Erfolg auf der Langstrecke

Porträt

Micro-Epsilon – In der Sensorik stehen die Produkte von Micro-Epsilon für besondere technologische Innovationen. Um dort hinzukommen, braucht man einen langen Atem sowie immer neue Produkte, weiß Gesellschafter und Unternehmensmotor Karl Wißpeintner.

04. Mai 2012

Nicht selten entstehen aus kleinsten Anfängen und oft fast unbemerkt bemerkenswerte Unternehmen. So geschehen auch im beschaulichen Ortenburg in Niederbayern mit Micro-Epsilon.

»Unsere Familie ist schon seit 1687 in Ortenburg ansässig«, erzählt Karl Wißpeintner, der maßgeblich für den Aufstieg des Unternehmens verantwortlich ist. »Ich bin hier aufgewachsen. Mein Vater war Handwerker, aber ich habe schon früh meinen Hang zu Technischem entdeckt, darum entschied ich mich für eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Nach Bundeswehr, Fachschule in Regensburg und Studium der Elektrotechnik in Berlin bin ich dann 1976 wieder nach Hause zurückgekehrt.«

Grund für die Rückkehr war eine Nachricht des Vaters: In Ortenburg hatte sich ein Ingenieur namens Franz Frischen niedergelassen, 1968 in Hannover Gründer der Vertriebsgesellschaft Micro-Epsilon Messtechnik. »Also bin ich beim Herrn Frischen angefangen. Schon damals stand aber fest, aus dem Handelsunternehmen ein produzierendes zu machen. Ich wollte zudem immer selbstständig sein, und so habe ich mich in die Firma eingekauft. Mein Startkapital war damals gerade einmal 20.000 D-Mark.«

Einige Monate später kam der Physiker Johann Salzberger als erster Vertriebsingenieur zum Unternehmen, er ist noch heute als Geschäftsführer an Bord. »Wir beide tragen die Inventarnummern 1 und 2«, bemerkt Wißpeintner schmunzelnd.

In seinem gesamten Berufsleben haben ihn sechs Wörter geprägt. Die ersten drei sind Wollen, Dienen und Danken. »Wollen ist eine Grundvoraussetzung. Sonst hätten wir uns in dieser strukturschwachen Gegend kaum durchsetzen können«, sagt Wißpeintner. »Dienen muss gegenseitig sein: die Firma den Menschen und die Mitarbeiter der Firma, damit wir die nötige Sicherheit bekommen. Der Dank ist das Öl im Getriebe und beflügelt die Menschen. Im Laufe der Zeit kamen drei weitere Eckpfeiler hinzu: Leistung, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. An diesen sechs Grundsätzen haben wir immer versucht, uns zu orientieren und an diesen sind wir gewachsen.«

Micro-Epsilon ist auf Langzeitstabilität ausgelegt: »Wir haben seit 30 Jahren keinen Pfennig aus der Firma genommen. Wir sind ein echtes Familienunternehmen und nicht auf Banken angewiesen.« Auch die Herkunft unterstütze dies: »Der Niederbayer ist nicht schnell, dafür aber ein Langstreckenläufer. Darum machen wir Slow-Tech und das dafür in einer sehr hohen Qualität.« Der Kunde war bei Micro-Epsilon laut Wisspeinter nie der König: »Wir geben alles für ihn, aber er darf uns nicht dominieren. Wir bringen unsere Leistung um der Selbstachtung willen.« Das größte Kapital für ihn sind die Mitarbeiter. »Sie müssen Menschen finden, die mit einem gewissen Gleichtakt laufen. Unsere Mitarbeiter stehen treu zur Firma, auch in Krisenzeiten.«

Die ersten Jahre

Das kleine Team von Micro-Epsilon startete ganz erfolgreich mit Dehnungsmessstreifen und Hochtemperaturaufnehmern. Im Oktober 1980 stellte es auf der Interkama in Düsseldorf das erste eigene Wirbelstrom-Messsystem vor, das für die damalige Zeit sehr schnell und störsicher arbeitete. Zwei Jahre später folgte der weltweit erste geschirmte Miniatur-Wirbelstrom-Wegsensor.

