Dr. Oliver Jung, seit 1,5 Jahren CEO bei Festo und vorher bei Schaeffler, ist überzeugt, dass Digitalisierung, KI und Additive Manufacturing dem Unternehmen völlig neue Marktchancen eröffnet und auch der Pneumatik wieder mehr Druck verleiht: Mit dem Motion Terminal VTEM habe Festo beispielsweise den Weg in die digitalisierte Pneumatik bereits eröffnet – die Funktionen der Ventilinsel sind per App steuerbar, so dass unterschiedliche Aufgaben mit ein und derselben Hardware ausgeführt werden können. Das erleichtere das Produzieren von Losgröße 1 enorm.

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Und wie bei der Verkehrswende, wo nicht eine Technik alle anderen beherrscht, sondern ein vernünftiges Miteinander das Ziel ist, blickt man bei Festo auch über den eigenen Markt hinaus und geht neue Partnerschaften mit Unternehmen mit ähnlichen Interessen ein: Zukünftig wollen Festo und HP im Bereich des 3D-Drucks enger zusammenarbeiten.

Und das war ein weiterer Grund für die Lokalität: Denn HP, vor 80 Jahren in einer Hinterhofgarage gegründet, und dessen Basisgeschäft heute Drucker und Computer-Hardware sind, stieg vor fünf Jahren in den Bau von 3D-Druck-Maschinen ein – zunächst im Kunststoffbereich. Entwickelt wurden die ersten 3D-Drucker im Werk in Barcelona, das damals von 30 Mitarbeitern (1985) auf 600 Mitarbeiter angewachsen war und Printer herstellte.

Fünf Jahre später ist HP Barcelona mit 2.500 Mitarbeitern das größte Werk der Kalifornier außerhalb der USA und die größte Produktionsstätte für 3D-Drucker weltweit. HP setzt dabei sehr stark auf Festo-Komponenten, wie umgekehrt Festo im 3D-Druck-Bereich die Drucker von HP einsetzt – und beide lernen in diesem neuen, aber schnell wachsenden Markt voneinander.

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»Wir hatten mit den ersten Maschinen vor drei Jahren Probleme bezüglich der Teile-Genauigkeit und der Zuverlässigkeit«, war bei Festo zu hören, »aber unsere Ingenieure haben sich intensiv ausgetauscht, und nun nutzen wir die Drucker sogar für die Serienproduktion.« Die Schwaben setzen die MultiJet Fusion 3D-Drucktechnologie in der Fabrik Scharnhausen bei Stuttgart ein, um Serienbauteile herzustellen, die über konventionelle Fertigungsverfahren nicht möglich wären. »Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Festo, einem weltweit führenden Anbieter von Industrieautomation, um die Anforderungen des eigenen Unternehmens und seiner Kunden zu erfüllen«, sagte Fabio Annunziata, Head of Strategic Alliances, 3D Printing & Digital Manufacturing, HP Inc. »Festo nutzt die 3D-Drucklösungen von HP, um die Markteinführung zu beschleunigen, die Fertigung an unterschiedlichen Standorten zu erforschen und komplexe Lieferketten zu optimieren. Wir werden weiterhin an beiden Enden zusammenarbeiten, um die Transformation der Smart Factory voranzutreiben.« Und Jung ergänzt: »Lösungen von Festo, die sich über die gesamte Steuerungskette von der Mechanik bis zur Cloud vernetzen lassen, ermöglichen es HP, flexible und automatisierte 3D-Drucker zu entwickeln. Diese bieten eine überlegene Produktivität und Bauteilkonsistenz.«

Und nun steigt HP auch in den Metalldruck ein – eine deutlich anspruchsvollere Technik als Kunststoff-Druck. Auch hier nutzt der kalifornische Hersteller Know-How und Komponten von Festo. Der Metalldrucker soll Ende 2020 (wahrscheinlich zur Formnext) in den Verkauf kommen. Der Namensgebung der Printer (InkJet) und 3D-Kunststoff-Drucker (LaserJet) folgend, lautet der Name der Metalldrucker nun MetalJet.

