Normelemente

Die unsichtbare Kraft

Ganter bietet mehr Design, Funktionalität und Spielraum durch innen liegend verbaute 180-Grad-Mehrgelenkscharniere. Für ein Normteil hat es die Technik in sich.

02. Oktober 2018
Die unsichtbare Kraft
Mit dem technisch anspruchsvollen Mehrgelenkscharnier bietet Ganter eine elegante Lösung zum Öffnen von Türen, Luken und Klappen. (Bild: © Ganter)

Bereits in der vierten Generation dreht sich in einem engen Schwarzwaldtal alles um Normelemente. Vor über hundert Jahren hat dort Otto Ganter in Furtwangen sogar eine eigene Norm entwickelt. Die berühmte Ganter-Norm (GN) klassifiziert alle Produkte des Unternehmens in meist einem Normblatt mit allen notwendigen Informationen. Abgeleitet aus dem Standardscharnier GN 237 hat Ganter jetzt ein innen liegendes Mehrgelenkscharnier entwickelt, das dank seiner sieben Gelenke die GN-Nummer 7237 bekommen hat.

»Die Anfänge liegen in der Produktentwicklung, in der ich tätig bin«, sagt Ganter Mitarbeiter Johannes Riesle. »Dort sammeln wir alle Informationen aus dem Markt, bereiten sie auf, systematisieren sie und ordnen ein. Informationen und Anforderungen kommen dabei zum Beispiel aus dem Vertriebsinnendienst oder auch vom Außendienst. Danach bewerten wir, welches Potenzial ein mögliches neues Produkt hat. Das neue Mehrgelenkscharnier begleiten wir vom Start bis zum ›go-live‹ bereits seit zwei Jahren in allen Schritten des Projekts und haben viel Detailwissen aufgebaut.«

Ganter denkt dabei nicht nur einen Schritt, sondern versucht, auch den zweiten oder dritten direkt mit abzudecken. Bei dem Scharnier sind das zum Beispiel Verstellmöglichkeiten in allen drei Achsen. Der Normteilhersteller möchte generell rund 80 bis 90 Prozent möglicher Anwendungen mit der Norm an sich abdecken.

»Mit dem Scharnier können wir uns vom Markt abheben.«

— Johannes Riesle, Vorentwicklung, Ganter

Hohe Wertigkeit

Von dem Ergebnis ist Johannes Riesle angetan: »Das innen liegende Edelstahl Mehrgelenkscharnier läuft sanft, leicht und wertig. Die Bewegung der Gelenkmechanik ist dank der hochwertigen Vernietung spielfrei und es klappert nichts.« Die Wertigkeit bezieht sich auch auf die Herstellung. Auch hier steckt viel Know-how drin. Alle Bauteile sind lasergeschnitten. »Dadurch können wir Sonderwünsche schnell und in kleinen Stückzahlen umsetzen. Wir können den Flansch verändern. Wir können den Werkstoff variieren, wir können die Kinematik anpassen.«

Aufgebaut sind die Edelstahl-Mehrgelenkscharniere aus zwei Befestigungswinkeln, die am Gehäuse beziehungsweise der Tür montiert werden, und einer dazwischenliegenden spiel- und wartungsfrei gelagerten Siebenfach Gelenkmechanik. Beim Öffnen wird zum Beispiel eine Klappe zunächst leicht angehoben und dann um 180 Grad ausgeschwenkt, weitere Anwendungen sind Luken oder Türen. Die Konstrukteure bei Ganter haben sich auf die drei Größen 40, 50 und 60 beschränkt, die sich auf die Flanschlänge beziehen. »So ist eine Verknüpfung zu unseren bestehenden Scharnieren vorhanden«, sagt Riesle.

Aber wer setzt das Scharnier ein? Ein Grund ist die Angst vor Vandalismus, der nächste Anwender möchte Maschinentüren abspritzen und dabei soll keine Flüssigkeit hängen bleiben. Reinigung ist hier die zentrale Motivation. Ein dritter stört sich an der Sichtbarkeit der gängigen Scharniere, Design spielt grundsätzlich eine große Rolle. Weitere Einsatzgebiete sind der Fahrzeugbereich, öffentliche Einrichtungen, Ladenausstattungen, der Medizinbereich oder der Schiffs- und Yachtbau.

