Die Welt der Walzen

Porträt

Walzen – Im Schweizer Westen sind die Walzen und Rollen zu Hause. Das Duo Typ und TGW ist gut im Geschäft, zudem feiern beide Unternehmen in diesem Jahr jeweils ein Jubiläum.

28. Juni 2012

Jubiläen sind etwas Feines. In der Schweiz ist dieser schöne Anlass derzeit gleich doppelt zu feiern – und zwar bei der Typ AG in Solothurn und der TGW GmbH in Emmendingen, zwei Unternehmen unter einer Führung. Das ältere von beiden und somit das Stammhaus besteht seit 1947, also 65 Jahre. Damals schlossen sich Ernst-L. Füeg, Dr. Karl Obrecht und Hans Kyburz in Solothurn zur Typ AG zusammen, um gemeinsam mit Bestandteilen von Büromaschinen wie Typen oder Tasten zu handeln und Schreibmaschinenwalzen und Transportrollen für den Ersatzbedarf und die Erstausrüstung herzustellen. Daher stammt der Name des Unternehmens.

Die Typ AG wuchs schnell, das Sortiment auch, Kerngeschäft waren bald Walzen und Rollen aller Art. Anfang 1955 eröffnete das junge Unternehmen eine eigene Filiale in Zürich. Sehr früh ging es 1958 nach Brasilien. Die Typ do Brazil in Sao Paulo wurde aber bald wieder geschlossen, weil die Übernahme mehrerer kleinerer Unternehmen ein größeres Engagement in Europa erforderte. 1972 erwarb die Typ AG eine eigene Liegenschaft in Zürich und sechs Jahre später das neue Gelände am Ritterquai in Solothurn. Dort wurde es mit der Zeit zu eng, und die Verantwortlichen der Typ AG ergriffen darum 2005 die Gelegenheit, in Bellach bei Solothurn Fläche für einen neuen Standort zu kaufen, wo das Unternehmen mittlerweile auf 2.900 Quadratmetern produziert.

Drittes Standbein

Ein spannender Meilenstein für die Typ AG war der Erwerb der TGW, Technische Gummi-Walzen GmbH in Emmendingen bei Freiburg, am 21. Januar 1992. »Die Idee bei der Übernahme der TGW war ein drittes Produktionsstandbein im EU-Raum«, erzählt Kurt Füeg, der die Geschicke beider Unternehmen über 38 Jahre hinweg bestimmt hat und heute als Verwaltungsratspräsident fungiert. »Die TGW war bis dato einer unserer Mitbewerber. Darum haben wir die Gelegenheit genutzt und die Kleinwalzen- und Rollenproduktion von Hilzinger-Thum abgekauft.« In den letzten Jahren ist das Unternehmen stetig gewachsen, durch immer neue CNC-Maschinen und eine neue Produktions- und Lagerhalle. Da das Gründungsjahr der TGW 1987 war, sind wir beim zweiten Jubilar angekommen: Die TGW wird ein Vierteljahrhundert.

Das Doppelunternehmen Typ AG und TGW GmbH produziert an drei Standorten Walzen aus Gummi, Polyurethan, Silikon, Schaum oder CFK sowie Rollen aller Art. »Vom Prototypenbau bis zur Serie und mit der Möglichkeit des Recyclings bieten wir ein kundenspezifisches Rundumangebot mit 34.000 Zeichnungsartikeln und einem Lager von 2.600 verschiedenen Materialqualitäten und Sorten«, erklärt Kurt Füeg. »Die Typ AG betreibt in dem Sinne also kein Standardprogramm. Wir fertigen nach Zeichnungen und Mustern oder auch nach Maß, wir bauen Prototypen für unsere Kunden und helfen mit unserem Know-how bei der Lösung von Problemen.«

Spezialreinigungsmittel wie etwa Antistatik-Kunststoffreiniger und Walzenreiniger sowie Spezialwerkzeuge ergänzen das Sortiment. Nach wie vor führt das Unternehmen Typen, Tasten und erneuert Schreibmaschinenwalzen und Andruckrollen. Im Sinne der Umwelt ist es bei Typ und TGW zudem möglich, Walzen und Rollen neu beziehen zu lassen, die Schweizer betreiben also auch aktives Recycling.

Rund 90 Prozent des Gesamtumsatzes liegen bei der eigenen Produktion, der Handelsanteil ist mit rund 10 Prozent eher gering. Die montierten Fertigprodukte werden global vertrieben. Seit 1975 hat die Typ/TGW ihren Kundenkreis von 680 auf rund 3.800 Kunden weltweit erhöhen können.

