Ein Fall für Zwei

Margrit & Dietmar Harting - Die Kunst der Verbindung von Technik, Wirtschaft und Politik beherrschen nicht viele. Wer sich auf diese hohe Kunst versteht, und dazu noch das notwendige Charisma hat, dem bleibt wenig Zeit für die Familie. Es sei denn, er ist Mittelständler, gibt seiner Frau die gleichen Rechte im Unternehmen und kann auf seine Kinder zählen.

29. Juni 2005

Wenn Dietmar Harting den Großbanken die Leviten liest, weil sie dem deutschen Mittelstand knappe Kasse bescheren, geht ein Rauschen durch den Blätterwald.

In der FAZ, der Süddeutschen und allen bundesweiten Tageszeitungen ist nachzulesen, was der Grandseigneur der Elektrotechnik den Ackermanns der Nation ins Gebetbuch schreibt: Selbst gut finanzierte Mittelständler mit neuen Aufträgen hätten Probleme, Kredite zu bekommen und »scheiterten« am hohen »Risikovorbehalt« der Institute. Natürlich hören alle hin, wenn der Herr aus Espelkamp einen anderen als den gewohnten freundlichen Ton anschlägt. Dass alle Journalisten mitschreiben, wenn Dietmar Harting redet, verwundert nicht. Denn er ist nicht nur Eigentümer eines gut finanzierten mittelständischen Unternehmens, er gehört als einziger Mittelständler dem Innovationskreis von Bundeskanzler Schröder an und ist Präsident eines der wichtigsten Industrieverbände in Deutschlands: des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Mit dem Meister des wohlgesetzten leisen Tons an der Spitze vertritt der Verband immerhin den zweitgrößten deutschen Industriezweig: Knapp 820.000 Namen stehen auf den Lohn- und Gehaltslisten der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Etwa 2.000 davon arbeiten im Unternehmen von Margrit und Dietmar Harting, das seinen Hauptsitz im westfälischen Espelkamp hat. Die Binsenweisheit lautet zwar: Hinter einem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Im Falle der Hartings stimmt sie nicht ganz: Hier steht die starke Frau neben ihrem Mann. »Und mit ihr die ganze Familie, denn der Zusammenhalt der Familie ist ein entscheidender Erfolgsfaktor fürs Unternehmen«, ergänzt Margrit Harting, die an der Seite ihres Mannes das Unternehmen leitet. Aber Tochter Maresa und Sohn Philip gehören genauso dazu, auch wenn sie gerade erst das Studium abgeschlossen haben bzw. noch studieren und noch nicht das Profil des Unternehmens prägen wie Vater und Mutter. Dass beide Harting-Spößlinge später das Unternehmen als ihre Heimat sehen, davon sind die Eltern überzeugt. Eine Familie muss lernen, Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen, und »das muss der nachfolgenden Generation mit auf den Weg gegeben werden«. Das entscheidende Plus eines Familienunternehmens ist das »Denken in Generationen und Dynastien«, definiert Margrit Harting, »während Manager ihr persönliches Leben optimieren, planen die mittelständischen Firmenlenker langfristiger über das Quartalsergebnis hinaus.«

Bereits der Erste, der solch ein Unternehmen aufbaut, hat eine Idee, die in die Zukunft reicht und steht vielleicht wie Dietmar Hartings Vater vor dem Problem: »Was kann ich als Ingenieur machen?« Diese Frage hat sich Wilhelm Harting in Minden nach dem Krieg gestellt und als Antwort ein regelrechtes Feuerwerk an Produktideen abgeschossen: Vom elektrischen Weidezaun über Plattenspieler bis hin zu Musikboxen, Taschenrechnern und Zigarettenanzündern. Beim Rauchen ist er dabei in gewissem Sinne geblieben, denn Zigarettenautomaten gehören heute noch zum Produktumfang. Ein Schmunzeln kann Dietmar Harting sich nicht verkneifen, wenn er erzählt, dass die Anfangsinvestition ins neue Unternehmen sämtliche Wurstvorräte seiner Mutter kosteten.

Das Material zu bekommen, war in knappen Zeiten das A und O der Gründergeneration. Der Deal war klar, Wurst gegen Rohmaterial. »Meiner Mutter hat es davor gegraust, wenn der Herr aus dem Ruhrgebiet kam und ihre Wurstvorräte als Preis für elektrische Komponenten abschleppte.«Die Musikbox stand dabei im übertragenen Sinne an der Wiege des Han-Steckverbinders. Nachdem die Hartings in den 50er Jahren ihren Firmensitz nach Espelkamp verlegt hatten, kam ein Kunde mit dem Wunsch auf Vater Wilhelm zu, ihm eine Musikbox zu bauen. Von 1954 bis 1960 standen dann Musikboxen auf der Produktionsliste der Hartings. Der Gewinn aus deren Bau war 1956 der finanzielle Grundstein für die Steckverbinder. Kurz vor seinem Tode hat sich Wilhelm Harting von Musikboxen, Taschenrechnern und Zigarettenanzündern getrennt und aus dem umfänglichen Gerätesortiment nur noch Zigarettenautomaten produziert und die Kapazitäten des jungen Unternehmens auf die Steckverbinder konzentriert.

