Digitalisierung ist kein Allheilmittel

Industrie 4.0 – Digitalisierung bietet Fertigungsunternehmen bisher ungekannte Möglichkeiten, um auf individuelle Marktanforderungen und die zunehmende Komplexität flexibel reagieren zu können. Doch nur in Verbindung mit organisatorischen Veränderungen hin zu agilen Strukturen können die Chancen von Industrie 4.0 auch wirklich genutzt werden. Von Hajo Stotz

10. April 2018

Auf der Hannover Messe wird Industrie 4.0 wieder der themenbeherrschende Schwerpunkt sein, und an Angeboten und Lösungen mangelt es sicher nicht, die den Fertigungsbetrieben dabei helfen, sich auf die Kundenanforderungen von heute und morgen einzustellen. Und die orientieren sich immer mehr an B2B: individuelle, hochwertige Produkte, die schnellstmöglich lieferbar sind, online rund um die Uhr konfiguriert und bestellt werden können, sofort eine Auskunft über Preis und verbindlichen Liefertermin erhältlich ist – und das Ganze natürlich noch gekrönt durch einen günstigen Preis.

Um das zu erreichen, müssen die Unternehmen auf Digitalisierung, auf Industrie 4.0 setzen. Nebenbei: Das alleine wird bei vielen Firmen nicht ausreichen, um sie flexibler, schneller und kundenorientierter zu machen. Denn mit der Digitalisierung müssen sich die Unternehmen auch von traditionellen, starren Unternehmensstrukturen verabschieden: Zentrale Entscheidungsmechanismen, Hierarchien und starre Grenzen einzelner Wertschöpfungsschritte müssen überwunden und durch agile Organisationsformen ersetzt werden. So warnte kürzlich z.B. Siemens-Chef Joe Kaeser vor den Strukturveränderungen, die die industrielle Digitalisierung für Unternehmen und Beschäftigte in den nächsten Jahren mit sich bringe: Wer nicht anpassungsfähig sei, werde hoffnungslos zurückfallen. Das unterstreicht auch Darko Sucic, Senior Director Dassault: »Eine schlechte Organisation wird durch Digitalisierung nicht besser.« Neben Sucic haben wir auch bei Urban August (Siemens PLM), Thorsten Cleve (Microsoft), Prof. Jürgen Kletti (MPDV), Dr. Omar Sadi (Nord Drivesystems), Georg Stawowi (Lapp) und Dr. Kurt Schmalz (Schmalz) nachgfragt: »Können Firmen durch Digitalisierung flexibler und schneller werden?«

"Schlechte Organisation wird durch Digitalisierung nicht besser."

Darko Sucic, Senior Director und Leiter des Center of Excell ence »Digital Manufacturing bei Dassault Systèmes:

Digitalisierung darf nicht um ihrer selbst willen angestoßen werde, sondern muss ein konkretes Ziel haben, auf das die Organisation vorbereitet werden muss. Es gilt, interdisziplinäre Teams zu bilden und Know-how aufzurüsten. Datenflüsse müssen über Abteilungen hinweg durchgängig gestaltet werden, ohne das Thema Sicherheit zu vernachlässigen. Businessplattformen wie unsere 3D-Experience-Plattform schaffen dabei die Möglichkeit, Wissen zusammenzuführen und global zeitnah abzurufen. Zudem müssen wir Abteilungsgrenzen überwinden, Routinen und festgefahrene Prozesse aufgeben. Wir müssen weg vom Denken in engen Rastern wie Technologien oder nur mit Fokus auf einzelne Unternehmen. Wir müssen dazu übergehen, mit externen Partnern, Lieferanten und Kunden zu interagieren, und die Digitalisierung im Bildungssystem und der Gesellschaft verankern. Entscheidend für den Erfolg bei der Digitalisierung ist, dass wir sie „human inside“ denken. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Die Unternehmenskultur ist ein wesentlicher Treiber oder Hemmschuh für Digitalisierung. Schlechte Organisation wird auch durch Digitalisierung nicht besser.«

"Nicht alles, was möglich ist, ist in einer bestehenden Umgebung auch sinnvoll."

Dr. Omar Sadi, Geschäftsführer NORDDRIVE SYSTEMS GmbH & Co KG in Bargteheide:

Das Interesse am Thema Industrie 4.0 in den Unternehmen ist eindeutig da. Wie wir aus vielen Kundengesprächen wissen, schaffen viele Firmen jetzt die nötigen Voraussetzungen, brauchen für die Umsetzung aber noch Zeit. Soweit es Nord Drivesystems betrifft, sind unsere Produkte schon umfassend für Industrie-4.0-Anwendungen ausgerüstet und voll zukunftsfähig.

Wir nutzen bereits selbst Industrie-4.0-Prozesse zur Optimierung von Abläufen und zur Steigerung unserer Wertschöpfung. Nicht alles, was möglich ist, ist in einer bestehenden Umgebung auch sinnvoll. Unsere Empfehlung ist deshalb, die neuen Technologien in Teilbereichen zu erproben und dann auf alle Bereiche zu übertragen, in denen sie wirtschaftliche Vorteile bieten. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und stehen unseren Kunden mit diesem Know-how zur Seite. In den kommenden fünf Jahren wird die Industrie-4.0-Fähigkeit speziell im deutschen Mittelstand ein ganz anderes Level erreichen als heute.«

"Nicht jeder hat eine klare Zielsetzung vor Augen."

