Drahtlos zur Bewegung

Energieübertragung – Fahrerlose Transportsysteme bewegen Lasten bis zu 30 Tonnen. Induktive Systeme übertragen die nötige Energie kontaktlos.

12. November 2008

Bergrohr gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Stahlgroßrohren. Die Geschichte des 1896 gegründeten und heute in der vierten Generation von der Familie Berg geführten Unternehmens ist geprägt von der ständigen Bereitschaft zu immer neuen Investitionen in innovative Verfahren und Techniken.

So ging im Jahre 1939 die weltweit erste vorgespannte Zwölf-Meter-Walze bei Bergrohr in Betrieb. Heute werden rund 50.000 Tonnen Großrohre pro Jahr produziert. Diese finden sich nicht nur in Öl-, Gas-, und Wasserleitungen wie im Münchener Trinkwassernetz, sondern auch in Stadienbauten wie der Arena Auf Schalke oder der Skihalle in Neuss, wo sie als Stützen für die Konstruktion dienen. Das Produktspektrum umfasst Rohre mit Durchmessern von 610 bis 2.540 Millimetern und Längen von bis zu 12 Metern. Die Wanddicke variiert je nach Kundenwunsch von 6 bis 76 Millimeter.

Hohe Flexibilität

Während Hersteller von Standardrohren mit hohen Losgrößen ihre Rohre auf mehreren Hundert Meter langen Produktionslinien fertigen, werden die Rohre bei Bergrohr in Fertigungshallen hergestellt, in denen die Arbeitsstationen in der Fläche angeordnet sind. Bis vor zwei Jahren wurden die Rohre dabei mithilfe von Rollgängen von einer Station zur nächsten transportiert; um die Rohre von einem Rollgang auf den anderen zu versetzen, kamen Brückenkrane und Übergabetische zum Einsatz. Schon 1998 konnte durch eine Simulationsanalyse nachgewiesen werden, dass ein Rationalisierungspotenzial von deutlich über 20 Prozent erreicht werden kann, wenn Palettenwagen für den Rohrtransport eingesetzt würden.

Perfekte Partner

Das gewünschte System war also gefunden – jetzt fehlte nur noch ein Anbieter, für ein entsprechendes Transportsystem. Hier erwiesen sich die Firmen Kleinknecht aus Siegen und Strothmann aus Schloß Holte-Stukenbrock als professionelle Partner. Kleinknecht hat sich auf Projektierung und Softwareentwicklung für automatische Steuerungen der verschiedensten Industrieanwendungen spezialisiert, Strothmann hält unter anderem das Patent für eine Rundschiene, die darauf ausgelegt ist, tonnenschwere Maschinen mit minimalem Kraftaufwand zu bewegen. Und Bergrohr hatte zeitgleich auch Kontakt zu SEW-Eurodrive, die mit ihrem Movitrans-System eine passende Lösung für die kontaktlose Energieübertragung im Programm hatten. Movitrans basiert auf dem Prinzip der induktiven Energieübertragung. Dabei wird die Energie von einem fest verlegten Leiter auf ein oder mehrere Fahrzeuge kontaktlos übertragen. Die elektromagnetische Koppelung erfolgt über einen Luftspalt und ist wartungs- und verschleißfrei. Ein weiteres großes Plus: diese Art der Energieübertragung verursacht keine Verschmutzung, ist zudem unempfindlich gegen Fremdverschmutzung, Nässe oder Temperaturschwankungen und durch isolierte Leitungen völlig berührungssicher.

Sanft beschleunigt

Für den Rohrtransport benötigte Bergrohr 40 Wagen, jeder sollte 30 Tonnen transportieren können – eine Herausforderung für die Antriebsspezialisten von SEW-Eurodrive. Denn die Wagen sollten so kompakt wie möglich und die Rohre gut zugänglich sein, da sie teilweise direkt auf dem Wagen bearbeitet werden. So ragen die Rohre mehrere Meter vorne und hinten über den Wagen hinaus. Dennoch darf bei einer Vollbremsung kein Rohr kippen. Heinrich Körber, Leiter des technischen Büros von SEW in Dortmund: »Wir haben extra im Beisein des TÜVs Bremsversuche durchgeführt. Und unser Part von SEW betraf vor allem die Beschleunigungen. Sie durften nicht zu stark sein, dennoch sollte eine maximale Verfahrgeschwindigkeit von 30 Metern pro Minute erreicht werden.« Dazu hat SEW ein spezielles Programm für die im Antriebsumrichter Movidrive integrierte Positionierung und Ablaufsteuerung IPOS geschrieben.

Schmutz kein Problem

Bedenken gab es zunächst auch noch wegen der Verschmutzung durch Schlacke und Metallspäne, die bei der Herstellung von Rohren zwangsläufig auftritt. Denn metallische Verschmutzungen auf den Linienleitern des Movitrans-Systems können zu einer erheblichen Reduzierung der übertragbaren Leistung führen. Doch Bergrohr löste die Problematik ganz pragmatisch und hat eine Kehrmaschine angeschafft. Dr. Henning Grebe, Prokurist und Leiter des technischen Bereichs bei Bergrohr: »Damit reinigen wir den Hallenboden permanent. Ausfälle auf den Fahrstrecken wegen Metall auf dem Linienleiter haben wir bisher nicht erlebt.« Zusätzlich wurden auch die Mitarbeiter geschult.

20 Prozent mehr

Das neue Transportsystem ist jetzt seit zwei Jahren im Einsatz und Dr. Henning Grebe ist rundum zufrieden. »Bisher sind keine nennenswerten Störungen aufgetreten. Und wir konnten den Durchsatz an Rohren um rund 20 Prozent steigern.«

Stefan Brill, SEW-Eurodrive/csc

Erschienen in Ausgabe: 08/2008