Europa vor dem Aus?

Stromversorgung - Das vermeintlich konservative Produkt Stromversorgung ist bei genauerem Hinsehen überraschend dynamisch in technischem Fortschritt, Anbieterstruktur und Produktionsstandorten.

03. August 2007

Beim Versuch, die Entwicklungen im Stromversorgungsmarkt zu überblicken, stellt sich sofort das Problem der Abgrenzung. So breit gefächert wie die Anwendungen der Elektronik, so breit ist auch das Produkt- und Anbieterspektrum.

Eines wird aber klar: Das größte Marktsegment sind AC/DC-Einbaunetzteile. Schätzungen zufolge gibt es weltweit 6.000 Hersteller, davon 1.600 in der VR China. Der Markt ist sehr fragmentiert und es gibt noch kein dominierendes Unternehmen. Viele Hersteller kommen aus einer Gründungswelle beim Umstieg auf die Schaltnetzteiltechnik. Innerhalb der getakteten Technologie war ein Trend die Einführung kompakter Module, die hauptsächlich in der Computer- und Telecom-Industrie zum Einsatz kommen. Diese Module arbeiteten schon 1984 mit einer Schaltfrequenz von einem MHz und damit weit über den damals üblichen 30 kHz. Anwender fragen oft nach der Höhe der Schaltfrequenz, wie aus der Welt der Rechner gewohnt: je mehr Taktfrequenz, desto schneller. Bei Netzteilen hat die Schaltfrequenz aber keinen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit. Ein Beispiel dafür ist das neueste Netzteil von Puls aus München. Der Wirkungsgrad beträgt 95,5 Prozent, es schaltet mit 35 kHz.

Ein weiterer Trend ist die Mehrstufigkeit. Entgegen der Annahme, mehrere Wandlerstufen hätten durch das Hintereinanderschalten höhere Verluste, lässt sich ein Fortschritt erzielen, da jede Stufe für sich besser ausgelegt und optimiert werden kann. Kontinuierlich bessere und günstigere Power Mosfets machen solche Konzepte heute erschwinglich. Diese Bauteile kennzeichnen auch den neuesten Trend: Der Ersatz von Schottkydioden für die ausgangsseitige Gleichrichtung durch Mosfets. Dioden haben den Nachteil der konstanten Flussspannung, ein Mosfet hingegen ist ein Widerstand, der bei genügend Siliziumfläche niederohmig wird. Er ist zwar mit der zugehörigen Ansteuerung zum synchronen Schalten teurer, aber die Verbesserung im Wirkungsgrad ist es wert.

Die Fortschritte der Schaltnetzteile sind am Beispiel der Laststromversorgungen ersichtlich: Eine Produktlinie in getakteter Technik erreichte 1994 eine viel beachtete Leistungsdichte von 119 Watt pro Liter, 2005 liegt der Wert bei 469 Watt pro Liter. Die Steigerung um den Faktor vier in nur zehn Jahren zeigt, dass AC/DC-Stromversorgungen, der landläufigen Meinung zum Trotz, ein entwicklungsfähiger und dynamischer Produktbereich sind. Damit wären sie für eine hoch entwickelte europäische Industrie eigentlich gut geeignet.

Die Rolle der Europäer

Warum gibt es dann so wenige, bedeutende Hersteller in Europa? Wer spielt denn noch mit im globalen Konzert? Melcher, einst Pionier der getakteten Technik - mit einem erstklassigen Image -, hat irgendwann den Kurs verloren, zu geringe Gewinne erwirtschaftet und wurde letztendlich an ein amerikanisches, börsennotiertes Unternehmen verkauft. Die überragende Bedeutung des Unternehmens ist damit Geschichte. Ähnliche Fälle gibt es noch einige, sodass heute die meisten Stromversorgungsanbieter in Europa klein und in der Nische sind oder von Nichteuropäern dominiert werden. Auf der europäischen Umsatzhitliste ist kein Europäer mehr unter den Top Ten.

