Faszinierende Technologie

Spezial Schweiz innovativ

Gewinde – Für manchen scheinen Gewinde nicht sonderlich spannend zu sein. Dass ein Unternehmen damit seit 60 Jahren erfolgreich sein kann, zeigt die Eichenberger Gewinde AG mit einem großen Portfolio, hoher Qualität und vielfältigen Anwendungen.

22. Juli 2013

Im Leben muss man häufig um die Ecke schauen, um etwas in seiner Gesamtheit zu entdecken. Daran wird der Besucher erinnert, wenn er bei Eichenberger Gewinde im schweizerischen Burg ankommt. Die Firmengebäude entlang der Straße zeigen bei Weitem nicht alles – an der Rückseite ist ganz neu ein sehr repräsentativer Bürotrakt entstanden mit schönem Blick ins Tal.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Hauptprodukt des Unternehmens, den Gewinden beziehungsweise Gewindetrieben. Äußerlich sind sie nicht mehr als gerillte Stangen, aber dahinter stecken immenses Know-how und ein enormer technischer Aufwand.

Angefangen hat alles vor 60 Jahren, als Hans Eichenberger erste Präzisionsdrehteile für Kunden in der Nähe fertigte. Er experimentierte mit vielen verschiedenen Produkten, unter anderem stellte er auch Plastikbecher her und rüstete dafür mit Kunststoffspritzmaschinen auf. »Das war aber auf die Dauer nicht ertragreich, und so folgte diesem Intermezzo in den 70er-Jahren die Spezialisierung auf das Gewinderollen«, erzählt Kurt Husistein, seit 1967 im Unternehmen, seit 1996 operativer Geschäftsführer und seit 1998 neben seiner Frau Carmela und dem zweiten Geschäftsführer Matthias Furrer nach einem Management-Buy-out Hauptanteilseigner der Eichenberger Gewinde AG.

Aus dem 100-prozentigen Lohnbetrieb entstand ein Unternehmen mit eigenen Produkten. »1988 präsentierte Eichenberger seinen ersten Kugelgewindetrieb, seitdem ist das Gewinderollen als Kaltverformung und spanlose Bearbeitung das absolute Kernstück des Betriebs«, berichtet Carmela Husistein, die bei Eichenberger das Marketing leitet und Prokuristin ist. »Dazu haben wir im Laufe der Zeit stark automatisiert und viel investiert.«

Alle Kompetenzen im Hause

Eine sehr wichtige Investition war vor vier Jahren eine eigene Anlage zum Härten der Gewinde. »Wir sind damit viel flexibler geworden und die Anlage hat sich in kurzer Zeit amortisiert. Obwohl ein extrem komplexes Unterfangen, ist das ist ein großer und sehr sinnvoller Schritt gewesen.« Eichenberger hat dadurch alle Kompetenzen von A bis Z im Haus, von der Entwicklung über die Produktion bis hin zum Qualitätsmanagement. »Wir waren einer der ersten Lohnbetriebe in der Schweiz, die eine Zertifizierung durchlaufen haben.« Jetzt findet alle drei Jahre ein großes Audit statt, darauf legt Eichenberger sehr großen Wert.

»Der Kugelgewindetrieb ist eine fantastische Technologie mit einem extrem hohen Wirkungsgrad«, zeigt sich Kurt Husistein begeistert. »Am interessantesten wird es, wenn etwas eigentlich nicht gehen kann. Steigung 50 bei der Speedy zum Beispiel war nach Aussagen einer unserer Bediener und des Maschinenlieferanten schlichtweg unmöglich, und jetzt ist das ganz normal. Ein bisschen Widerstand animiert, wir versuchen gerne das Verrückte, nur so können wir besser werden.«

Basis von Eichenberger ist zwar das Katalogprogramm, aber das ist auch meist aus Sonderanfertigungen hervorgegangen. »Die Dimensionen unserer Produkte orientieren sich am Bedarf der Kunden. Wenn wir entwickeln, ist immer ein Markt dahinter«, ergänzt der Geschäftsführer.

