Die Spielräume nutzen

Technologietransfer – Wie er spielend gelingen kann

30. September 2019
Die Spielräume nutzen
(© gii)

Das viele Jahre kritisch beäugte »Daddeln« elektronischer Spiele hat sich mittlerweile als Freizeitgestaltung breitenwirksam etabliert. Die Gaming-Branche ist heute ein globaler Wachstumsmarkt, der allein mit einzelnen Spitzentiteln einen Umsatz im neunstelligen Dollarbereich einspielt. Obgleich sich die gesamte Szene alljährlich zur weltgrößten Messe für Video- und Computerspiele in Köln einfindet, nimmt Deutschland als Entwicklungsland nur eine kleine Nebenrolle ein. Dies hat unsere Regierung nach dem Vorbild Großbritanniens, Frankreichs oder Kanadas dazu bewogen, in diesem Jahr einen Haushaltsposten zur Förderung der inländischen Entwicklerszene einzurichten. Bescheidene 50 Millionen Euro wurden erst-, aber womöglich auch nur einmalig, eingestellt, um ihr Nischendasein mit einem deutschlandweiten Marktanteil von lediglich fünf Prozent abzumildern. Auch wenn sich mit solchen Summen sicher keine Blockbuster finanzieren lassen, bleibt aus industriepolitischer Sicht zu hoffen, dass die Fördergelder nicht vollends wirkungslos verpuffen. Schließlich treibt die technische Umsetzung neuer Spielkonzepte mit komplexer Steuerungs- und Auswerteelektronik, dynamischer Echtzeit-Visualisierung, Datenbrillen und KI-unterstützten Interaktionsformen hard- wie softwareseitig Innovationen voran, die auch anderweitig zukunftsweisend sein können. Es kann daher nicht schaden, seinem zockenden Nachwuchs mal aufmerksam über die Schulter zu gucken, um den Blick für neue Technologieentwicklungen zu schärfen.

Dass virtuelle Realitäten abseits unterhaltsamer Fantasiewelten ganz praktischen Nutzen haben, demonstrieren nicht nur die Flug-, Schiffs- und Bahnsimulatoren in der Berufsausbildung. Auch ursprünglich zum privaten Entertainment entwickeltes Equipment wird immer öfter im Arbeitsumfeld eingesetzt. Ein Musterbeispiel ist die von Microsoft für seine Spielkonsole entwickelte Kinect. Das 2010 zur Gesten- und Bewegungssteuerung im Raum eingeführte Kamera- und Sensorsystem hat sich zwar im privaten Spielbetrieb auf lange Sicht nicht durchsetzen können, ist dafür aber derart oft für andere Anwendungen »zweckentfremdet« worden, dass es der Hersteller jetzt in einer Version für IoT-Entwicklungen zur Objekterkennung, Automatisierung und automatischen Navigation anbietet. Als ein Vorreiter im Technologietransfer gilt der Medizinbereich, wo angehende Ärzte mittels digitaler Bildverarbeitung und 3D-Visualisierung plastischen Einblick in ihr künftiges Wirkungsfeld erhalten oder Simulationsprogramme mit Force-Feedback-Steuerung zur Übung von Operationen am virtuellen Patienten dienen. Auch reale chirurgische Eingriffe lassen sich heute bildschirmüberwacht via Fernbedienung und OP-Robotik durchführen.

Während der immersive Effekt von VR-Brillen manchem Privatnutzer schnell auf den Magen schlägt, kann die mobile räumliche Visualisierung das Engineering von Maschinen und Anlagen unterstützen oder einen intuitiven Beitrag zur betrieblichen Ausbildung leisten. Noch prägnanter ist vielleicht der Einfluss der gesteigerten (»augmented«) Realität, deren spielerische Anfänge einer per Smartphone-App um virtuelle Taschenmonster angereicherten Alltagsumgebung entsprangen. AR-Technologie wird heute genutzt, um dem Servicepersonal für Reparatur- und Inspektionsaufgaben die relevanten Maschinendaten, Installationshinweise, Prüffunktionen oder Checklisten via Datenbrille einzublenden. Mit AR-Brillen ausgestattete Lageristen behalten die aktuellen Statusinformationen zu Lagerort und Warenbestand stets im Blick, haben beide Hände frei und vermeiden zeitraubende Fehlgriffe beim Picking. Reale Kamerabilder können mittels Augmented Reality um ein digitales Interface angereichert werden, um die Kommissionierung von Material, Werkstücken und Produkten per Drag & Drop am Bildschirm auszuführen.

Dass sich mit schlanken Lösungen aus der App- und Spielentwicklung zeit- und kostenträchtige Spezialanwendungen einsparen lassen, zeigte mir erst kürzlich die Pilotanlage eines Sondermaschinenbauers. In einem weltweit einzigartigen Verfahren aus intelligenter Bildverarbeitung, Laser und Hochleistungs-Druckern führt die Anlage ein Facelifting zur Oberflächenveredelung von Natursteinen durch. Für die Programmierung der komplexen Bilderkennungssoftware hat der Maschinenbauer höchst erfolgreich auf branchenfremde Expertise gesetzt. Spieleprogrammierer, die es gewohnt sind, ihre Tools und Programmierbausteine flexibel und experimentierfreudig für neue Aufgaben einzusetzen, entwickelten ihm in wenigen Monaten eine ganz neuartige selbstlernende Software für die optische Oberflächenanalyse.

Ihr Rüdiger Eikmeier

P. S.: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 07/2019
Seite: 66