Ein bisschen Stolz darf sein

Kommentar

Innovationen – Die SPS IPC Drives wird wieder zeigen, wie stark Maschinenbau und Automatisierung dank innovativer Entwicklungen in Deutschland sind.

13. November 2012

Dieser Tage sind gelegentlich – der Banken-Schulden-Euro-und-so-weiter-Krise sei Dank – Stimmen von Wirtschafts-»Experten« zu vernehmen, dass Deutschlands Exporte eine Mitschuld an der europäischen Misere trügen. So einiges mag faul sein, auch im Staate Deutschland, doch die Höhe unserer Exporte anzukreiden, ist einfach nur albern. Denn der Erfolg ist keinen Tricks zu verdanken sondern Innovationen »made in Germany«.

Ende November, wenn die SPS IPC Drives wieder aus allen Nähten des Nürnberger Messegeländes platzt, können wir uns wieder einmal die Erfindungsfreudigkeit des deutschen Mittelstands vor Augen führen. Und denkt man zurück an die Anfänge der Messe, zeigt sich die ungeheure Dynamik unserer Technikindustrie. Vielleicht erinnern Sie sich: 1990 fand die erste SPS in Sindelfingen statt, auf der ganze 63 Unternehmen ausstellten. Der wichtigste Teil der Messe ereignete sich in den Vortragsräumen, in denen unter anderem kontrovers diskutiert wurde, ob und inwieweit sich PCs zur Steuerung industrieller Fertigungsprozesse eigneten. Die Messe entwickelte sich rasch, und bald zog sie nach Nürnberg um, wo zunächst »nur« vier oder fünf Hallen belegt wurden. Seitdem spiegelt das rasante Wachstum dieser Messe die ebenso rasante Entwicklung der Automatisie-rungsbranche wider, die zusammen mit dem Maschinenbau den Motor der deutschen Wirtschaft bildet. Heute ist die Messe in Nürnberg für Besucher und Technikfans Segen und Fluch zugleich: Segen, weil hier die gesamte Welt der industriellen Automation auf aktuellstem Stand zu bestaunen ist; Fluch, weil der geneigte Besucher dazu nur drei Tage Zeit hat.

Vor drei Jahren lernte ich einen Technik-Journalisten aus den USA kennen, der die SPS zum ersten Mal besuchte. Mit jedem Tag in Nürnberg nahm sein Frust zu. Am ersten Tag wollte er sich nur einen Überblick verschaffen und zeigte sich nicht nur angesichts der Austelleranzahl, sondern auch von dem Inszenierungsaufwand an den Messeständen glatt erschlagen. Im Vergleich zeichnen sich amerikanische Technologie-Messen durch spartanische Schlichtheit aus. Am zweiten Tag wollte sich der Kollege eingehend technische Lösungen anschauen. Dabei stellte er mir gegenüber fest, dass die deutschen Technikstandards den amerikanischen um mindestens fünf Jahre voraus seien. Sein kleiner Trost, dass die deutsche Technik dafür bestimmt erheblich teurer wäre, zerschlug sich am dritten und letzten Messetag, als er erfuhr, dass die meisten Preise weit unter denen der amerikanischen Konkurrenz lagen.

Wie kommt das? Auf die Gefahr hin, eine Henne-Ei-Erklärung zu liefern: Der Erfolg unserer Automatisierungsbranche resultiert aus seiner Innovationstärke. Die wiederum entwickelte sich in einem heftigen innerdeutschen Wettbewerb, in dem irgendwann das Absenken der Preise nicht mehr zum Erfolg führen konnte, sondern ausschließlich verbesserte Qualität und neue Funktionen. Die Deutschen lassen sich heute übrigens rund 33.000 Erfindungen pro Jahr patentieren, mehr als alle anderen Europäer zusammen. Dass in Amerika noch viel mehr Patente angemeldet werden, hat, wie aktuelle Ereignisse zeigen, nicht viel zu sagen: Ein nicht unwesentlicher Teil der US-Patente bezieht sich auf Rechtecke mit abgerundeten Ecken, runde Fortschrittsbalken und andere geometrische Geniestreiche.

Wenn solche Innovationen zum Zwecke der Europa-Rettung verboten werden, habe ich nichts dagegen. Aber die Experten mögen bitte aufhören, einen Erfolg zu bejammern, der auf Intelligenz und Entschlusskraft beruht.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2012