Es gab auch Verwerfungen in der Erfolgsgeschichte. Eine gravierende war der erste Atomausstieg, denn Micro-Epsilons größte Kunden kamen aus der Kraftwerkindustrie. 1984 gab es einen Flop mit dem ersten digitalen Messsystem Digi 1000. »Mit dem waren wir zehn Jahre zu früh am Markt«, ist Wißpeintner selbstkritisch. »Dadurch haben wir unsere Konkurrenz nur schlau gemacht und nach Ablauf der Patentfrist konnten diese die Produkte fast 1:1 auflegen. Ganz wesentlich ist also das Timing.«

Das Unternehmen hat überlebt. »Unser Erfolgsrezept war schon damals die Spezialisierung. Damit ging es in 80er-Jahren ganz gut bergauf«, sagt Wißpeintner. »Das gewonnene Kapital haben wir dann in die neuen Bereiche Weg- und Wirbelstrommessung gesteckt. Wichtig ist, die Technologie zu beherrschen. Wir zielen auf Nischen, sind flexibel und haben alle Produktionsprozesse im eigenen Haus. In Ortenburg gehen wir nicht über Stückzahl 100, wir bauen hier viele Prototypen, die Großserien laufen in anderen Standorten.«

Einen Schnelldurchlauf ausgewählter Innovationen der 90er- und 2000er-Jahre gibt Geschäftsführer Johann Salzberger: »1992 präsentierte Micro-Epsilon den ersten digitalen optischen Sensor mit CCD-Element. Das war damals der schnellste und genaueste Lasersensor der Welt. 1998 machten wir uns mit der hauseigenen Entwicklersoftware Iconnect unabhängig, durch die Beteiligung an Optris im Jahr 2005 können wir auch IR-Sensoren für die Temperaturmessung liefern. Ein großer Schritt nach vorn war 2009 die Embedded Coil Technology als Neuheit in der berührungslosen Wegmessung. Damit haben wir dem Markt einen Schub gegeben. Auch 2012 wird Micro-Epsilon zukunftsweisende Produkte präsentieren, wie das erste Messsystem, das Farbspektren online misst. Wir haben heute sämtliche Elektronik und alle wichtigen Schnittstellen integriert. Insgesamt liefern wir dem Markt mehr Präzision.«

Micro-Epsilon ist seit den 90ern internationaler geworden. Es gibt auch immer wieder prominente Zukäufe wie die heutige Micro-Epsilon Optronic mit ihren optoelektronischen Sensoren oder Eltrotec als Spezialist für Farbsensoren. »Wir haben schon einige Male auch schwächelnde Unternehmen aufgefangen und in unser System eingebunden. Der Aufschwung kam dann meist schon nach kurzer Zeit«, sagt Wißpeintner.

Er war früh darauf bedacht, neue Märkte zu erschließen und unabhängig zu bleiben. »Wir wollen zu den Kondensationskernen gehören und nicht zu den kondensierten Tröpfchen. Bisher habe ich zu allen Anfragen für eine Übernahme nein gesagt.« Wißpeintner hat auch keinen Grund zu verkaufen: Die Geschäfte laufen sehr gut, die Micro-Epsilon-Gruppe besteht derzeit aus 20 Unternehmen mit mehr als 600 Mitarbeitern. Der Umsatz betrug 2011 gruppenweit über 90 Millionen Euro.

Eine neue Ära

Nach 35 Jahren zieht sich Karl Wißpeintner jetzt aus dem operativen Geschäft zurück. Er übergibt an Johann Salzberger und den neuen Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Sellen. »Ich bin als Inventarnummer 46 zu Micro-Epsilon gekommen«, erzählt dieser. »Es hat mich aus dem Saarland nach Ortenburg gezogen, und ich fühle mich hier sehr wohl. In meinen 17 Jahren als Entwicklungsleiter und zwei Jahren als Assistent der Geschäftsleitung konnte ich viel von Karl Wißpeintner lernen und werde jetzt alles tun, um den Erfolg fortzuführen.« Dabei kann er auf dessen Söhne Alexander und Thomas bauen, die bereits Abteilungen im Unternehmen leiten.

Was kommt für Karl Wißpeintner nach Micro-Epsilon? »Ich möchte mich stärker um meine Enkel kümmern und mit meiner Frau reisen, bleibe dem Unternehmen aber treu. Steuerungsaufgaben übernehme ich keine mehr, aber übergeordnete Aufgaben für die Gruppe habe ich weiterhin im Auge. Dazu gehört die räumliche Ausdehnung der Firmengebäude, außerdem möchte ich die Holding zu einer Servicegesellschaft für die anderen Gruppenmitglieder ausbauen.«

Auf einen Blick Micro-Epsilon

-Gegründet 1968, Neubeginn 1976.

-20 Mitglieder in der Gruppe, 600 Mitarbeiter.

-Über 2.000 Ingenieurjahre, zahlreiche Patente.

-Hochwertige Sensoren zur Messung von Weg, Abstand, Position und Temperatur.

Erschienen in Ausgabe: 03/2012