Diese Entwicklung hat auch den Verband der europäischen Stromversorgungshersteller EPSMA (European Power Supply Manufacturers Association) stark beeinflusst. Er wurde 1995 als betont europäischer Interessensverband gegründet, weil die nationalen Verbände im Zeitalter der Einigung Europas als zu klein befunden wurden. Der Verband sollte die Interessen der europäischen Industrie gezielt vertreten und den Mitgliedern einen Informationsvorsprung verschaffen. Deshalb war als Aufnahmebedingung eine »signifikante Produktentwicklung oder Fertigung in Europa « gefordert. Hätte der Verband sich nicht über Europa hinaus der Welt geöffnet und seine Statuten geändert, hätte er sogar Gründungsmitglieder ausschließen müssen. Nur zehn Jahre nach der Gründung wird jedes Unternehmen der Branche akzeptiert, wenn es nur ein eigenes Büro in Europa hat.

Bedeutung Asiens

Die Ursachen für die Veränderungen liegen in der Verlagerung von Fertigungs- und in der Folge auch Entwicklungsaktivitäten nach Asien. Stromversorgungen profitieren von einer Verlagerung in Niedriglohnländer, da der Anteil an Handarbeit bei diesen Produkten hoch ist. Eine Fertigung mit Robotern ist nicht konkurrenzfähig. Die Verlagerung lohnt sich nur bei großen Stückzahlen, denn die Vorleistungen sowie die Logistik- und Managementaufwendungen sind erheblich. So kostet ein Ex-Patriat in China ungefähr so viel wie 120 einfache Arbeiter. Unternehmen, die sich diese Investitionen leisten können, erwerben sich einen Wettbewerbsvorsprung, können günstiger anbieten und wachsen weiter.

Eine Alternative zu Asien sind die Länder Osteuropas. Die Lohnkosten sind niedriger als in Westeuropa und die entfernungsbedingten Kosten günstiger als in Asien. Osteuropa nimmt eine Zwischenstellung ein, die für einen »Low-Volume/High-Mix« interessant ist. China hat den Vorteil des sich schnell entwickelnden Zuliefermarktes. Die Größe des Marktes alleine schon erzeugt entsprechenden Wettbewerbsdruck und niedrige Preise. Die Streuung in der Lieferqualität ist allerdings viel breiter als in unseren Märkten. Auch gab es schon Fälle von eindeutig gefälschten Bauteilen. Eine eigene Präsenz vor Ort ist deshalb unabdingbar. Dank niedriger Bauteil- und Verarbeitungskosten produzierte Asien schon 2003 mit Abstand am meisten Stromversorgungen. Um zu bestehen, müssen die Europäer bei den direkten Fertigungskosten mit den asiatischen Konkurrenten gleichziehen. Gleichzeitig sollten die europäischen Hersteller in der Produktdefinition und -entwicklung den Vorteil der räumlichen Nähe zu den Abnehmern ausnützen. Gerade im Maschinen- und Anlagenbau hat die europäische Industrie noch einen großen Vorsprung, den sie in einer gemeinsamen Anstrengung von Zulieferern von Subsystemen und Systemlieferanten nutzen sollte. Sehr hilfreich sind Kundenbesuche, die Erfahrungen daraus können in die Produktdefinition einfließen. Die entfernt vom hiesigen Markt arbeitenden Wettbewerber haben diese Möglichkeit der Kenntnis nicht. Deshalb reagieren sie mit Nachahmungen.

Wie beurteilen?

Anwender von Stromversorgungen verfügen aber häufig nicht mehr über das Knowhow, wie ein solches Produkt zu beurteilen ist. Früher gab es noch Ingenieure, die selbst einmal eine Stromversorgung entwickelt hatten und deshalb wussten, worauf es ankommt. Dies ist jetzt nur noch selten der Fall. Durch die fehlende Beurteilung durch den Anwender baut der Hersteller nur das ein, was der Anwender bezahlen kann. Das Niveau sinkt, immer häufiger finden sich unzulänglich geprüfte Komponenten, mit denen sich schwerlich ein hochrangiges, konkurrenzfähiges Produkt anbieten lässt. Den reinen Preiswettlauf kann die europäische Industrie nicht gewinnen. Wenn sie aus kurzfristigen Kostenüberlegungen ihre Leistungsfähigkeit und ihren Ruf riskiert, dann gibt es kein Argument mehr für europäische Produkte und die Zukunft sieht nicht rosig aus.

Wenn es die Hersteller aber mit Ideen und Mut schaffen, innovative, kundenorientierte Produkte zu mäßigen Mehrkosten anzubieten, dann wird es immer Abnehmer geben, die dies zu honorieren wissen.

Bernhard Erdl, Puls/mk

Erschienen in Ausgabe: DIGEST/2007