Georg Stawowy, Vorstand der Lapp Holding AG für Technik und Innovation, Stuttgart:

Die Digitalisierung bringt uns voran, aber insgesamt ist die Diskussion etwas überhitzt, nicht jeder hat eine klare Zielsetzung vor Augen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck und unser Credo ist: Alles, was wir tun, muss auf einen klaren Kundennutzen ausgerichtet sein. Ein Beispiel ist unsere hoch automatisierte Logistik. Damit können wir schneller liefern und flexibler auf Kundenwünsche eingehen. Das macht Sinn und in diesem Sinn treiben wir bei Lapp Industrie 4.0 weiter.«

"Stillstand ist Rückschritt."

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Kletti, Gründer und Geschäftsführer der MPDV Mikrolab GmbH, Mosbach:

In einer sich stetig wandelnden Umgebung ist Stillstand gleich Rückschritt. Ohne umfassende Transparenz in Shopfloor geht schon heute nichts mehr und mit steigender Variantenvielfalt beziehungsweise kleineren Losgrößen wird das noch schwieriger. Heute nutzen Unternehmen dafür Manufacturing-Execution-Systeme (MES).

Für noch mehr Flexibilität bringen wir die Manufacturing Integration Platform (MIP) als ersten Vertreter der Fertigungs-IT-4.0 auf den Markt. Die offene Plattformarchitektur und ein gemeinsames semantisches Informationsmodell ermöglichen es, Anwendungen unterschiedlicher Hersteller beliebig miteinander zu kombinieren. Das bringt die notwendige Flexibilität bei gleichzeitiger Standardisierung.«

"Digitale Transformation beginnt bei der Führung"

Throsten Cleve, Director Manufacturung, Microsoft Deutschland GMBH mit Sitz in München:

Es gibt eine Herausforderung, die noch größer ist, als das eigene Geschäft digital zu transformieren: es nicht zu tun! Wer heute Marktführer ist, kann morgen schon ersetzt werden. Wir raten unseren Kunden und Partnern, ihre Transformation sofort proaktiv voranzutreiben! Dazu gehört nicht nur, Prozesse zu optimieren und bestehende Angebote zu digitalisieren, sondern sich neuen Geschäftsmodellen zu öffnen. Digitale Transformation beginnt bei der Unternehmensführung. Entscheider sind gefragt, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der Mitarbeiter sich weiterentwickeln und mit neuen Ideen zum Geschäftserfolg beitragen können. Risikofreudigkeit und Fehlertoleranz sind entscheidend – fail fast, learn fast. Die beeindruckendsten Transformationsergebnisse unserer Kunden waren selten von Beginn an so geplant. Ein offenes Mindset und flexible Prozesse sind essenziell, um sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Doch wie legt man los? Sprechen Sie mit Ihren Kunden, lassen Sie sich von anderen Branchen und Ländern inspirieren und suchen Sie sich verlässliche Partner, die Ihre Vision teilen.«

"Wir nutzen agile Methoden in der Entwicklung."

Dr. Kurt Schmalz, Geschäftsführender Gesellschafter der J. Schmalz GmbH:

Die Digitalisierung revolutioniert Technologien und verändert die gesamte Wertschöpfungskette. Das wirkt sich auf die unterschiedlichsten Ebenen im Unternehmen aus – auch bei Schmalz. Wir sehen das als Chance, unter anderem in der Produktentwicklung, aber auch in der Kundenansprache. So nutzen wir in der Entwicklung agile Methoden, unsere Mitarbeiter vernetzen sich zunehmend in interdisziplinären Teams. Für unsere Kunden entstehen intelligente Lösungen für die digitale Fabrik, beispielsweise Vakuumerzeuger, die wichtige Prozessdaten auf dem Smartphone und bis in die Cloud zur Verfügung stellen. Zeitgleich ist es unsere Aufgabe, auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette für unsere Kunden da zu sein. Speziell im Kontext des Industrie-4.0-Gedankens geht es hier um digitale Services wie Produktkonfiguratoren oder Tools für die Auslegung von Systemen. Wir stellen unseren Kunden Wissen zur Verfügung, damit sie sich besser orientieren können und wir gemeinsam Lösungen für ihren Prozess finden. Die Digitalisierung unterstützt uns auf diesem Weg maßgeblich.«

"Der Industrie entscheidene Wettbewerbsvorteile eröffnen." 

Urban August ist Senior Vice President und Geschäftsführer Deutschland bei Siemens PLM:

Die Digitalisierung eröffnet der Industrie entscheidende Wettbewerbsvorteile. Der digitale Zwilling ist die zentrale Informationsquelle für alle Daten entlang der kompletten Wertschöpfungskette und notwendige Grundlage für Unternehmen, um die Digitalisierung erfolgreich umzusetzen, da sie somit schneller, flexibler, innovativer werden. Wir sprechen vom digitalen Zwilling des Produktes, der Produktion und der Performance, der den jeweiligen Bereich möglichst realistisch abbildet. Dadurch wird es möglich, zu sehr frühen Phasen in der Produktentwicklung Aussagen über das Verhalten, die richtige Funktion oder Performance eines Produktes zu treffen, ohne dass das Bauteil jemals konkret gefertigt wurde.

Unser Portfolio wurde in den letzten Jahren strategisch erweitert und so sind heute alle Entwicklungsdisziplinen (Mechanik, Elektronik und Software) auf einer Datenbasis darstellbar. Der digitale Zwilling schließt die gesamte Wertschöpfungskette mit ein. Simulationen, Validierungen und Optimierungen können virtuell durchgeführt werden und ersparen unseren Kunden viel Zeit und Geld. Ein wichtiger Baustein, um sie für den globalen Wettbewerb zu stärken!«

Erschienen in Ausgabe: 03/2018