Erfolg in Pink

Porträt

RUD – Nicht jeder wird erkennen, wie wichtig Anschlagpunkte für eine Maschine sind. Und doch sorgt das Unternehmen aus Aalen damit sowie mit den passenden Ketten für viel Furore. Und es präsentiert laufend Innovationen…

22. August 2014

Wenn ein Ort Friedensinsel heißt, sind die Erwartungen des Besuchers automatisch hoch. Und die werden am gleichnamigen Standort von RUD in Aalen durchaus erfüllt – es gibt viel Grün, Wasser und Ruhe. Dabei beschäftigt sich das Unternehmen mit knallharten Gerätschaften bei entsprechend rauen Bedingungen in der Fertigung: Denn RUD Ketten Rieger & Dietz ist einer der weltweit führenden Hersteller von Ketten aller Art und den dazugehörigen Anschlagpunkten für deren Fixierung an der Maschine.

»Angefangen hat alles schon vor fast 140 Jahren mit Produkten aus Draht, denn seit dem Mittelalter wird in Aalen Erz abgebaut«, erzählt Reinhard Smetz, Bereichsleiter Anschlag- und Zurrmittel bei RUD und seit 40 Jahren im Unternehmen. »Die Gründer Rieger und Dietz waren beschäftigt bei der Kettenfabrik Erlau, der ältesten süddeutschen Aktiengesellschaft.« Diese Herren sind dann einige Kilometer den Kocher aufwärts gezogen und haben dort auf der erwähnten Friedensinsel ihr eigenes Unternehmen zur Herstellung von Ketten aufgebaut. Als Ironie des Schicksals ist die Aktienmehrheit von Erlau 125 Jahre später an RUD übergegangen.

In den 50er- und 60er-Jahren waren Schneeketten das dominante und auch sehr gewinnbringende Geschäftsfeld bei RUD. »Im Winter sind sprichwörtlich goldene Flocken gefallen, weil der Bedarf dann sprunghaft anstieg«, berichtet Reinhard Smetz. »Das hat sich grundlegend geändert, heute spielen Ketten und Anschlagpunkte für industrielle Anwendungen die Hauptrolle. Der Geschäftsbereich, den ich leiten darf, ist von zwei auf 54 Mitarbeiter angewachsen und erzielt weltweit fast 100 Millionen Euro Umsatz.« Nicht der Standard sei das, was die Leute im Schwabenland antreibt, sagt Smetz und ergänzt: »So war und ist das auch bei RUD, wir haben immer die Nische gesucht. Mit den Anschlagpunkten ist uns das gelungen und hier sind wir heute absoluter Weltmarktführer.« Allerdings sei der Markt hart umkämpft, und viel dreht sich um die Vergabe und Verteidigung von Patenten.

Zur rechten Zeit

Der Anstoß für diese rasante Entwicklung kam vor 35 Jahren aus dem Kohlebergbau. Es gab eine Serie von tödlichen Unfällen und schweren Verletzungen, deren Ursachen sehr häufig in ungeeigneten Anschlagpunkten an Maschinen, Getrieben und Lasten lagen. Die Berufsgenossenschaft reagierte sofort und verbot die damals noch vielgenutzte DIN580-Ringschraube sowie Eigenbauten aus Draht oder Blech. »Es war eine vierfache Sicherheit gegenüber Bruch in alle Richtungen gefordert und das war die Grundlage für moderne Anschlagpunkte wie wir sie heute herstellen«, berichtet Reinhard Smetz. Heute seien in fast allen Bereichen der Industrie Anschlagpunkte von RUD anzutreffen. »Wir erhöhen damit die Arbeitssicherheit und verkürzen Handhabungszeiten erheblich.« Außerdem sei RUD bis heute immer der erste Hersteller, der die Zulassung für eine neue Güteklasse vorweisen kann.

