Exporthürden überwinden

Schmersal

Maschinensicherheit – Beim Export von Maschinen ins außereuropäische Ausland gelten nationale Vorschriften. Aber auch hier gleichen sich die Normen weltweit immer mehr an.

12. November 2009

Wenn man das Ziel aller EU-Regelungen auf einen kurzen Nenner bringen soll, ist der Abbau von Handelshemmnissen sicherlich das richtige Stichwort. Für die EU-Staaten gilt: Wenn die Maschinen den in Deutschland geltenden Richtlinien und Vorschriften entsprechen, sind sie auch in den anderen Nationen der Europäischen Gemeinschaft normenkonform. Hier hat die oft gescholtene EU also eine Erleichterung für exportierende Maschinenbauer geschaffen. Sie müssen ihre Maschinen nicht nach anderen Normen fertigen oder sie sogar anpassen, wenn sie zum Beispiel für Italien, Spanien oder Großbritannien bestimmt sind.

Strahlkraft der EU-Normen

Die Vereinheitlichung geht aber noch weiter. Die »Strahlkraft« der EU-weiten Regelungen reicht zumindest für den Maschinen- und Anlagenbau über die Grenzen der Europäischen Union hinaus, denn auch Nicht-EU-Staaten haben diese Regelungen im Rahmen einer sogenannten »Drittstaatenregelung« anerkannt. Dies gilt zum Beispiel für die Schweiz und die Türkei. Wer Maschinen in diese Staaten exportieren will, muss sich also nicht mit besonderen nationalen Normenwerken auseinandersetzen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die MRL und die EU-Normen zur Maschinensicherheit in noch größerem, globalem Rahmen gültig wären. Dann würde sich der Konstruktions- und Dokumentationsaufwand für exportorientierte Maschinenbauer nochmals erleichtern. In einigen anderen Bereichen, zum Beispiel beim Explosionsschutz, ist dieser Weg bereits vorgezeichnet, und die ATEX-Richtlinien werden in den kommenden Jahren wohl so modifiziert, dass sie auf IECEx-Ebene, d.h. weltweit, Gültigkeit besitzen. Auch die ISO138491 ist, wie die Bezeichnung schon angibt, auf weltweiter Ebene gültig. Und die IEC61508, die für den Konstrukteur von Sicherheitskomponenten wichtig ist, ging den umgekehrten Weg: Sie wurde in die EN-Normenreihe eingegliedert, wenn auch nicht europäisch harmonisiert. Allerdings ist es nicht selbstverständlich, dass die ISO- und IEC-Normen von jeder Nation weltweit anerkannt und umgesetzt werden: Die Entscheidung hierüber wird jeweils auf nationaler Ebene getroffen. Es gibt also bereits wichtige Normen zur Maschinensicherheit, die auf internationaler Ebene veröffentlicht sind. Für die übergeordnete Maschinenrichtlinie selbst ist eine solche Entwicklung jedoch noch nicht absehbar, sodass der Maschinenbauer, der weltweit tätig ist, auch weiterhin ganz verschiedene Normenwerke beachten muss. Und nicht nur das: Auch die Ansätze sind völlig unterschiedlich.

USA: Ein anderer Ansatz

Besonders deutlich wird das, wenn man die Regelungen zur Maschinensicherheit in Europa und in den USA vergleicht. Hier wird eher der Betreiber als der Hersteller der Maschine in die Pflicht genommen. Der Occupational Safety and Health Act (OSHA) von 1970 verpflichtet die Betreiber, die Sicherheit zu gewährleisten. Für die Hersteller bzw. Inverkehrbringer der Maschine gibt es hingegen qua Norm oder Gesetz keine Verpflichtungen. In der Praxis sorgt die sehr strenge Produkthaftungspflicht in den USA dafür, dass auch die Maschinenbauer bestrebt sind, ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Denn bei Schäden gilt es nachzuweisen, dass die Sicherheitseinrichtungen der Maschinen dem geltenden Stand der Technik entsprechen – anderenfalls drohen sehr hohe Geldbußen bzw. Regressforderungen. Wenn der Maschinenbauer also belegen kann, dass er ein anerkanntes Normenwerk erfüllt, wird er in der Regel auf der sicheren Seite sein. Auch deshalb werden die EN-Normen und Richtlinien zur Maschinensicherheit in den USA akzeptiert. Zudem gibt es auch nationale produktspezifische und allgemeine Normen, die vom American National Standards Institute (ANSI) herausgegeben werden. Hier ist vor allem die ANSI B11-Serie von Sicherheitsnormen für bestimmte Maschinenarten (Drehmaschinen, Sägen, Rohrbiegemaschinen…) erwähnenswert. Für den Maschinen- und Anlagenbau hat die OSHA-Behörde zudem das Handbuch »Concept and Techniques of Machine Safeguarding« erstellt, das zahlreiche Hinweise zur Konstruktion einer sicheren Maschine enthält.

