sind in Memmingen 2008 und 2011 große Hallen entstanden, und die nächste ist schon in Planung. Schultz geht davon aus, dass die Tendenz bei Beschäftigungslage und Umsatz aufwärtsgerichtet ist: »Selbst bei etwas gedämpfter Konjunktur bringen uns unsere Trümpfe wie Projektarbeit, Kundenstamm und Mitarbeiter stets weiter nach vorn.«

Erschienen in Ausgabe: 04/2012