Die Team-Worker

Porträt - Ein strukturschwacher Standort muss kein Nachteil sein: Fachliche Expertise, Hartnäckigkeit und eine Prise Heimatliebe machten ein norddeutsches Familienunternehmen in sieben Jahren zu einem anerkannten Hersteller von Antriebstechnik.

10. September 2007

Erfolgsgeschichten beginnen oft mühsam und voller Fehlschläge, und am Ende hat der Erfolg meist mehrere Väter. Einen erneuten Beleg für diese alte Erkenntnis liefert der Aufstieg des Bremerhavener Elektromotorenherstellers Rotek aus kleinsten Anfängen zu einem anerkannten Spezialisten für individuell gefertigte hochwertige Synchron-Kleinmotoren, Schrittmotoren und Getriebemotoren für spezifische Einsatzgebiete: Seit seiner Gründung im Jahr 2000 wächst das Unternehmen jährlich mit deutlich zweistelligen Raten und produziert mittlerweile viermal so viele Motoren wie zu Beginn. Zugleich stieg die Mitarbeiterzahl auf das Dreifache. Heute liefert das Unternehmen seine energieeffizienten Motoren in viele Länder Europas und sogar nach China.

Start mit Hindernissen

Am Anfang jedoch standen jahrelange vergebliche Versuche, sich an einem örtlichen Motorenhersteller zu beteiligen, erinnert sich Wilfried Treusch, der das Unternehmen gemeinsam mit seinen beiden Söhnen leitet. Der 70-jährige Elektrotechnikingenieur und frühere Professor für Automatisierungstechnik an der Hochschule Bremerhaven hatte in den 70er-Jahren bei einem Motorenhersteller in Süddeutschland gearbeitet und wurde etwa 20 Jahre später von einem seiner ehemaligen Kollegen angesprochen, ob er nicht in sein Unternehmen einsteigen wollte, das er inzwischen in Bremerhaven gegründet hatte. Das Angebot schien verlockend, erzählt Treuschs Sohn Rolf, der damals gerade sein Wirtschaftsstudium beendet hatte: »In der Hoffnung, dass wir die Firma bald übernehmen können, habe ich direkt nach dem Studium begonnen, dort zu arbeiten.«

Als dritter im Bunde sollte zudem sein Bruder Klaus einsteigen, der als studierter Elektrotechniker sein technisches Fachwissen einbringen konnte. »Das hätte gut gepasst«, ist Treusch überzeugt. Doch als man sich auch nach fünf langen Jahren nicht mit dem Eigentümer einig werden konnte, gaben die drei ihr Projekt zunächst auf.

Einen Nutzen hatte die Treuschs immerhin von den jahrelangen vergeblichen Versuchen, das Unternehmen zu übernehmen und sich selbstständig zu machen: Alle wussten inzwischen, was den Wert eines Unternehmens ausmacht, und kannten die möglichen Fallstricke eines solchen Projekts. Kurz entschlossen wandten die Jungunternehmer in spe sich deshalb im Jahr 1999 an den Inhaber eines anderen lokalen Motorenherstellers, der sein Unternehmen aus gesundheitlichen Gründen aufgeben wollte, Paul Hasselbach. Dieser hatte 1984 begonnen, in einer leer stehenden kleinen Halle selbst entwickelte Motoren zu bauen, und war 1998 mit sieben Fertigungs-Mitarbeitern umgezogen in einen ehemaligen Pferdestall aus dem Jahre 1927 auf dem Gelände eines früheren Militärflughafens im Norden von Bremerhaven. Zwei Jahre später besichtigten die Treuschs also dieses Firmengebäude sowie die Geschäftsunterlagen - und schon innerhalb einer Stunde besiegelte ein Handschlag den Firmenübergang.