»Egal, welchen Anlass der Kunde hat, wir hören genau auf das Feedback aus dem Markt und reagieren schnell, wenn neue Varianten gefordert werden«, sagt Riesle. »Das eigentliche Scharnierprinzip ist neu am Markt, es gibt nur wenige Wettbewerber. Darum können wir uns abheben und werden für neue Kunden interessant.« Verschiedene Konstruktionsvarianten sind denkbar: innen liegend, aufliegend oder auf Gehrung. Aufgrund der Geometrie ist die Form für links und rechts unterschiedlich, daraus abgeleitet kann bei vertauschtem Einbau bezüglich der Befestigungswinkel eine andere Türblattstärke erreicht werden. Auf Wunsch sind Sondervarianten wie etwa mit Aufnahmen für Gasfedern realisierbar. Außerdem ist es möglich, das Scharnier um weitere Gelenke zu verlängern, wodurch sich zum Beispiel ein Scheinwerfer in einer definierten Kinematik ausfahren lässt.

Auch das Thema Sicherheit ist relevant. Riesle nennt ein fiktives Beispiel: »Ein Elektriker am Schaltschrank bekommt ein normales Scharnier in der Regel nur 90 Grad auf. Er entfernt sich und in dem Moment laufen wegen eines Notfalls Menschen durch den Gang. Hier sind Probleme vorprogrammiert. Hätte die Tür 180 Grad offen gestanden, wäre das nicht passiert. Wichtig sei zudem die bessere Zugänglichkeit für Wartungs- und Reparaturarbeiten.

Höhere Flexibilität

Zusätzlich müssen die Scharniere stabil sein und Verstellmöglichkeiten zur Einstellung der Kompression von Dichtprofilen bieten können. Marktübliche Scharniere besitzen ein oder zwei Freiheitsgrade. »Unsere haben drei«, freut sich Johannes Riesle: »Dies läuft über spezielle, eigenentwickelte Stanzblättchen, die sich für beide Winkel eignen, sowie über die Langlöcher, die in horizontaler und vertikaler Lage vorhanden sind.« Zur universellen Befestigung der Scharniere stehen weitere Gewindeplatten zur Verfügung, teilweise ist dadurch keine Bohrung im Blech erforderlich. Damit einher geht der Lochabstand der Scharniere, sie sind deckungsgleich zu anderen Ganter-Scharnieren und leicht auszutauschen, damit der Kunde jederzeit auf ein höherwertiges Modell umsteigen oder die Scharniere mit den verschiedenen Plättchen nachrüsten kann.

Entgegen handelsüblicher Ware gibt Ganter Belastbarkeiten und Zykluszahlen an, die sicher sagen, dass die auf dem Normblatt angegebenen Kräfte dauerhaft aufgenommen werden können.

von Michael Kleine

Fakten: Der neue Katalog 17.0

Das Mehrgelenkscharnier ist selbstverständlich auch im neuen Ganter-Katalog 17.0 enthalten. Trotz Digitalisierung und 2D- und 3D-Daten für alle Bauteile sieht der Normteilespezialist die papierbasierte Version als wichtigen Ideengeber und umfangreiches Konstruktionshandbuch. Ganter erweitert sein Portfolio regelmäßig durch kundenorientierte Adaptionen oder Neuentwicklungen. So ist der Umfang noch einmal um 70 neue Normen auf 224 zusätzlichen Seiten angewachsen. Auf 1.920 Seiten finden sich mehr als 60.000 Normelemente, neben Klassikern auch viele Elemente für ganz spezifische Anwendungen.

Für den schnellen Überblick sorgt eine ausgeklügelte Systematik mit den drei Hauptgruppen Bedien-, Spann- und Maschinenelemente. Anschließend wird das Angebot in Produktuntergruppen differenziert. Grundlage sind die Ganter-Normblätter mit Varianten, Spezifikationen, Maßen, Zubehör, verwandten Elementen und Anwendungshinweisen. Mit dabei ist ein eindeutiger Bestellcode, die Bestellung trifft meist nach einem Tag ein.

Nähere Informationen auf der Webseite www.ganter-griff.de.

Erschienen in Ausgabe: 07/2018

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