Eichenberger behauptet von sich, für jede Anwendung das richtige Produkt zu haben. Kurt Husistein: »Das liegt an der Vielfalt unserer Gewindespindeln und den daraus entstehenden Kombinationsmöglichkeiten. Da heben wir uns im Markt durchaus ab.« Das Brot-und Buttergeschäft sind die Kugelgewindetriebe mit dem Namen Carry. Die Steilgewindetriebe der Serie Speedy sind für weniger Belastung ausgelegt, können dafür aber hohe Geschwindigkeiten fahren. Die Rundgewindetriebe der Marke Rondo sind eine Alternative zu herkömmlichen Trapezgewindespindeln.

Die Schweizer bieten bei den Kugelgewindetrieben Durchmesser von vier bis 40 Millimeter. Laut Carmela Husistein ist das ein recht schwieriger Spagat in der Bandbreite und eine Herausforderung in der Produktion. »Den größten Durchmesser hat ein Kunde angeregt, damit er alle seine Anwendungen mit uns abdecken kann. Interessante Stückzahlen macht Eichenberger aber mit Gewindetrieben unter 16 Millimetern.«

Trotz aller Konkurrenz hat Eichenberger seinen Platz im Gewindemarkt gefunden. »Das liegt daran, dass wir in den Anwendungen stark gefächert sind und unsere Produkte überall zum Einsatz kommen, wo etwas bewegt werden soll«, erzählt Kurt Husistein. »Und wenn eine Branche am Boden liegt, sind andere Branchen konstant oder besonders stark. Zum Beispiel hatte 2009 die Textilindustrie große Probleme, während dank einer Verordnung auf einmal sehr viele Spindeln für Buseinstiege gebraucht wurden.«

Einen Schwerpunkt gibt es allerdings: die Medizintechnik inklusive Pflegebereich, die 70 Prozent des Absatzes ausmacht. »Diese Branche ist sehr stabil und sie bietet Wachstumspotenzial, außerdem sind die Anwendungen dort sehr vielfältig.«

Darüber hinaus bedient Eichenberger auch exotische Anwendungen wie zum Beispiel eine Vorrichtung zum Transportieren von Regenwürmern oder eine Sockenstrickmaschine. Grundsätzlich sind die Schweizer laut Kurt Husistein mehr im Geräte- als im Maschinenbau zu Hause.

Für die Zukunft gut aufgestellt

Die Husisteins sind sehr ortstreu und möchten auch weiterhin in Burg bleiben. Baureserven sind in der angrenzenden Nachbarschaft vorhanden. »Es gibt Potenzial für weitere Produktionsflächen«, sagt Kurt Husistein. »Entscheidend ist die Konjunktur, aber wir sind gut aufgestellt und sehr etabliert in unserer Nische. Darum habe ich keine Angst vor dem, was kommt. Derzeit macht uns aber der hohe Kurs des Franken Probleme beim Export.«

Aus Fernost kommt laut Kurt Husistein ein immer stärkerer Wettbewerb, »aber durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden und dank der Spezialanfertigungen erreichen wir eine enge Bindung. Das ist unser erklärtes Ziel.« Einzigartig bei Eichenberger sind seiner Meinung nach Qualität, Beratung, Liefertreue und -geschwindigkeit sowie eine große Flexibilität.

Carmela Husistein sieht einen weiteren Vorteil: »Wir sind ein technisch geführter Betrieb, erkennen technische Zusammenhänge und haben ein Gefühl dafür. So haben wir die Nase oft vorn.« In einem Hochlohnland wie der Schweiz müsse ein Unternehmen wie Eichenberger dauernd wach sein, sonst fährt der Zug davon. Darum ist der Maschinenpark stets hochmodern und wird permanent angepasst. »Wir müssen immer dranbleiben.« Zum 60. Geburtstag wünschen sich sich Carmela und Kurt Husistein wie auch für sich selbst viel Gesundheit für das Unternehmen.

Auf einen Blick

Eichenberger Gewinde

- Ende 2012: 116 Mitarbeiter, über 20 Millionen Schweizer Franken Umsatz.

- Heute 90 Prozent eigene Produkte, Hauptgeschäft: Kugelgewindetriebe mit circa 75 Prozent.

- 932 aktive Kunden, von Losgröße 1 bis zu Großaufträgen von mehreren 10.000 Stück.

- 2006 Erweiterungsbau, Produktionsfläche verdoppelt, 2012 neues Bürogebäude.

- Exportanteil: 1990 unter einem, 1994 zehn und heute rund 70 Prozent.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013