Vor zwanzig Jahren schockierte RUD Fachwelt und Kunden mit einem Anschlagketten-Baukasten in Pink. »Wir hatten eine Kette entwickelt, deren Tragfähigkeit 30 Prozent besser war alles bisher Dagewesene. Diese Einmaligkeit wollte ich auch nach außen mit einer ganz besonderen Farbe darstellen, einheitlich bei den Ketten und später bei den Anschlagpunkten. Die Probanden im Test haben auf Pink am heftigsten reagiert, und damit war es entschieden.«

Viele Jahre war RUD mit dem auffälligen, asymmetrisch belasteten Anschlagpunkt VLBG im Markt erfolgreich. Dann wollten die Kunden ihre Lasten mit diesen Anschlagpunkten immer mehr drehen, kippen und wenden können, und das ruckfrei unter Teil- oder Volllast. Entsprechende Versuche haben gezeigt, dass sich die Schraube nach nur einer 90-Grad-Drehung ausnahmslos aufdrehte, trotz korrekter Vorspannung. Die Reibungswerte zwischen Metall und Metall führen zwangsläufig zu diesem ungewollten Effekt. »Nach dieser Erkenntnis liefen viele Versuche, bis wir die optimale Festigkeit in allen Belastungsrichtungen erreichen konnten«, erinnert sich Reinhard Smetz. »Unsere Konstrukteure durften an Baugröße und Einbaumaßen aber nichts verändern, weil die Bauteile in Tausenden Konstruktionszeichnungen hinterlegt sind.«

Es entstand die Lösung eines doppelten Kugellagers, welches die Drehung aufnimmt und ein Loslösen der Schraube verhindert. Allerdings konnte kein zugeliefertes Lager den hohen Anforderungen von RUD entsprechen. »Also haben wir sie einfach selbst gefertigt, aus Sonderstahl und spezialvergütet«, sagt der Bereichsleiter. »Erst nach dieser Maßnahme war die Dauerdrehbelastung unter Volllast in alle Richtungen erfüllt. Heute produzieren wir auf speziellen Drehautomaten und auf einer neu konzipierten, vollautomatischen Montagemaschine die komplette SR-Doppelkugellager-Serie.«

Als Ergebnis präsentiert RUD den frei drehbaren und verschraubungssicheren Anschlagpunkt ICE-LBG-SR, wobei SR sehr passend für »Super Rotation« steht. Sichtbar wird das Innovative auch an der neuen, etwas zurückgenommenen Farbe »Eispink«. »Damit können wir die Diskussion ums Pink entschärfen«, sagt Smetz. »Eigentlicher Grund für die Umgestaltung ist aber der neue einzigartige Werkstoff namens ICE, den wir gemeinsam mit Thyssen Krupp entwickelt haben.« Bei diesem Feinkornstahl ist nicht die Härte entscheidend, der Quantensprung entsteht durch die spezielle Zähigkeit des Materials. So kann RUD seine Kettendicke bis auf vier Millimeter herunterbringen, bei einer Belastungsgrenze von 800 Kilogramm pro Strang.

In den Aufhängebügeln ist reliefartig ein Achteck eingeschmiedet, das Oktagon. Diese Form wird künftig auf die meisten RUD-Anschlagpunkte übertragen, um eine eindeutige Abgrenzung zu den immer häufigeren Kopien treffen zu können. Außerdem sind alle Typen der Super-Rotation-Serie rechtzeitig zertifiziert worden, denn sie erfüllen die Prüfkriterien der Berufsgenossenschaft.

Alles immer prüfbar

Anschlagpunkte gehören zu den prüfpflichtigen Arbeitsmitteln und müssen regelmäßig dokumentiert werden. Dafür hat RUD ein spezielles System entwickelt, das sich auch für die Super Rotation eignet. »Jedes Bauteil ist mit einem RFID-Chip ausgerüstet, der unverlierbar und geschützt im Metallteil eingebettet ist«, erläutert Jens Christiansen, Vertriebsleiter Deutschland bei RUD. »Mit einem speziellen Reader lässt sich die einmalige Chipnummer auslesen. Über das RUD-Netzwerk kann der Anwender alle notwendigen Gebrauchsanleitungen, Produktdaten, Prüfzeugnisse und -möglichkeiten sowie deren Dokumentation berührungslos und fehlerfrei abrufen, registrieren und verwalten.« Dieser Umstand ist in so sicherheitssensitiven Bereichen wie dem Transport schwerer Teile sehr wichtig und wird bei einem Unfall von den Behörden als Nachweis gefordert.

Erschienen in Ausgabe: 06/2014