Duett komplett

Pneumatik - Wird sie den Ansprüchen an Genauigkeit und Geschwindigkeit überhaupt noch gerecht? Oder ist sie, wie einige Antriebshersteller behaupten, Technik von gestern? Dr. Eberhard Veit, Vorstandssprecher der Festo AG, verteidigt die Pneumatik und kündigt ein ›unschlagbares Duo‹ an.

28. Juni 2005

Pneumatik hat ihre Kritiker - und die kommen nicht ganz zufällig aus der elektrischen Antriebsecke. »Drucklufttechnik kann in vielen Fällen den heutigen Ansprüchen an Genauigkeit und Geschwindigkeit nicht mehr genügen«, so hat Christoph Schulz von SSB Antriebstechnik seine Kritik an pneumatischen Lösungen in der ersten Ausgabe der :K formuliert. Leckagen und die ständig laufenden Kompressoren seien für hohe Betriebskosten und permanenten Wartungsbedarf verantwortlich. Außerdem würden Druckluftsysteme nicht die Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten bieten, die sich der Automatisierer wünsche, begründete der SSB-Chef. In Esslingen bei Festo löst dieser grundsätzliche Zweifel, den eingefleischte elektrische Antriebstechniker hegen, nur ein Lächeln aus. Von den Vorteilen der Pneumatik hinsichtlich Kraft, Robustheit und Energiebilanz ist man überzeugt, und die Fraunhofer-Trendstudie 2008 belegt die Akzeptanz pneumatischer Lösungen in der Zukunft. Dennoch ist auch für den Hersteller von Industrieautomation die Pneumatik keine Lösung ohne Alternative. Vor den Toren Stuttgarts werden auch Lösungen für Applikationen ausgetüftelt, bei denen die Pneumatik nicht die gewohnte Schlüsselrolle spielt. Dr. Eberhard Veit erläutert die Festo-Strategie: »Da die Pneumatik natürliche Grenzen hat, haben wir ein Baukastensystem entwickelt, mit dem der Kunde nach dem Prinzip Plug and work seine Anlage je nach Applikationsanforderung zusammenstellen kann. Das heißt, er installiert elektrische Antriebe an der Stelle, an der er sie braucht.« Kommt es bei Anwendungen zunächst auf relativ schnelles Positionieren an, eignet sich die Pneumatik. Sind dann im fortlaufenden Prozess präzise Montage oder Positionierungsvorgänge gefragt, favorisiert Festo den elektrischen Antrieb und will den Kunden dadurch auch bessere Preise bieten. Eberhard Veit verspricht: »ideale Präzision zu besten Bedingungen.«Dabei ist den Pneumatikern die elektrische Lösung nicht fremd, das gemischte Doppel aus Druckluft und Strom hat sich vielfach bewährt: »…es gibt genügend Achsen oder Servo-Pneumatik mit viel integrierter Elektrik «, betont Eberhard Veit und verweist auf den mechatronischen Ansatz, der dahinter steht: »Die Forschung und Entwicklung beschäftigt sich seit längerem mit der Integration der Elektrik«.

Was liegt also näher, als die erforderlichen elektrischen Antriebe gleich mit anzubieten oder im Sinne der Philosophie ›Alles aus einer Hand‹ dem Kunden eine Black Box mit Elektrik und Pneumatik zu offerieren. Schließlich ist er an seiner Lösung interessiert und nicht daran, ob Luft oder Strom dahinter steckt.

Festo setzt auf die Kompatibilität beider Antriebssysteme, auf das Nebeneinander beider Ansätze und rechnet sich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal aus: »Es gibt mit Sicherheit keinen Wettbewerber der Pneumatik und der elektrischen Antriebstechnik, der alle Schnittstellen und Geometrien gleichermaßen gut beherrscht. Ein klassisches Mechatronikprodukt

Aus unserer Sicht bietet uns die Kompatibilität der Pneumatik zum elektrischen Antrieb einen großen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb,« erläutert Veit. Der Kunde muss sich im Prinzip nur entscheiden, in welchen Phasen seines Prozesses er auf die Präzision elektrischer Antriebe Wert legt oder auf die robuste und kräftige Alternative. Aber auch die Pneumatik wird aufgemöbelt: »Grundlegend, in Richtung Neudefinition«, wie Eberhard Veit in Aussicht stellt. Festo wird auf der Hannover Messe ein System vorstellen, das die Positionierungsqualität der Pneumatik durch entsprechende Wegmesssysteme am Zylinder erheblich verbessert. »Durch unsere frühzeitig angedachte Synergie zwischen Elektrik und Pneumatik haben wir ein Sensorsystem entwickelt, das es zulässt, einen pneumatischen Antrieb so präzise zu positionieren wie es ein elektrischer kann«, kündigt der Festo-Vorstand an. Mit dieser Technologie will Festo den Wettbewerb zu den elektrischen Antrieben von der pneumatischen Seite her aufrollen. Entwickelt sich die auf Druckluft basierte Technik in diesem Tempo weiter, wird es die von den Elektroantrieblern belächelte alte Pneumatik bald nur noch in Jules-Verne-Filmen sehen. Pneumatik durch Sensoren aufzuwerten und den Unterschied zu den elektrischen Antrieben zu egalisieren, ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stellt Festo auf der Hannover Messe eigene elektrische Antriebe vor. Diese sind auch auf der Steuerungsebene kompatibel zur Pneumatik. Dazu Veit: »Unsere Steuerung umfasst den pneumatischen und den elektrischen Antrieb.« Die CPX von Festo als die Verbindung zwischen Pneumatik und Steuerungstechnik hat die Richtung vorgegeben.

Aber es soll weitergehen: Durch das Zusammenwachsen von Steuerungstechnik, Sensorik, Pneumatik und elektrischer Antriebstechnik will Festo ein innovatives Mechatronikprodukt vorlegen.

Was die Kommunikation zwischen Steuerung und Antrieb betrifft, gilt die Maxime ›die CPX passt immer - unabhängig vom gewählten Feldbus‹. Noch hat diese von Festo ausgegebene Losung eine Ausnahme, das Ethernet.

Doch kein Problem ohne Lösung: Auf der Hannover Messe soll CPX-FEC gezeigt werden. Eberhard Veit kündigt nicht ohne Stolz an: »Auch hier haben wir die Kompatibilität zwischen der Mechanik und der Steuerungsebene erreicht.«Kleine und intelligente dezentrale Systeme mit Diagnoserückmeldung sind zur Zeit ein großes Thema bei Festo. Rückendeckung hat man von weltweiten Trendsettern, die zu den Entwicklungen der Automatisierungstechnik im Jahr 2008 befragt wurden. So ist zum Beispiel ein Coil-Chip entstanden, der als das Hirn des Ventils gilt. Für Eberhard Veit hat dieser Chip die Steuerungstechnik in die Komponente gebracht: »Keiner unserer Wettbewerber bietet einen vergleichbaren Chip mit solchen Rückmeldeeigenschaften über die Funktionen der Pneumatik.«

Das derzeit bekannteste Produkt mit diesem Chip ist die Ventilinsel CPV-SC. Diese kleine Insel hat den selben Durchflusswert wie eine normale CPV. In der Elektronikindustrie, wo es auf geringes Gewicht und kleinste Baugrößen der Automatisierungskomponenten ankommt, lässt sich diese bauraum-einsparende Komponente direkt vor Ort integrieren beispielsweise bei Verguss-Stationen bei der Xenon-Lampen-Herstellung. Die CPV-SC enthält dann im Prinzip die gesamte Auswerteelektronik.

Erschienen in Ausgabe: 02/2004