Engineering muss einfach sein

Für den Vorstand von Lenze spielt Engineering eine Schlüsselrolle für erfolgreiches, einfaches Arbeiten. Eine Studie und ein durchgehendes Angebot über die fünf Phasen des Engineering-Prozesses beim Kunden helfen dabei. Das Gespräch führte Michael Kleine

08. Dezember 2011

Herr Maier, warum ist Engineering bei Lenze im Fokus? Was lässt sich mit optimalem Engineering erreichen?

Engineering nimmt für Maschinenbauer eine immer höhere Bedeutung ein, weil es die Time-to-Market maßgeblich bestimmt und ein großer Kostenfaktor ist, 20 Prozent der Total Cost of Ownership (TCO) entfallen auf das Engineering. Daher haben wir unser Angebot entlang der fünf Phasen auf den Engineering-Prozess des Kunden ausgerichtet, von der Idee bis zur Abkündigung der Maschine. Dazu zählt unser Produktbaukasten genauso wie die Engineering-Werkzeuge oder das Applikationswissen, das unsere Ingenieure dem Kunden zur Verfügung stellen.

Darum haben Sie die Studie »Ease of Engineering« in Auftrag gegeben?

Erstens wollten wir verifizieren, dass unsere Hypothese, Engineering sei ein heißes Thema, richtig ist. Wir haben die einfache Handhabbarkeit bei den Produkten schon immer in den Vordergrund gestellt, aber dies ist nur ein Element in einem größeren Kontext, eben das, was wir jetzt als »Ease of Engineering« bezeichnen.

Zweitens ist durch die kontinuierliche Erweiterung unseres Angebots, auch durch die Erweiterung unseres Spektrums auf die Controller-based Automation, unser Markenbild aus Sicht des Kunden diffuser geworden. Sie fragen sich, was der Kern unserer Marke ist. Wir sind der Meinung, dass dies auch das Thema »Ease of Engineering« ist, für Antriebs- und Automationslösungen gleichermaßen. Wir wollten uns über die neutrale Studie vergewissern, dass der Kern unserer Marke für die Zukunft die richtige Bedeutung hat.

Welche Erkenntnisse ergab die Studie?

Es waren weniger die Fakten an sich als die Größenordnung, in der die Wichtigkeit vereinfachter Engineering-Prozesse zum Ausdruck kam. Es freut uns, dass der Lieferant als Partner angesehen wird. Auch dass altes Wissen keineswegs verworfen wird, ist überraschend stark ausgeprägt, aber positiv. Dieses Phänomen sehe ich selbst auch.

Die Herausforderungen liegen zum Großteil darin, unser Commitment des einfachen Engineerings an die gesamte breite Kundenbasis weiterzugeben. Wir brauchen dazu einen einfachen, gut zusammenhängenden Baukasten – damit der Kunde seine Prozesse beherrscht und wir auch. Der Anwender muss sein ideales Produkt schnell und eigenständig als Achse dimensionieren können, auch ohne telefonisch um Rat zu fragen. Sollte der Kunde dennoch Unterstützung in der Applikation benötigen, sind wir natürlich für ihn da. Nur durch ein perfektes Zusammenspiel zwischen einfach zu handhabenden Produkten, einfacher Tool-Suite und Applikations-Support können wir unser Markenversprechen an alle Kunden herantragen.

Darum haben Sie Ihr neues Fünf-Stufen-Modell entwickelt?

Lenze ist ein Partner über den gesamten Lebenszyklus einer Maschine. Das sind von der ersten Idee bis zur Verschrottung oft 20 Jahre, mit einem Retrofit noch zehn Jahre mehr. Um über diesen langen Zeitraum eine wirklich enge Partnerschaft zu leben und unser Angebot gezielt an die »Use Cases« des Produktlebenszyklus anpassen zu können, haben wir diese fünf typischen Phasen gewählt.

