Die Kunst des Falschmachens

Bernd und Erich Gildemeyer - Welches Unternehmen behauptet von sich selbst, einiges falsch zu machen? Kaum ein Unternehmen in der Maschinenbaubranche gibt Fehler zu. Die Ruhrgetriebe KG aus Mülheim steht zum Falschmachen.

11. Oktober 2005

Erich und Bernd Gildemeyer, die Geschäftsführer von Ruhrgetriebe, stehen zum ihren falschen Entscheidungen. Sie fallen in der Branche aber nicht durch ein schlechtes Image, sondern durch besondere Leistungen auf. »Diesen Ruf haben wir uns im Laufe der Jahre durch unsere falschen Ent­scheidungen hart erkämpft«, sagt Seniorchef Erich Gildemeyer voller Überzeugung. Was er mit dem scheinbar widersprüchlichen Satz meint, erklärt der Sohn und Geschäftsführer Bernd Gildemeyer: »Als alle riefen, eine große Lagerhaltung ist unwirtschaftlich, haben wir 1979 eine neue 3.000 m² große Halle gebaut.« In der Tat, wenn man sich dort umschaut, erhält man einen guten Eindruck. Tausende von Getriebemotoren und -teilen liegen dort bereit, um rasch ausgeliefert zu werden. Eigentlich totes Kapital, könnte man denken, doch Gildemeyer Senior sagt: »Das ist das be­sondere Ruhrgetriebe-Kapital - Schnelligkeit. Unsere Standardgetriebe oder dringend benötigte Getriebeteile sind im Notfall innerhalb von 24 Stunden vor Ort.« Bernd Gildemeyer ergänzt: »Schnelligkeit ist ein sehr gutes Verkaufsargument, und das verbinden die Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau mit unserem Namen.«

Fast unvorstellbar ist auch, dass viele Ersatzteile von Getrieben und Motoren, die vor 50 Jahren verkauft wurden, heute noch vorrätig sind. Das spricht nicht nur für die Langlebigkeit der Produkte, sondern ebenfalls für den besonderen Kundenservice. »Durch gute Produkte allein können Sie keine Kunden binden, das komplette Paket muss stimmen«, erklärt Erich Gildemeyer. Er sollte es wissen. Als der Seniorchef in den 50er- Jahren den Bedarf an Automation erkannte und einige Getriebetypen anbot, war ihm klar, dass Kundenbindung durch besondere Leistung und Service der Garant für einen soliden Geschäftserfolg ist. Ein hoher Prozentsatz der Ruhrgetriebe-Kunden bezieht seit 20 oder mehr Jahren Elektromotoren ›made in Mülheim‹. »Ganz gleich ob es sich um eine kleine Firma oder einen Großbetrieb handelt, mit geringen oder hohen Stückzahlen - für sie setzen wir alles in Bewegung« erläutert Bernd Gildemeyer. Manch ein Branchenkenner hat in den 90er-Jahren den Kopf über die Mülheimer geschüttelt und war überzeugt, dass auch bei der Diversifikation einiges falsch lief. »In Zeiten, in denen Mitbewerber immer größer wurden, weil sie ständig neue Produktgruppen und moderne Technologien angeboten haben, haben wir weiter auf die Spezialisierung gesetzt«, erklärt Erich Gildemeyer.

Keine überholte Technik

Scheinbar überholt schien die Technik der Schneckengetriebe, außerdem sollte man Kunden alles anbieten können - z.?B. Stirnrad- oder Kegelradgetriebemotoren mit verschiedensten Getrieben, aber auch ganze Antriebssysteme. Ruhrgetriebe hat da nicht mitgemacht. Die bestehende Produktpalette an Schneckengetrieben zu optimieren - von der Laufleistung bis hin zu den immer kompakteren Maßen - war die Antwort. »Perfektion erhält man nur durch Präzision. Die fortwährende Investition in moderne Produktionsanlagen und die Qualifikation unserer Mitarbeiter sind Garanten dafür«, so Bernd Gildemeyer. Schneckengetriebe sind und bleiben die Kernkompetenz. Bernd Gildemeyer will unbedingt weiter der Spezialist auf dem Schneckengetriebe-Sektor bleiben: »Wir werden keine Diversifikation in andere Bereiche betreiben.« Die Gildemeyers sind überzeugt, dass Schneckengetriebe in den kommenden Jahren noch besser werden.

Kompakter und besser

Zur SPS/IPC/Drives wollen sie den neuen Schnecken-Stirnradgetriebe-Motor SN 19 vorstellten: »Er zeigt, dass Motoren noch kompakter gebaut werden können und Wirkungsgrade durch neueste Schmierstoffe und Materialien verbessert werden können«, formuliert Bernd Gildemeyer: »Durch neue Anforderungen werden immer neue Bauformen und -arten entstehen. Anders als in der Elektronik oder - ganz extrem - in der Nanotechnologie wird es hier keine revolutionären Technologien in der Zukunft geben. Für die Gildemeyers gilt das Motto: »Besser einfach und gut als kompliziert und doch nicht besser.«

Hohe Kontinuität, auch in konjunkturschwachen Zeiten, zeichnet das Unternehmen aus, in dem zurzeit 70 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die eigene mechanische Ab­teilung für Sonderanfertigungen komplettiert das Angebot. Bernd Gildemeyer: »Diese mechanische Abteilung für Sonderanfertigungen ist in der Lage, auf Kundenwunsch zu fertigen.« Einige Produkte sind auf Kundenwunsch entstanden und anschließend in Serie gegangen. Auch in puncto Elektronik weiß man sich im Hause Ruhrgetriebe zu helfen. »Wir sind spezialisiert auf die Produktion der Getriebe und Motoren; abhängig von Einsatz können Drehimpulsgeber und andere elektrotechnische Komponenten angebaut werden. Sie werden aber nicht von uns selbst montiert«, sagt der Juniorchef. Um die Zukunft macht er sich keine Sorgen. »Schließlich ist das Unternehmen auch für die Zukunft richtig auf­gestellt - durch anscheinend falsche Unternehmensentscheidungen.« Dazu wollen Senior und Junior ihre Schneckengetriebereihen weiter ausbauen und die bestehende Logistik weiter fest im Griff behalten - immer das Ziel vor Augen, die Kunden aus dem großen Schneckengetriebeprogramm mit Leistungen zwischen 3 und 120 Nm bestens zu bedienen. »Also weiter so beständig arbeiten, bodenständig bleiben und sich stabil weiterentwickeln wie bisher«, fasst es Bernd Gildemeyer zusammen.

André Czajka, Peter Schäfer

KurzinfoRuhrgetriebe: Das Traditionsunternehmen aus dem Ruhrgebiet bietet Schneckengetriebe und Schneckengetrie­bemotoren für Dreh-, Wechsel- und Gleichstrom an. Die Spezialitäten der Mülheimer: Kurze Lieferzeiten durchs große Lager. Getriebe für Leistungen von 30 bis 1.100 Watt, für Drehmomente zwischen 2 und 120 NM und Getriebedrehzahlen bis 569 U/min. »Neben tausenden Antriebsvarianten lösen wir schnell besondere Kundenwünsche«, sagt Bernd Gildemeyer.

Erschienen in Ausgabe: 07/2005