Starke Grundlage

Paul Hasselbach sei einer der Väter des heutigen Erfolgs von Rotek, sagt Rolf Treusch, der heute in der Führungs-Troika des Unternehmens für das Kaufmännische zuständig ist: »Er hat die technischen Grundlagen gelegt, die Maschinen zusammengestellt und laufend überholt.«

Als größere Herausforderung erwies sich die Finanzierung der Firmenübernahme: Zunächst fand sich keine Bank, die den Kauf des kleinen Unternehmens mit längst abgeschriebenen Maschinen finanzieren wollte. Am Ende aber überzeugte das hartnäckige Trio einen Banker davon, dass die wirtschaftliche Lage des Unternehmens vor allem durch die gesundheitliche Situation des Geschäftsführers bedingt war und im kaufmännischen Bereich sowie in der Fertigung noch viel Rationalisierungspotenzial lag. Zudem hatten auch die Maschinen, das Lager und die Kundendatei ihren Wert.

Noch heute ist der Maschinenpark nahezu unverändert, und ehemalige Mitarbeiter des vorigen Unternehmens fertigen Motoren in bewährter Weise: Weitgehend von Hand und höchst individuell sowie unter strikter Qualitätskontrolle - allerdings musste der ehemalige Pferdestall mittlerweile zum dritten Male erweitert werden, und heute produzieren 28 Rotek-Mitarbeiter dort täglich knapp 200 Motoren. Bis es soweit kommen konnte, mussten die neuen Firmeninhaber jedoch zunächst die Fertigungsabläufe neu organisieren, die kaufmännische Abwicklung der Geschäfte modernisieren, die Kommunikation auf eine neue Basis stellen und zahlreiche Produktdetails neu entwickeln. Das Ergebnis ist ein Baukastensystem von Synchronmotoren, das mehr als 60.000 Standardvarianten ermöglicht.

Optimal ausgelegt ist die Produktion auf kleine Serien bis zu mehreren hundert Stück pro Fertigungslos. Eine Spezialität des Unternehmens sind individuelle Sonderausführungen auch in kleinen Mengen, erzählt Klaus Treusch, der den Bereich Technik verantwortet: »Wenn zum Beispiel jemand einen Antrieb für 127 Volt bei 60 Hertz braucht oder einen Drehstrommotor für 24 Volt, dann machen wir eben die passende Wicklung: Bei uns weiß der Kunde, dass wir ihn nicht hängen lassen.«

Extraschnelle Sonderfälle

Besonders stolz ist Treusch auf die kurze Lieferzeit, mit der das Unternehmen auch solche Sonderwünsche erfüllt: »Wenn es eilt, können auch solche Exoten noch am Tag der Bestellung das Haus verlassen. Bei anderen Herstellern dauert es erstmal 14 Tage, bis überhaupt eine Nummer angelegt ist.«

Die Motoren zeichnen sich besonders durch konstante Drehzahl, kurze Start- und Stoppzeiten sowie ein Selbsthaltemoment im stromlosen Zustand aus. Zum Einsatz kommen die langlebigen Antriebe beispielsweise als Antrieb für die Förderschnecken in Holzpelletheizungen. In diesem Bereich beliefert Rotek ungefähr zehn Kunden, die ein gutes Drittel zum Umsatz beitragen. Ein weiteres Drittel des Umsatzes macht das Unternehmen mit Herstellern von Stellantrieben für Ventile und Klappen, den Rest mit zahlreichen Kunden in ganz Europa, etwa mit Herstellern von industriellen Teilereinigungsanlagen, Dosiergeräten oder Supermarktschranken.

Die neueste Entwicklung ist ein außergewöhnlich laufruhiger Synchronmotor mit einer besonders effizienten Energieausnutzung. Die Ursachen für den hohen Wirkungsgrad seien vor allem das verbesserte Magnetmaterial aus kunststoffgebunden Neodym-Magneten sowie eine zum Patent angemeldete Statorgeometrie, erklärt der Technische Leiter und ergänzt augenzwinkernd: »Die restlichen Details sollte sich aber jeder selbst erarbeiten.«

Die wichtigste Basis für ein erfolgreiches Unternehmen ist jedoch die Produktqualität - und hier gibt sich Klaus Treusch kompromisslos: »Wir sind stolz drauf, wenn unsere Kunden sagen können, den Rotek-Motor kann man einbauen und vergessen, der geht nicht kaputt.«