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Interessant daran ist die Technik, die HP verwendet: anders als bei den Kunststoffdruckern wird hier nicht erwärmtes Material durch einen Druckkopf gepresst – dafür wäre eine sehr hohe Energiezufuhr notwendig. Stattdessen verarbeiten die Geräte ein extrem feines Metallpulver, das – angelehnt an die InkJet-Technologie – als dünne Schicht über den Druckbereich gesprüht wird. Beim sogenannten Binder-Jet-Druck wird dann der Teil, der verfestigt werden soll, mit einem Bindemittel besprüht . Schichtweise wird so das Modell aufgebaut. Der zusammengeklebte Metallstaub wird dann im Ofen gesintert. Dadurch schrumpft er um einen exakt zu bestimmenden Faktor, weil das Pulver zu einem massiven Metallteil zusammenschmilzt. Laut HP wird eine Druckgenauigkeit von 1.200 x 1.200 dpi erreicht. An Material stehen bereits eine Reihe von Legierungen zur Verfügung, die bis zur Markteinführung noch deutlich erweitert werden soll. Ein Nachteil des extrem feinen Metallstaubs ist allerdings, dass er – zumindest derzeit noch – nur mit Beatmungsmasken und Schutzanzügen von den Maschinenbedienern gehandelt werden kann, da er sonst leicht in die Lunge oder unter die Haut eindringen kann. Großer Vorteil des MetalJet ist dagegen seine hohe Produktivität, so HP. Denn den Teileaufbau übernimmt nicht ein einzelner Druckkopf, sondern das Metallpulver wird von vielen Düsen flächig aufgetragen – somit können parallel mehrere kleinere Objekte hergestellt werden. Das beschleunige die Herstellung deutlich und mache es sowohl kostenseitig wie auch vom Zeitaufwand her sinnvoll, Serien von Kleinteilen komplett im Metalldrucker herzustellen. Gegenüber anderen 3D-Drucksystemen mit Metall-Werkstoffen sei die Produktivität um den Faktor 50 gesteigert worden – so zumindest die Aussage bei der HP-Werksführung. Derzeit sind die Metalldrucker bei HP selbst im Einsatz, sowie bei einigen ausgewählten Pilotkunden, darunter GKN und Volkswagen. Ende 2020 sollen sie zu einem Preis von unter 400.000 Euro auf den Markt kommen. Auch Festo zeigt an dem Metalldrucker hohes Interesse.

Doch wie bei der Verkehrswende – nicht nur die Technik ändert sich, auch die Menschen müssen ihr Verhalten ändern und Neues lernen. Daher müssen die Fertigungsunternehmen nicht nur beim Thema Manufacturing oder Digitalisierung die Wende einleiten, sondern gleichzeitig auch beim Thema Weiterbildung, Mitarbeiter und Führung. Wirtschaftsforscher schätzen, dass sich 2030 bis zu einem Drittel aller Beschäftigten weltweit eine andere berufliche Aufgabe suchen muss, weil Digitalisierung und Industrie 4.0 ihre bisherigen Tätigkeiten obsolet machen. Daher ist es für Manager und Führungskräfte umso wichtiger, ihre Mitarbeiter auf dem Weg in die neue Arbeitswelt mitzunehmen und zu unterstützen. Die gute Nachricht: Die möglicherweise 400 Millionen wegfallenden Jobs werden mehr als kompensiert. Die Experten rechnen damit, dass die Digitalisierung bis zu 900 Millionen neue Stellen hervorbringen wird – allerdings mit völlig anderen Qualifikationen. Auch haben Millennials ganz andere Erwartungen an die Berufswelt im Vergleich zu früheren Generationen. Unternehmen können sich nur die besten Köpfe unter den High Potentials sichern, indem sie mit attraktiven Angeboten für Work-Life-Balance, Social Media and Collaboration, Wertschätzung, Lernen und Weiterentwicklung aufwarten.

Was Weltpolitik und Weltwirtschaft schon heute prägt, ist die Unberechenbarkeit. »Man spricht von der VUCA-World, einer Welt, die sich immer mehr als volatil, ungewiss, komplex (complex) und zweideutig (ambiguous) zeigt«, erklärte Xavier Segura, Geschäftsführer von Festo Spanien/Portugal. Wollen Unternehmen auch in zehn Jahren mit ihren Führungsstrukturen noch erfolgreich sein, müssen sie sich ein Leitbild Leadership 4.0 verpassen. Hauptziel ist, ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Dazu gehört, Vertrauen gegenüber den Mitarbeitern auszustrahlen sowie immer mehr Verantwortung auf die Mitarbeiter zu übertragen. Schlüsselkompetenzen bahnen den Weg für die Veränderung hin zu Leadership 4.0. Führungskräfte müssen sich dabei als Influencer begreifen und danach handeln. Als Influencer inspirieren sie ihre Mitarbeiter zu ständigem Weiterlernen und steter Weiterentwicklung. Sie ermutigen Organisationen, die Vorteile der engen Datenvernetzung zu nutzen. Damit fördert die Führungskraft die einfache, offene und ehrliche Kommunikation horizontal und hierarchielos über alle Ebenen des Unternehmens. »Was heißt die digitale Transformation für uns bei Festo?«, fragt Segura und fährt fort:»Wenn Festo in 10 Jahren noch erfolgreich sein will, was müssen wir dann heute ändern, lernen, neu schaffen oder aufhören?« Dafür startete Festo mehrere Initiativen – eine davon, die international übergreifende Arbeitsgruppe von Führungskräften aus unterschiedlichen Ländern, leitet Segura selbst unter dem Namen »Festo Leadership Programme«. Führungskräfte nicht mehr als Befehlsgeber, sondern als Influencer – bis dahin ist in der Realität in vielen Firmen der Weg wahrscheinlich noch so weit wie in den meisten deutschen Städten bis zur Verkehrswende. hjs