Die neuen Kleider der Entscheider

Industrie 4.0 - Die Verbreitung der neuen Produktionsmodelle klingt wie ein altbekanntes Märchen, ist aber derzeit in allen Zweigen des Maschinenbaus höchst real.

16. Juli 2014

Vor gar nicht vielen Jahren gab es einen Wirtschaftsstandort, der ungeheuer viel auf neuartige Technik gab. So viel, dass ohne Unterlass gewaltige Ressourcen dafür aufgewendet wurden, allzeit an der Spitze der Innovation zu stehen. Scharen von Experten und Beratern gingen in Entscheidungsgremien ein und aus. Eines Tages nun kamen ein paar Technik-Enthusiasten daher, die sich Visionäre nannten und behaupteten, dass sie das flexibelste Produktionsmodell, das man sich denken könne, zu ersinnen verstanden. Maschinen und Anlagen seien in diesem außerordentlichen Konzept nicht nur ungewöhnlich intelligent, sondern ihre Vernetzung untereinander derart innovativ, dass dies jedermann den Atem rauben würde.

Nur solche Menschen vermochten dies nicht zu erkennen, die für ihr Amt nicht taugten oder unverzeihlich dumm seien. Enthusiastisch gab man den Visionären viel Vertrauensvorschuss und einen dicken Batzen Geld in die Hand, auf dass sie ihre Arbeit begönnen. Tatsächlich stellten die bestallten Innovatoren bald Computer, Flipcharts und Beamer auf und gaben sich fürderhin höchst beschäftigt. Auch nach geraumer Zeit jedoch hatten sie nichts wirklich Handfestes auf dem Tisch - allerdings den verheißungsvollen Arbeitstitel »Industrie 4.0«. Ungerührt verlangten sie weiter üppigste Mittel.

»Nun möchten wir doch gern wissen, wie weit sie mit dem Zeug sind!«, dachten sich die materiell und ideell engagierten Entscheider in Forschung und Wirtschaft noch ein wenig später. Doch war ihnen beklommen zumute, wenn sie daran dachten, dass ja keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, das Wunder erkennen könne. »Wir wollen lieber unsere verdienten, getreuen Entwicklungsleiter senden«, dachten sie: »Die haben Sachverstand und können am besten beurteilen, wie sich das Projekt ausnimmt!« Die braven Spezialisten taten, wie Ihnen geheißen. Doch trauten sie dann ihren Augen nicht: »Potztausend! «, dachten sie gleich. »Hier gibt es doch im Grunde gar nichts staunenswert Neues zu erblicken!« Die Visionäre aber führten aus, das Wunderding »Industrie 4.0« sei eine wahrhaft extraordinäre Technik: Sie sprachen von Smart Factories, sozio-technischer Interaktion neuer Intensität, cyber-physischen, selbst lernenden Systemen und anderen Zauberdingen. »Gütiger Himmel«, dachten sich da die armen Entwickler: »Sollten wir so dumm sein? Wir könnten einfach keinen echten Mehrwert sehen!«

»Nun, was halten Sie davon?«, fragten endlich die Visionäre: »Es ist die nächste Stufe der industriellen Entwicklung«, schwadronierten sie und ließen noch viele weitere wolkige Ausschmückungen folgen. Die alten Entwicklungsleiter aber hörten genau zu - damit sie alles wortgetreu wiedergeben könnten, wenn sie von ihren Herren zum Rapport gebeten würden. Und so geschah es auch. Bald sprachen alle Menschen im Lande von »Produktionsintelligenz-Vier-Null«.

Und die obersten Entscheider wollten sich schließlich selbst ein Bild vom Erfolg ihrer Förderbemühungen machen. Sie begaben sich also mit einer Schar auserwählter Honoratioren zu einem Modellprojekt, in dem die vierte Stufe der industriellen Entwicklung, die Verschmelzung von Produktionstechnologie und Internettechnologie, die direkte Kommunikation von Maschinen, Produktionsmitteln und halbfertigen Produkten vorgeführt wurde. »Sonderbar!«, dachten dann jedoch auch sie im Stillen: »Wir sehen hier ja nur alten Wein in neuen Schläuchen! Kaum etwas, das uns nicht schon seit langem in Form von CIM, CAD, CAM, Supply-Chain-Optimierung und dergleichen gut vertraut ist. Wie kann das sein? Taugen wir nicht mehr dazu, den Wirtschaftsstandort zu führen?« - Laut aber sagten sie stattdessen: »Oh, das ist superinnovativ. Wir werden alle von vielen Synergien profitieren!«

Auch das Gefolge der großen Fürsten schaute und schaute natürlich, vermochte aber ebenfalls nicht mehr zu erkennen als alle anderen zuvor. »Wenn es die Großen sehen, muss es doch aber da sein«, dachten sie. So fassten sie den Entschluss, es diesen gleich zu tun und auch die eigene Technik mit ganz großer Geste beim gewaltigen Jahrmarkt zu Hannover auszustellen, wo einmal im Jahr wundersame Errungenschaften aus aller Herren Länder zu bestaunen waren. Und so geschah es. »Es ist die Zukunft! Es ist auch bei uns die vierte industrielle Revolution!«, ging es von Mund zu Mund. Es war märchenhaft. Und wie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern endete, ist bekannt - wo also bleiben sie bloß, die nüchternen Ingenieure, die die Dinge beim Namen nennen und darauf hinweisen, dass der Kaiser nackt ist? Unter dem luftigen Kleid neuer Fashion-Begriff e steckt bloß die altbekannte - allerdings auch bewährte - Technik.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung zu diesem Thema. Diesmal können Sie sogar direkt im Internet abstimmen:

Erschienen in Ausgabe: 05/2014