Fokus auf Verlässlichkeit

Entscheidend sei deshalb, dass die Kunden einen Antrieb bekommen, der sie nicht im Stich lässt, sondern schlicht und einfach funktioniert, ergänzt sein Bruder Rolf, und bringt die Aussage auf den Punkt: »Wir verkaufen Sicherheit.«

Wenn es nötig ist, verbaut der Hersteller deshalb zum Beispiel bei besonderen Anforderungen deutlich überdimensionierte Kondensatoren, um sicherzustellen, dass die Motoren auf Dauer funktionieren. Zudem produziert Rotek die Motoren mit größter Fertigungstiefe selbst, bis hinab zur eigenen Magnetisierung der einzelnen Ferrite, der Verzahnung von Motorwellen und der Bearbeitung der Druckgussteile. Die Montage erfolgt überwiegend in Handarbeit. Zum Einsatz kommen dabei ausschließlich beste Komponenten von langjährigen Lieferanten, etwa INA-Kugellager mit einer hochwertigen Spezialschmierung.

Zudem wird jeder Motor einzeln geprüft auf seine elektrischen und mechanischen Eigenschaften oder auf ungewöhnliche Geräuschentwicklungen. Dazu kontrolliert jeder Mitarbeiter den vorherigen Fertigungsschritt. Wichtig ist deshalb, dass jeder Fertigungsmitarbeiter möglichst mehrere aufeinander folgende Tätigkeiten ausführen kann. Zum Schluss überprüft schließlich ein weiterer Mitarbeiter alle Funktionen und Eigenschaften des fertigen Motors, erzählt Klaus Treusch, der weiß: »Da sitzen unsere besten Leute; die müssen nur den Motor hören und wissen sofort, was damit los ist.«

Für eine aufwendige Zertifizierung nach ISO 9001 sieht der Technische Geschäftsführer jedoch keinen Anlass und sagt selbstbewusst: »Wir machen einfach Qualität, ohne unnötige Bürokratie zu produzieren.« Und der Erfolg gibt ihm recht: Bis heute spielte die ISO-Zertifizierung für keinen seiner Kunden eine Rolle - und das, obwohl darunter auch einige besonders anspruchsvolle Automobilzulieferer sind.

Vertrauen und Partnerschaft

Mindestens ebenso entscheidend wie die Qualität der Produkte und die Flexibilität der Fertigung ist den Treuschs jedoch vor allem ein partnerschaftliches, persönliches Verhältnis zu Kunden und Lieferanten, ergänzt Rolf Treusch und bekräftigt: »Das ist für uns keine vorgeschobene Worthülse; wir bauen hier Motoren nämlich nicht nur aus Profitstreben, sondern auch, weil es uns Spaß macht.«

Ein Grund für diese Freude am eigenen Werk sei dabei auch der Standort des Unternehmens, sagt der kaufmännische Geschäftsführer - auch wenn Bremerhaven vielleicht ein wenig ungewöhnlich sei für einen Betrieb dieser Branche: »Aber das ist hier eben unsere Heimat, und wir sind schon auch ein wenig stolz darauf, was wir hier erreicht haben: Wir sind jetzt aus der Regionalliga aufgestiegen.«

Diese Begeisterung spüren auch die Kunden, bestätigt Wilfried Treusch, und ergänzt: »Entscheidend ist am Ende aber das Teamwork.« Für die kommenden Jahre sind die Treuschs deshalb optimistisch und erwarten ein dauerhaftes Wachstum des jungen Unternehmens - aber Klaus Treusch bleibt dennoch bescheiden und hofft: »Wir wollen aber nicht mehr alle zwei Jahre das Gebäude erweitern müssen.«

Björn Thomsen

Fakten

- Die Rotek GmbH & Co. KG in Bremerhaven ist einer der wachstumsstärksten Hersteller von Kleinmotoren in Europa mit jährlichen Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent.

- Die Motoren mit einem sehr hohem Wirkungsgrad und hohem Selbsthaltemoment bieten konstante Drehzahlen sowie extrem kurze Start-/Stoppzeiten.

- Weitgehend manuelle Fertigung und große Fertigungstiefe ermöglichen den Bau höchst individueller Lösungen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2007