Einmal konstruieren genügt

PLM – Ein Textilmaschinenhersteller entwickelt regelmäßig zahlreiche neue Maschinentypen. Eine leistungsfähige PLM-Lösung organisiert dabei den Zugriff auf schon vorhandene Konstruktionen.

12. August 2008

Der Textilmaschinenhersteller Mayer & Cie. im baden-württembergischen Albstadt produziert jährlich etwa 1.600 Rundstrickmaschinen, mit denen Ober- und Sportbekleidung, Wäsche, Heimtextilien sowie Textilien für die Automobilindustrie hergestellt werden. Seit seiner Gründung im Jahre 1905 hat das Familienunternehmen mehr als 65.000 Rundstrickmaschinen in über 100 Länder ausgeliefert.

Jedes Jahr zehn neue Typen

Entscheidend für den Erfolg der Schwaben ist die regelmäßige Entwicklung neuer Technologien sowie eine permanente Optimierung vorhandener Systeme. Von den rund 1.600 Rundstrickmaschinen, die Mayer & Cie. jährlich produziert, sind 50 bis 60 sogenannte Erstmaschinen, für die zahlreiche Bauteile individuell konstruiert werden müssen, beispielsweise der Durchmesser des Strickkopfes oder andere Vorrichtungen. So werden etwa bei der Premium-Reihe, den elektronischen Rundstrickmaschinen, rund 20 Prozent der 6.000 bis 7.000 verbauten Teile individuell nach Kundenwunsch gefertigt – ein ideales Einsatzgebiet zum parametrischen Konstruieren. Allein im Jahr 2007 entwickelte das Unternehmen auf diese Weise zehn neue Maschinentypen mit verschiedenen Strick-kopf-Durchmessern von acht bis 48 Zoll. Je nach Variationsmöglichkeiten liegt der Auftragsdurchlauf zwischen sechs und zehn Wochen, erinnert sich Marcus Mayer, Geschäftsführender Gesellschafter von Mayer & Cie.: »Allein für die Konstruktion eines neuen Durchmessers benötigten wir vier bis sechs Wochen – wir müssen einfach schneller am Markt sein.« Erklärtes Ziel des gelernten Maschinenbauers ist es deshalb, möglichst oft auf vorhandene Konstruktionen zuzugreifen und diese entsprechend der Kundenanforderungen zu modifizieren, sodass das Bauteil schon am nächsten Tag in die Fertigung gehen kann.

Um die Produktentwicklungszeiten zu verkürzen, nutzt das mittelständische Unternehmen deshalb eine durchgängige PLM-Lösung, mit der sich die gesamte Prozesskette, vom ersten Entwurf bis zur Fertigung, in 3D visualisieren lässt und die allen beteiligten Abteilungen sämtliche konstruktionsrelevanten Daten automatisch zur Verfügung stellt. Als langjährige Anwender der CAD-Lösung Catia des französischen Herstellers Dassault Systèmes nutzen die Schwaben dazu schon seit 2006 dessen PLM-Lösung Enovia Smarteam. Die Softwarelizenzen und die gesamte technische Server-Infrastruktur lieferte das Karlsruher Systemhaus Transcat PLM, das die Maschinenbauer von der Alb zudem bei der Methodendefinition und Implementierung der Systeme sowie bei der Auswahl der geeigneten Module unterstützte.

Heute sind bei Mayer & Cie. 50 Lizenzen von Catia V5 im Einsatz, und das Produktdaten-Managementsystem Enovia Smarteam ermöglicht 80 Mitarbeitern den Zugriff auf die jeweils aktuellen Daten – vom technischen Vertrieb über Einkauf, Konstruktion, Fertigung, Montage und Qualitätssicherung bis zur Geschäftsleitung. Darüber hinaus verwendet das Unternehmen die Catia-Module für Elektrik, Blechkonstruktion, FEM, NC und Mechanical Design. Für Mayer bietet dieses Konzept zahlreiche Vorteile: »Die PLM-Lösung um Catia V5 und Smarteam bringt uns enorme Verbesserungen in der Variantenkonstruktion und in der NC-Programmierung sowie Materialeinsparungen.«

Lieferzeit drei Wochen

Deutlich zeigte sich der Nutzen der PLM-Lösung für den Geschäftsführer bei der Entwicklung einer komplett neuen Baureihe für das mittlere Preissegment, die in Ländern wie Indien, Bangladesch und China zum Einsatz kommen soll. In diesen Märkten haben die Kunden besondere Anforderungen, etwa eine geringere Bedienerhöhe oder eine einfache Benutzerführung durch Symbole. Die Neuentwicklung der Maschinenreihe dauerte eineinhalb Jahre und erforderte die komplette Neuentwicklung aller Bauteile, angefangen vom Antrieb bis hin zur Lagerung. Entstanden ist schließlich eine einfach zu bedienende Standardmaschine mit eingeschränkten Umbau- und Variationsmöglichkeiten aus etwa 2.500 Bauteilen, die in drei Wochen nach Auftragseingang gefertigt ist.

Ein wichtiges Kostenargument ist heute auch das Gewicht der Strickmaschinen aufgrund der hohen Preise für Gusseisen und andere metallische Werkstoffe. Hier ermöglichte es der Einsatz des FEM-Moduls von Catia, das Gewicht des Maschinenfußes der Standard-Maschinenreihe um gut ein Drittel zu verringern. Insgesamt sparten die Konstrukteure bei der Neukonstruktion der Standard-Rundstrickmaschine ungefähr 1.000 Kilogramm Material ein.

Die Prozesskette endet jedoch nicht bei der Fertigung: Ebenfalls einbezogen in die PLM-Lösung sind neben den klassischen Ressorts wie Entwicklung, Fertigung und Montage auch der technische Vertrieb, der Einkauf, die Qualitätssicherung und natürlich die Geschäftsführung. Damit ermöglicht der Einsatz von Enovia Smarteam, dass künftig kaum noch Zeichnungen ausgedruckt werden müssen. Stattdessen können die Mitarbeiter in Fertigung und Montage von ihrem Arbeitsplatz aus die entsprechenden Baugruppen aufrufen und zum Beispiel sehen, wie diese zu montieren sind. Zugleich wird damit sichergestellt, dass die Mitarbeiter immer mit den aktuellen Daten arbeiten. Auch die Geschäftsführung kann sich so jederzeit über den aktuellen Stand informieren, jede Zeichnung ansehen und erkennen, wer daran gearbeitet hat und wann etwas geändert wurde.

Marcus Mayer ist mit der durchgängigen PLM-Lösung zufrieden: »Wir verkürzen unsere Entwicklungszeiten und haben die gesamte Prozesskette transparenter gestaltet. Dadurch können wir noch schneller und flexibler die kundenspezifischen Anforderungen unserer Geschäftspartner umsetzen.« Das nächste Ziel ist die Verbindung der PLM-Lösung mit dem Warenwirtschaftssystem. Früher musste Mayer, wenn er sich die Zeichnung eines Bauteiles ansehen wollte, erst umständlich im Warenwirtschaftssystem nachschauen, welche Teile in welcher Maschine verbaut worden sind, sich die entsprechenden Nummern aufschreiben und diese dann von Hand ins Produktdaten-Managementsystem eingeben. Durch die Integration in das SAP-System wird sich künftig die Zeichnung des Bauteils durch Mausklick im Warenwirtschaftssystem öffnen und damit weitere Zeitvorteile bringen.

Andreas Strzelczyk, Transcat PLM

Erschienen in Ausgabe: 05/2008