Zur Elektronik ist Harting sehr früh durch den Kauf amerikanischer Lizenzen für den Bau von Steckverbindern gekommen. 1967 beginnt die Ära von Dietmar Harting als Unternehmenschef. Gemeinsam mit seiner Mutter Marie und seinem Bruder Jürgen - der zwei Jahre später ins Unternehmen kam - stand er an der Spitze. Ab 1973 lenkte er die Geschicke, nach dem Tod seines Bruders, mit seiner Mutter, die 1989 starb. Seit 1987 unterstützt ihn dabei seine Frau Margrit. »Wir haben die elektronische Sparte weiterentwickelt und zum Beispiel den Han-Steckverbinder (Han = Harting-Norm), eine Harting-Erfindung, auf den Markt gebracht«, erinnert sich der Unternehmer. Anfang der 70er- und in den 80erJahren wurden dann fiberoptische Elemente ins Programm aufgenommen. Ein entscheidender Schritt Richtung Erfolg war danach die globale Erweiterung. »Wir hatten bis dahin nur Agenten in den europäischen Ländern. Ausgehend von Frankreich haben wir unsere Produkte erst in Europa verkauft und später haben wir weltweite Märkte in Amerika und Asien für unsere Produkte geöffnet.« Als einen weiteren Schritt auf dem Weg nach oben in der Elektronik schätzt Dietmar Harting den Einstieg in die Produktion der DIN-Steckverbinder. DIN und Steckverbinder sind zwei zentrale Punkte für den Firmenchef. Schließlich steht er heute als Präsident an der Spitze der DIN-Organisation. Was die kleinen, aber feinen Stecker angeht, sie sind auch heute noch das wichtigste Einzelprodukt. »Die elektrischen und elektronischen Steckverbinder machen 75 bis 85 Prozent unseres Umsatzes aus«, so Dietmar Harting. Der Harting-Stecker ist von vielen nachgebaut worden. Produktpiraterie schreckt auch vor den Steckverbindern nicht zurück. Doch aus der Nachbarschaft hat bisher keiner sich an einen Nachbau gemacht. Natürlich ist es auch eine Frage der Ehre, dass jeder sein Steckenpferd hat: Der eine klemmt und der andere steckt die elektrische Verbindung, um die heute in unzähligen Anwendungen sehr großer Aufwand betrieben wird: Denn wo immer automatisiert wird, neue Anlagen entstehen, und mehr Produktivität auf kleinstem Bauraum gefordert ist, kommt es auf die unscheinbare Verbindung an. Und dass der Steckverbinder nun mal eine äußerst solide Verbindung ist, sieht Dietmar Harting als tägliche Bestätigung seines Kerngeschäfts.Selbst wenn der eine oder andere größere Fisch im Teich die Harting-Lösung gerne selber hätte, rührt das den Herrn der Steckverbinder in Espelkamp wenig: »Es macht für andere keinen Sinn, in ein solches Geschäft einzusteigen. Wir haben heute eine uneinholbar führende Position in dieser Technik mit einem sehr hohen Marktanteil, den wir auch weiter ausbauen.« Wie die Zahlen zeigen, bröckelt das Geschäft nicht ab, sondern wächst weiter. Vielleicht etwas langsamer als erhofft, aber mit einer Umsatzsteigerung von 7 Prozent im Jahr 2003 auf 261 Millionen Euro gibt sich die Technologiegruppe Harting zufrieden. Schließlich hat man sich vom allgemeinen konjunkturellen Trend abgekoppelt. Selbst wer wenig wächst, knöpft dem anderen Marktanteile ab, der schrumpft oder eine Nullrunde schiebt. Tür an Tür mit Wago und nicht weit entfernt von Weidmüller und Phoenix Contact hockt die »Crème de la Crème« der Verbindungstechnik relativ dicht beieinander. Nur Wieland als der Fünfte im Bunde ist durch den Firmensitz in Bamberg etwas von der Vierergruppe isoliert. Zwar schneiden sich alle vier ein Stück vom gleichen Kuchen ab, »aber im Standardgeschäft berührt man sich wenig, selbst wenn durch die Digitalisierung der Automatisierung die einen oder anderen Produkte miteinander konkurrieren«, drückt Dietmar Harting den »Glaubenskrieg« zwischen Klemme und Stecker etwas vorsichtig aus. Die Technologie der anderen schlecht reden, ist nicht sein Stil. Eher erst die diplomatische, aber dann die klare Bekenntnis zu einer Sache: »Jede Anwendung hat ihre Berechtigung, ich bevorzuge natürlich grundsätzlich den Steckverbinder. Der Stecker ist die bessere Verbin­dung als die Klemme.«

Doch am Ende entscheidet der Anwender, und hier hat jede Technik ihre Sonnenseite, ist sich Harting im Klaren: »Im Schaltschrank sind die Klemmen eine gute Lösung für die Verdrahtung. Während nach außen hin der Steckverbinder bessere Karten beim Anwender hat.« Dass auch im Schaltschrank noch einiges zu gewinnen ist, ist für Harting eine Frage der Entwicklungsarbeit.

Erschienen in Ausgabe: 02/2004