Überall im Einsatz

»Von der Büro- und Computerbranche bis zum Apparate-, Maschinen- und Konstruktionsbau und vielen Anwendungen in der Industrie werden unsere Rollen eingesetzt«, sagt Füeg. »Eben überall dort, wo etwas transportiert, verschoben, aufgeklebt oder gezählt wird.«

Die Walzen und Rollen transportieren zum Beispiel Papier und Folien in Drucker-, Fotokopier- oder Etikettiergeräten. Sie sorgen dafür, dass Geldautomaten die richtige Anzahl Banknoten ausgeben, oder dass Klebeetiketten, die der Wiegeautomat im Kaufhaus ausspuckt, nicht haften bleiben. Diese Anwendung erleben viele Menschen jeden Tag, sagt der Seniorchef: »Wenn Sie im Einkaufszentrum Äpfel auf die Waage legen und das Etikett herauskommt, sind für den Druck und Transport dieser Etiketten spezielle Antihaftwalzen notwendig – und die kommen sehr oft von uns.«

Die Typ AG erledigt Aufträge meist innerhalb von 14 Tagen, Dazu stehen in den Werken moderne Bearbeitungszentren, mit dreh- und CNC-gesteuerten Schleifmaschinen. Kurt Füeg: »Wir müssen mikrometergenau arbeiten. Entsprechend exakt müssen unsere Prüf- und Messmethoden sein. Gummi gibt nach. Deshalb messen wir berührungslos, mit Lasern zum Beispiel, so können wir Abweichungen von Tausendstelmillimetern erfassen.«

Typ AG und TGW beschäftigen in Solothurn, Bellach, Zürich und Emmendingen derzeit zusammen 48 Menschen, davon 35 in der Produktion und 13 in der Verwaltung. »Nur dank unseres langjährigen, erfahrenen und motivierten Teams mit dem großen Know-how sowie dem modernen CNC-Schleifgeräten samt Qualitätskontrolle und einer modernen Infrastruktur können wir die Kundenwünsche mit einem hohen Qualitätsstandard erfüllen«, fasst Kurt Füeg mit Dankbarkeit zusammen.

Konstanz ist essenziell für die Typ AG. Mit Ernst-L. Füeg ist sogar noch einer der Gründer am Leben. Der 100-Jährige ist aber nur noch als Aktionär am Unternehmen beteiligt. Und Kurt Füeg hat sich vom operativen Geschäft zurückgezogen. Also muss die nächste Generation das Ruder übernehmen. »Seit Anfang 2012 ist das geregelt, ein Umstand, der mich ruhig schlafen lässt«, sagt Kurt Füeg. »Mein Sohn Martin und mein Schwiegersohn Pasquale D’Amico haben die Geschäftsleitung übernommen. Zudem ist mit Mischa Wermelinger ein junger und motivierter Finanzchef mit an Bord.«

Die neue Garde will das Familienschiff weitsichtig steuern, bestätigt Martin Füeg: »So wie es mein Vater getan hat. Wir müssen Trends frühzeitig erkennen und mit Bedacht handeln. Nur so können wir im harten Wettbewerb die Oberhand behalten.«

Mit Herz und Seele dabei

Ein wichtiger Baustein in der Philosophie der Typ AG das soziales Engagement . »Wir leisten mehr als vom Gesetz gefordert, denn glückliche Mitarbeiter sind motiviert, solidarisch, mit Herz und Seele dabei«, sagt Pasquale D’Amico. So hat die TYP AG beispielsweise den Lehrling eines geschlossenen Unternehmens übernommen. Sie beschäftigt Menschen mit Behinderungen zum normalen Gehalt und legt auf offizielle Kinderzulagen hundert Franken pro Kind drauf. »Wichtig ist, für die Sorgen der Mitarbeitenden immer ein offenes Ohr zu haben. Und das ist in diesen Krisenzeiten keine Selbstverständlichkeit«, sagt die Führungsmannschaft geschlossen.

Fernab von Börsenhektik und kurzfristiger Gewinnoptimierung wollen die Schweizer auch in Zukunft auf Qualität, langfristigen Erfolg und zufriedene Mitarbeiter setzen. »Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt«, sagt Kurt Füeg. »In Bellach gibt es Baulandreserven, dort werden wir in ungefähr zehn Jahren erweitern. Dann kann das Gebäude am Ritterquai in Solothurn neuen Wohnungen Platz machen.«

Auf einen Blick

-Typ AG und TGW GmbH liefern zusammen jede erdenkliche Art von Walzen und Rollen.

-Die Bauteile aus Gummi, Polyurethan, Silikon, Schaum oder CFK finden sich in vielen Branchen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2012