Japan: JIS-Normen

Seit 1999 gibt es in Japan die JIS-Normen (Japanese Industry Standards), die ähnlich strukturiert sind wie die EN-Normen, und mit denen die weltweit gültigen IEC-Normen auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Zu den ersten harmonisierten Normen gehörten zum Beispiel ISO121001, ISO121002 und IEC60204. Im Juni 2007 trat darüber hinaus eine Sicherheits-Richtlinie auf der Basis von ISO12000 in Kraft, mit der die gesamten EN-Normen und auch die Aufteilung in A-, B- und C-Normen quasi zum japanischen Standard wurden. Somit kann der Maschinenbauer, der die EN-Normen beachtet, relativ sicher sein, dass er auch die japanischen Sicherheitsanforderungen erfüllt. Darüber hinaus sind die internationalen ISO- und IEC-Normen als JIS-Normen in japanischer Sprache verfügbar, und seit einiger Zeit arbeiten auch japanische Normungsgremien an der Erarbeitung von ISO- und IEC-Normen zum Thema »Funktionale Sicherheit« mit. Die Anwendung der Normen ist jedoch generell freiwillig: Es gibt keine Instanz, die ihre Einhaltung einfordert oder überwacht und auch keine Produkthaftung, die indirekt, über die Haftungsfrage, zur Einhaltung der Normen führt. Dennoch kann man sagen, dass diese Normen allgemein akzeptiert werden. Für die Betreiber gibt es schon seit 1974 ein »Gesetz zur Gesundheit, Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz«, das lange Zeit als Grundlage der gesamten Sicherheitsbestimmungen galt. Im April wurde dieses Gesetz um den Paragraphen 28-2 ergänzt. Dieser Paragraph legt fest, dass der Betreiber von Maschinen und Anlagen die jeweiligen Gefahrenquellen und -substanzen ermitteln und dokumentieren muss. Ebenso muss er die Maßnahmen dokumentieren, die er zur Sicherheit ergreift. Konkret bedeutet das: Der Betreiber muss ein methodisches Risk Assessment einsetzen und nachweisen. Auf diese Weise ist auch die Betreiberseite gesetzlich gut abgedeckt, ähnlich wie es die Betreiberrichtlinien auf EN-Ebene tun. Somit stammen die wesentlichen japanischen Regelungen auf Hersteller- und Betreiberebene von 2006 und 2007. Das bedeutet: Beim Themenkreis der Maschinensicherheit und der funktionalen Sicherheit haben die europäischen Hersteller deutlich früher Erfahrungen sammeln können. Deshalb werden sowohl der Sicherheitsstandard europäischer Maschinen als auch die Produkte und Systeme der europäischen Hersteller von Sicherheitsschaltgeräten in der japanischen Industrie geschätzt. Hier zahlt es sich auch im außereuropäischen Export aus, dass die EU sich frühzeitig für die Etablierung gemeinsamer Standards zur Maschinensicherheit engagiert und dieses Ziel auch umgesetzt hat.

CHINA: Teile adaptiert

China hat ein eigenes Normenwerk zur Maschinensicherheit erarbeitet, das ebenfalls teilweise auf nationalen bzw. europäischen Normen basiert. So werden die allgemeinen Anforderungen an elektrische Anlagen von Industriemaschinen in der GB/T55226.1 genannt, die der IEC602041 entspricht. Weitere Sicherheitsanforderungen werden in den Normen GB/T 15706.1 und GB/T15706.2 definiert, die sich eng an die alten europäischen Normen EN292-1 und EN292-2 anlehnen. Auch hier zeigt sich also der Trend zur Internationalisierung der Normung. Davon profitieren die europäischen Maschinen- und Anlagenbauer, die nach China exportieren. Auf der Komponentenseite muss man jedoch einschränkend hinzufügen, dass es aus Sicht europäischer Hersteller durchaus Handelshemmnisse in Form von nationalen Abnahmen gibt. Hier ist z.B. das »China Compulsory Certificate« (CCC) zu nennen, ein Pflichtzertifikat, das für verschiedene Produktgruppen gilt, insbesondere für elektronische Produkte und für Produkte im Automobilbereich. Insgesamt zeigt diese Übersicht, dass weltweit ein Trend zur Vereinheitlichung der Normen herrscht. Abgesehen von den ISO- und IEC-Normen, die per Definition weltweit gelten, übernehmen einzelne Staaten auch Richtlinien und Normen, die sich in anderen Märkten bewährt haben oder lehnen sich daran an. Hier ist das europäische Regelwerk richtungsweisend, weil es schon sehr früh erstellt wurde und sich in der Praxis bewährt. Davon profitieren die europäischen Maschinen- und Anlagenbauer im Exportgeschäft: Sie können davon ausgehen, dass die EU-Normen und -Richtlinien auch außerhalb des direkten Geltungsbereiches akzeptiert werden. Natürlich gibt es trotz aller Bestrebungen zur Internationalisierung von Regelwerken immer noch viele nationale Vorschriften. Der Maschinenbauer oder -exporteur, der in Nicht-EU-Länder liefert, ist deshalb gut beraten, sich über die jeweils geltenden Anforderungen zu informieren, zum Beispiel beim CE-Netzwerk.

Frank Schmidt, K.A. Schmersal GmbH/aru

Fakten

- Das CE-Netzwerk, ein auf Maschinensicherheitsfragen spezialisierter Zusammenschluss unabhängiger Ingenieurbüros, bietet internationale Normenrecherchen, berät und erstellt Dokumentationen nach den jeweiligen nationalen Vorschriften. Das CE-Netzwerk wurde von der Schmersal Gruppe initiiert.

- Literaturtipp: P. Engstrom, Drittstaatenregelung in den Vereinigten Staaten; T. Kabe, Drittstaatenregelung in Japan; Dr. Y. Liu, Drittstaatenregelung in China. Alle in: Werner Defren, Franz Kreutzkampf, Personenschutz in der Praxis. Herausgegeben von der K.A. Schmersal GmbH, Wuppertal 2001.

Erschienen in Ausgabe: 08/2009