Die Kunststoff-Könner

Porträt

Weiss Kunststoffverarbeitung – In Illertissen und Ungarn stehen Dutzende Spritzgussmaschinen, die Weiss zu einem der wichtigsten Anbieter individueller, teils sehr komplexer Kunststoffbauteile machen.

28. April 2014

Denkt man an Spritzguss, denkt man eher an einfache Massenteile wie Schraubdeckel, Joghurtbecher oder vielleicht noch Legosteine. Aber es geht auch anders: Das wird dem Besucher sofort klar, wenn er das Werk von Weiss Kunststoffverarbeitung in Illertissen besucht. Dort entstehen hochkomplexe Kunststoffbauteile aus einem Guss, die zum Teil so wie sie sind im Automobil verbaut werden.

Angefangen hat aber alles mit einfacheren Gegenständen. »1946 haben mein Großvater und sein Bruder eine Produktion von Drahtstiften gegründet«, berichtet Jürgen B. Weiß, der das Familienunternehmen in dritter Generation gemeinsam mit Bruno Weiß leitet. »Damals war die Landwirtschaft der größte Abnehmer.« Relativ schnell entdeckte man aber Kunststoffe als zweiten Geschäftszweig. »Anfang der 50er-Jahre war Weiss einer der Pioniere für die Verarbeitung der aufkommenden Duroplaste. Damals war man flexibel und hat sich den Bedürfnissen schnell angepasst. Nach dem Krieg drehte sich alles um Alltagsdinge wie etwa Wäscheklammern«, erzählt Robert Heller, Assistent der Betriebsleitung.

Als Systemlieferant etabliert

Anfang der 70er-Jahre war dann Schluss mit dem Drahtgeschäft und Weiss schlug den Weg ein zum Kunststoffspezialisten. »Der Bedarf war riesig«, sagt Jürgen B. Weiß. »Es kamen immer mehr Bauteile und Projekte hinzu. Heute können wir uns als einer der wenigen Systemlieferanten auf dem Kunststoffsektor bezeichnen, inklusive Entwicklung, Formenbau, Herstellung, Beratung und Service aus einer Hand. Wir liefern sogar direkt ans Band.« Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf kundenspezifische Anfertigungen. »Es gibt von uns kein Produkt von der Stange.« Wertschöpfung für den Kunden ist für Weiss oberstes Gebot. Darum entstand neben dem Hauptwerk in Illertissen mit 170 Mitarbeitern ein Werk im ungarischen Györ, in dem aktuell auch schon fast 90 Menschen arbeiten. »Gemäß den Wünschen unserer Kunden können wir in Ungarn wirtschaftlich auch manuell und in größeren Stückzahlen fertigen«, begründet Jürgen B. Weiß die Entscheidung. »Fertigungstechnisch sind wir aber auch dort immer auf dem aktuellen Stand.«

Der logistische und organisatorische Aufwand ist zwar hoch, aber für die Verantwortlichen hat sich die zweigleisige Strategie ausgezahlt, beide Standorte arbeiten gut zusammen. »Die Entwicklung findet aber zu 90 Prozent in Illertissen statt«, sagt Projektingenieur Stefan Martini. Auch die Aufträge kommen zum Großteil aus Deutschland, was sich aber für Jürgen B. Weiß gerne ändern kann: »Wir versuchen verstärkt, auch Direktkunden in Osteuropa zu gewinnen.« Die Unterstützung der Mutter werde aber weiterhin erforderlich sein.

Viel Know-how im Werkzeug

Dazu gehören auch Forschung und Entwicklung. »Unser Know-how und damit viel Kapital fließt in die Betriebsmittel, vor allem in die eigens entwickelten Werkzeuge«, sagt Robert Heller. »Hier sind wir getrieben von den manchmal fast unmöglichen Forderungen unserer Kunden und dem haben wir uns in der gesamten Historie nie verschlossen. Wir wollen alle Formen und Montageeinrichtungen im eigenen Haus vorhalten können.« Dabei muss Weiss ständig auf neue Technologien eingehen und das erforderliche Know-how erwerben. Ein Standardsortiment oder mehrfach nutzbare Formen gibt es nicht. Heller: »Wir bauen ein Werkzeug in der Regel in Losgröße 1.« 2.000 aktive Formen gibt es derzeit im Unternehmen und jede hat ihren individuellen Lebenslauf.

Weiss ist meist schon im frühen Stadium der Kundenentwicklung dabei. Wenn dann das »Design-Freeze“ vom Kunden kommt, setzen in Illertissen die Aktivtäten in Richtung Formenbau ein, inklusive Simulation der Formfüllung. »Diese Dienstleistung für unsere Kunden zu beziffern, ist schwer. Letztendlich kommt es immer aufs Ergebnis an«, sagt Stefan Martini.

»Unser Vorteil ist, dass wir im technischen Bereich sehr gut sind und das Geplante auch umsetzen können«, ergänzt Jürgen B. Weiß. »Wenn wir etwas zusagen, schaffen wir es auch, und das wird gewürdigt und auch bezahlt. In vielen Fällen sind wir weltweit einer der wenigen Anbieter, der anspruchsvolle Bauteile realisieren kann.« Unterstützt wird das durch große Fortschritte in der Werkstoffforschung bei den Herstellern. »Allerdings müssen wir das technisch umsetzen, manche Eigenschaften erschweren die Herstellung. Ein Beispiel ist die Ausgasung und das Gas müssen wir aus dem Werkstück herausbringen«, erklärt Robert Heller.

Schwierig wird das bei den hohen Stückzahlen in der Automobilindustrie, die gleichzeitig die stärkste Kundengruppe für Weiss darstellt. »Der Anteil beträgt mehr als 50 Prozent«, sagt der Geschäftsführer. »Allerdings sind wir meist Tier 2 und haben eine Stufe als Puffer dazwischen.« Die andere Hälfte besteht aus Medizintechnik, Elektrotechnik und Maschinenbau. »Der Consumerbereich ist leider zurückgegangen.«

Im Automobilbau ist auch ein Beispiel für ein technisch hochstehendes Bauteil angesiedelt. Es handelt sich um eine Schiene im Steuertrieb eines Motors, in die eine spezielle TPE-Formmasse eingespritzt ist, um Vibrationen zu dämpfen. »Man sieht dem Bauteil die Komplexität nicht an«, sagt Stefan Martini als Projektleiter. »Es war aber schwierig, ein geeignetes Material zu finden, denn TPE ist empfindlich gegenüber Öl und hohen Temperaturen. Auch Formenbau und Verarbeitung waren äußerst anspruchsvoll. Aber mit unserem Know-how konnten wir das Problem gut meistern.«

Im Laufe der nächsten Jahre werden noch viele Hightech-Projekte auf Weiss zukommen. »Wir sehen die Zukunft positiv, weil der Markt wächst und wir ein breites Spektrum abdecken können«, sagt Weiß. Beide Standorte sollen wachsen und vielleicht kommt noch ein weiteres Werk hinzu. Er könnte sich auch ein eigenes Produktportfolio vorstellen. »Dann könnten wir in ruhigeren Zeiten unsere Maschinen auslasten und wären nicht nur abhängig von Kundenprojekten.« Wichtig ist auch eine gewisse Flexibilität der Mitarbeiter, die die Familie Weiß stets vorlebt.

Erschienen in Ausgabe: 03/2014