Duell statt Duett

Rainer Stetter - Managen mechatronischer Projekte gilt nicht zu Unrecht als eine der größten Aufgaben im Maschinenbau. Der Weg zur Mechatronik ist steinig. Hürden und Hindernisse sind zu überwinden. Doch der Aufwand lohnt sich. Die Chancen, noch besser im Wettbewerb zu werden, entschädigen für die Mühen.

02. Mai 2005

Der Maschinenbau setzt auf Klassik, zumindest, was den Stellenwert der Mechanik betrifft. »Mechanik ist immer noch die Nummer eins im Ranking«, kritisiert Dr. Rainer Stetter, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens ITQ aus München. Dahinter folgt in der Werteskala der Maschinenbauer die elektrotechnische Konstruktion. Als Schlußlicht weit hinten rangiert die Software. Kooperation der Disziplinen im Sinne der Mechatronik findet kaum statt. Die Situation im klassischen Maschinenbau tituliert Rainer Stetter deshalb gerne als ›Duell statt Duett‹. »Denn mit Mechatronik hat es wenig zu tun, wenn einer seine Maschine konstruiert und dann feststellt, daß jetzt nur noch die Software fehlt«.

Miteinander reden

Das entspricht nicht dem, was sich Rainer Stetter unter Mechatronik vorstellt: »Man konsultiert die jeweils andere Disziplin und erarbeitet gemeinsam das Ergebnis.« Heute noch beschränkt sich Kommunikation zwischen den Disziplinen oft nur aufs Minimum. Viele Maschinenbauer verstehen sich immer noch als ›die‹ Erbauer von mechanischen Maschinen. Elektronik und Software gelten als Beiwerk. »Und Beiwerk ist höchstens nützlich, aber werde kaum ernstgenommen.« Mechanische Konstruktionsprinzipien ändern sich nur langsam - für den studierten Maschinenbauer Stetter steht dort eher die Zeit still, während sich Software und Automatisierungstechnik rasend schnell weiterentwickeln. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Miseren der Technik in vielen Maschinenbauunternehmen beschreibt. »Viele Konstruktionsabteilungen nehmen die neuesten Entwicklungen zu wenig ernst.« Leider werde dabei zu wenig in Weiterbildung investiert. Deshalb steigt »die Komplexität der Lösungen schneller als die Lernkurve«. Rainer Stetter achtet selbst in seinem Unternehmen streng aufs hohe Niveau seiner Mitarbeiter: bis zu fünf Prozent des Jahresumsatzes werden ins Weiterbildungsbudget gebuttert. Sicherlich zählt das zu den Gründen, weshalb ITQ zu einem TOP JOB Unternehmen 2004 gekürt wurde. Doch der Maschinenbau ist nicht die Wurzel des Übels. Auch die Automatisierer verdienen nicht nur Lorbeeren. Wenn neue Software- und Automatisierungslösungen auftauchen, belege das zwar den Innovationsgeist. »Allerdings machen sich die Hersteller solcher Neuigkeiten oft zu wenig Gedanken, wie man diese Lösungen in der Praxis testet. Wenn ich etwas Neues in eine Maschine einbaue, muß klar sein, wie man es testet. So werden neue Motion-Gruppen eingesetzt, von denen keiner genau weiß, wie sie getestet werden«, sagt Rainer Stetter. Auch der Weg zur Software ist mit Stolpersteinen gepflastert. Wenn etwas Mechanisches nicht funktioniert, sehe man es genau. Die Bruchstelle in der Achse sei optisch und haptisch sofort erkennbar. In der Informationstechnik gestalte sich das schwerer. Auf einer Sensor-Aktor-Ebene, auf der Steuerungsebene, ist der Nachweis bedeutend schwieriger. »Die Granularität der Information ist anders. Die Sensibilität für die Rolle der Software ist kaum vorhanden.« Aus Angst vor der großen Unbekannten, werde Software als wertvoller Bestandteil einer mechatronischen Lösung recht stiefmütterlich behandelt. Der Mehrwert, den sie generiert, werde ignoriert. »Sie taucht erst auf, wenn man ein Problem mit seiner Anlage hat. Ihre Rolle für die moderne Anlagenstruktur und -lebensdauer bleibt oft ein Buch mit sieben Siegeln«, beklagt Stetter. Wer seine Stellung auf dem Markt sichern will, braucht mechatronische Kompetenz. »Der Maschinenbauer muß sich heute zum mechatronischen Systemlieferanten entwickeln«, lautet das Credo von Rainer Stetter. »Es gilt die Verzahnung zu forcieren, Synergien zu schaffen und Kommunikation zu fördern.« Aus der aufwendigen Reihenschaltung soll eine Parallelschaltung werden. Unter dem Vorzeichen der Integration der Teile läuft auch die Veranstaltung, die Rainer Stetter zusammen mit dem ›Kreis Mechatronik :K‹ am 12. Juli 2005 bei Festo in Esslingen organisiert hat. Dieses Forum zeigt Wegweiser und Orientierungshilfen zur Mechatronik.

Kreis Mechatronik :K

Stetter ist einer der Pioniere des Arbeitskreises Mechatronik, der hinter der :K steht. Das Fundament der Mechatronik ist die Kommunikation zwischen den Disziplinen und natürlich die Moderation, wenn Probleme auftauchen. Technische Kommunikation und Moderation zählen zu den Stärken von Rainer Stetter. Schließlich ist es sein Job, Grenzen zu überwinden. Als Inhaber und Gründer der ITQ GmbH hat er sich auf interdisziplinäre Problemlösungen in der Steuerungs- und Automatisierungstechnik spezialisiert. Er kennt die gewundenden Pfade zwischen Elektronik, Software und Mechanik. Es ist aber kaum zu leugnen, daß Software-Komponenten in mechatronischen Produkten und Systemen zunehmend an Bedeutung gewinnen. »Der Software-Anteil der Entwicklungskosten erreicht heute bereits bis zu 50 Prozent. Die klassischen Disziplinen Mechanik und Elektronik erscheinen dagegen organisatorisch weitestgehend ausgereizt, weil das ingenieurmäßige Arbeiten hier seit langem selbstverständlich ist. Aber im engen Verbund von Software, Elektronik und Mechanik lässt sich ein Mehrwert für den Kunden generieren und der Wettbewerbsvorsprung ausbauen.« Wie so etwas in praktischen Projekten gelebt wird, ist Thema des Mechatronik-Tags am 12. Juli bei Festo in Esslingen. Rainer Stetter ist dabei als einer der Mechatronik-Missionare im deutschen Maschinenbau.

Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 03/2005