Wir begleiten Kunden von der Idee über Konzept und Entwicklung bis zur Produktion und über die gesamte Betriebsdauer. Wir müssen uns fragen, welchen Wert wir in welcher Phase beitragen können, was wir aktiv einbringen wollen und was nicht. Dabei müssen wir die Lenze-Mitarbeiter mitnehmen, jeder Kollege soll seine Ideen zur Vereinfachung im Sine unserer Kunden einbringen. Ich habe den Eindruck, wir laufen da offene Türen ein, es herrscht große Begeisterung.

Welche Rolle spielt die neu gegründete Lenze Engineering GmbH?

Lenze Engineering hängt mit dem »Ease of Engineering« zusammen, die Kunden sollen es einfacher haben, indem wir uns stärker als bisher als Automatisierer positionieren. Bei vielen Kunden sind die Ressourcen knapp, da der mittelständische Maschinenbauer die mechanische Konstruktion einer Maschine tief durchdringt, sich mit den Themen Elektronik und vor allem Software aber etwas schwerer tut. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.

Die Eckpfeiler, die man durchdringen muss, um eine Maschine voll zu automatisieren, sind Motor und Steuerungsarchitektur. Den Motor kennen wir, das ist unsere Kernkompetenz und die Steuerung belegen wir seit einigen Jahren viel aktiver. Die Prozessparameter der Anwendung sind die Domäne des Kunden, bei Taktzahl, Taktzeiten oder Verfügbarkeiten diskutieren wir mit, unser Know-how ist die Abbildung dieser Prozessparameter auf das Automations- und Antriebssystem.

Ist die klassische Mechatronik für Sie immer noch zukunftsfähig?

Für die nächste Dekade bestimmt. Wir sind hier noch weit von einer echten Integration entfernt wie aus der Halbleiterindustrie bekannt. Der Software-Anteil in einer mechatronischen Lösung wird weiter zunehmen, Beispiele sind neue Regelungsmethoden wie die rückführungsfreie Regelung von Synchronmotoren, weiter integrierte und einfachere Sicherheitstechnik oder Real-time Simulation.

Es stellt sich zudem die Frage, in welchen Applikationen, mit welcher gekapselter Funktionalität erreichen wir Stückzahlen, so dass sich die tiefe Integration von Motor, Elektronik und Getriebe auch ökonomisch rechnet. Hier setzen wir auf unsere standardisierten zwölf Antriebslösungen und identifizieren die Stückzahlträger in Anwendungen wie zum Beispiel der Fördertechnik.

Wie verkraften Kunden die hohen Engineering-Kosten, die fast so hoch wie die für Komponenten?

Dieser signifikante Kostenblock gerät erst jetzt in den Fokus. Engineering wird zunehmend schwieriger, Maschinen immer komplexer und damit steigen die Kosten. Die Kunden bekommen das nicht mehr bewältigt. Vor allem kleinere Maschinenbauer haben die Ressourcen nicht und können es sich nicht leisten, erforderliches zusätzliches Know-how aufzubauen. An dieser Stelle treten wir als Partner auf, der den Engineering-Anteil übernimmt.

Fühlen Sie mit der neuen Aufstellung gewappnet für die Zukunft?

Ja, absolut. Aus technischer Sicht waren die letzten fünf Jahre schwieriger war als die nächsten fünf Jahre sein werden. 2005 gab es noch keine Produkte in unserem L-force-System. Heute verfügen wir über ein breites Programm an Servotechnik, Frequenzumrichtern und dezentralen Geräten, über neue Motoren, eine komplette Steuerungstechnik und einen sauberen Baukasten.

In diese neuen Strukturen habe ich viel Vertrauen, jetzt geht es darum, unser Markenversprechen zu erfüllen, nicht nur über die Produkte sondern übers gesamte Umfeld. Dazu muss Lenze noch etwas offensiver in der Vermarktung werden und die Turbulenzen des Marktes immer im Auge behalten.

Erschienen in Ausgabe: Industrie Handbuch/2011