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Farewell Cebit

Es ist eine kleine Randnotiz für manchen ehemaligen Besucher, aber ein Beben für die IT-Szene: Die Cebit wurde eingestellt.

06. Dezember 2018
Von wegen „Auf Wiedersehen“ – die Cebit wird eingestellt. (Bild: Deutsche Messe)

Meine erste Cebit habe ich besucht, da war sie noch die Halle 1 der Hannover Messe. Seit sie dann 1986 als eigenständige Messe startete, war ich fast jährlich in Hannover – bis zum Höhepunkt 2001, als sich fast 1 Mio. Besucher auf dem Messegelände drängelten.

Die Jahre danach wurden die Besuche dann aber immer seltener, und dieses Jahr war ich nur dort, weil mich ein anderer Termin in die Region geführt hatte. Immer unklarer wurde das Profil der Messe, Themen wie CAD/CAM, Product Lifecycle, Business Solutions, Simulation oder zuletzt Industrie 4.0 verschwammen, verschwanden oder wanderten auf die Hannover Messe als „Digital Factory“ ab. Ebenso wie die Consumer Electronics, die Telekommunikation, die Spiele oder Funk und Fernsehen an anderen Standorten ein neues Zuhause fanden.

Dass die Messe jedes Jahr Besucher, Aussteller und ein Thema nach dem anderen verlor, lag aber – trotz Hannover – nicht an der Attraktivität anderer Standorte, sondern an den Verantwortlichen.

Die steuernden Gremien wie der Aufsichtsrat der Cebit wurden von Lokalpolitikern, Bürgermeistern und Gewerkschaft dominiert, und im Messebeirat gaben die großen, ausländischen IT-Unternehmen den Ton an, die sich dann selbst peu a peu von der Cebit verabschiedeten. Der Einfluss der Messemacher selbst war relativ begrenzt.

Dennoch überbot sich die Messegeschäftsführung nach jeder Messe mit Erfolgsmeldungen. Noch im Juli hieß es aus Hannover: „Die neue Cebit war ein voller Erfolg.“ Wieder mal. Denn auch jede Cebit davor wurde als „großer“ Erfolg abgefeiert – auch wenn die Messe im Jahr drauf dann thematisch wieder völlig neu aufgestellt wurde. Die Glaubwürdigkeit der Messeverantwortlichen litt dadurch nicht nur bei den Ausstellern und Besuchern, auch „Influencer“ wie die Fachpresse beäugten die Erfolgsmeldungen zur Cebit zunehmend kritisch. Und die zuletzt dann fast im jährlichen Abstand erfolgten Neuorientierungen der Veranstaltung bei den Themen und Zielgruppen verwunderten vor dem Hintergrund der vollen Messekassen ebenfalls immer mehr – die Mittel, ein Konzept über eine längere Zeit aufzubauen, müssen bei der Deutschen Messe, die zu 100% in öffentlicher Hand ist, und für die die Cebit Jahrzehnte lang dicke Gewinne abwarf, mehr als vorhanden gewesen sein.

Ebenfalls sehr verwunderlich dabei ist auch, dass die Messe die Chance nie richtig genutzt hat, ihre Interessen mit denen der deutschen IT-Industrie und dem Technikstandort besser zu bündeln – und diesen eine Plattform zu bieten um zu demonstrieren, dass sie mehr sein kann als nur ein Zuschauer der IT-Entwicklungen. Doch zum Neustart als Event-Veranstaltung hatte die Messe dieses Jahr dann wirklich (fast) alle alten Zöpfe abgeschnitten: Sie teilte die Cebit in vier neue Bereiche, in Neusprech „d!talk“, „d!cocomy“, „d!campus“ und „d!tec“ und gestaltete das Freigelände als Erlebniszentrum, um „Digitalisierung anfassbar zu machen“. Dazu gab es dort Freikonzerte, Poetry-Slam, digitale Kunstwerke und eine Streetfood-Meile sowie abendliche Partymeile in Hannover.

Wie gesagt, nicht mehr „meine“ Cebit – und für eine deutsche Messe ein sehr gewagter Schritt. Doch bei der anvisierten, neuen Zielgruppe kam das Experiment sehr gut an, in den sozialen Medien wurde die Veranstaltung gefeiert, die (digitale) Resonanz war riesig – während die Besucheranzahl auf einen neuen Tiefstwert sank. Was jedoch bei so einem Umbau am „lebenden Objekt“ vorhersehbar ist – die „alte“ Zielgruppe wird nicht mehr adressiert, die „neue“ muss sich erst aufbauen. Wer an einer Kreuzung neu anfährt, kann nicht sofort auf Höchstgeschwindigkeit sein.

Zudem: alle alten Zöpfe wurden nicht abgeschnitten. Bei der Preisgestaltung für die Messestände gab sich die Deutsche Messe keineswegs modern locker, sondern altmodisch knallhart. Für viele Aussteller waren die Standpreise nicht mehr mit der Anzahl der Standbesucher in Deckung zu bringen.

Doch vielleicht war das Konzept auch einfach zu gewagt für die (älteren) Herren in den entscheidenden Messegremien.

Farewell Cebit – dem IT-Standort Deutschland wirst du fehlen. hjs