Fertigung mit Augenmaß

Industrieelektronik

Schaltschränke – Mittelständler wandeln oft auf einem schmalen Grad, es gilt, die richtige Balance in der Produktion zu finden. Ein Schaltschrankbauer aus Vlotho bewegt sich dabei zwischen Hightech und Handarbeit.

31. August 2011

Ein Schaltschrank ist kein grauer unscheinbarer Kasten, bei der Herstellung ist viel Know-how und Aufwand erforderlich. Der Schaltschrank-Systemanbieter Lohmeier aus Vlotho zum Beispiel hat in den vergangenen zwölf Monaten mehr als zwei Millionen Euro in neue Maschinen für die ausschließlich in Deutschland ansässige Produktion investiert.

Aktuelle Umsatzzahlen belegen, dass diese Strategie Früchte trägt: »Unsere Kernkompetenz ist die Fertigung von nach Kundenwunsch modifizierten, individuell ausgelegten Schaltschränken – hier agieren wir mit Augenmaß, um für alle Anforderungen pragmatisch und schnell die effektivste Fertigungsmethode parat zu haben«, erklärt Hans-Werner Meyer, technischer Geschäftsführer bei Lohmeier. »Mit effizienten Fertigungsprozessen, die je nach Bedarf auf modernsten Maschinen oder in Handarbeit erfolgen, verschaffen wir Kunden und Anwendern entscheidende Vorteile.«

Die für Personal und Finanzen zuständige Geschäftsführerin Britta Lohmeier-Bloch ergänzt: »Daneben setzen wir verstärkt auf unsere Beratungskompetenz, wir beschäftigen Vertriebsingenieure als Problemlöser für unsere Kunden, nicht als Prospekt-Überreicher.« Diese Experten gewährleisten eine individuell zugeschnittene Beratung und veranstalten, je nach Komplexität des gewünschten Gehäuses, auch Kunden-Workshops, um schnell und zufriedenstellend die ideale Lösung zu finden.

Die Gehäusekonstruktion erfolgt direkt bei Lohmeier. Die Grundbearbeitung umfasst das Stanzen und Lasern der Bleche sowie das Aufschweißen von Bolzen. Verarbeitet wird ausschließlich Blech aus Tafelware und kein Coil-Material – auf diese Weise benötigen die Vlothoer keine Abwickelanlage. Da das Unternehmen Bleche mit sehr unterschiedlichen Stärken zwischen 1,5 und drei Millimetern verarbeitet, erlauben Platinen eine deutlich höhere Flexibilität beim Handling. Auch das Rüsten gestaltet sich bei dieser Variantenvielfalt im automatischen Lagerturm schneller.

Anschließend trennen sich die Wege der verschiedenen Modelle: Während das Biegen und Schweißen bei allen Gehäusen für die Wandmontage automatisch mittels zweier Biegezentren und einer Vierbren-ner-Schweißanlage erfolgt, werden Anreihschaltschränke aus Einzelteilbaugruppen aufgebaut und von Hand geschweißt. »So können auch kleine Losgrößen von modifizierten Anreihschaltschränken und Sonderlösungen rentabel sein«, sagt Hans-Werner Meyer. »Und nicht zuletzt hat sich die manuelle Produktion in diesen Fällen auch als deutlich schneller erwiesen – nicht immer liegt man mit einer komplett automatisierten Fertigung vorn. Wir haben deswegen sogar einen Schweißroboter abgeschafft, da er zu unflexibel und beispielsweise für große Schaltschränke ungeeignet war.«

Die darauf folgenden Schritte – das Beschichten in einer automatischen Pulverbeschichtungsanlage, das Dichtungsschäumen durch zwei Roboter, die Endmontage und die Auslieferung – sind schließlich wieder für alle Gehäuse gleich.

Lohmeier konnte in neue Maschinen investieren, weil auch bei ihnen die Auftragslage seit 2010 wieder sehr erfreulich ist. Diese Investition war auch dringend notwendig, denn die Fertigungskapazitäten stießen an ihre Grenzen – nach dem Krisenjahr 2009 produziert Lohmeier wieder im Dreischichtbetrieb. Neben einem zweiten Biegezentrum sorgt nun vor allem ein Stanz-Laser-Bearbeitungszentrum von Amada für Entlastung. Die mit mehreren Automatisierungskomponenten ausgestattete Anlage in leuchtendem Schwarz-Rot ist laut Hersteller deutschlandweit derzeit noch einzigartig in ihrer Komplexität. Sie umfasst ein Lagersystem, das Blechtafeln in unterschiedlichen Formaten für eine Tagesproduktion vorhält, eine Be- und Entladeeinheit mit Sortierfunktion und einen Werkzeugwechsler, der zusätzlich zu den 45 Stanzwerkzeugen im Revolver rund 400 weitere Werkzeuge parat hält. Der längste Werkzeugwechsel dauert jetzt keine 20 Sekunden mehr.

Das Bearbeitungszentrum bietet einen optimalen Kompromiss aus moderner Technologie und Schnelligkeit: Es ermittelt, ob Lasern oder Stanzen als Bearbeitungsprozess für die jeweilige Kontur am günstigsten ist. Der Laser hat seine Stärken bei freien Konturen, kann statt rechtwinkligen Ecken oder gestückelten Rundungen auch saubere Radien und Bögen fertigen. Dabei erzeugt er saubere, gratfreie Kanten, sodass die Nacharbeit minimal ausfällt. Die Stanze hingegen arbeitet mit bis zu 800 Hüben in der Minute besonders schnell und kosteneffizient. In allen Fällen lässt sich die Maschine komplett mannlos betreiben.

Außerdem bietet Lohmeier seinen Kunden auch einen umfassenden Bearbeitungsservice. »Günstiger als bei uns bekommt zu einem späteren Zeitpunkt niemand mehr eine Bearbeitung in die Blech-Schaltschränke. Ob Ausschnitte gefragt sind oder Kabeleinführungen, ob Klimatisierungslösungen oder Sondergrößen–wir schneidern die maßgerechte Lösung für jede Anwendung«, zählt Meyer das Angebot auf. Lohmeier hat auch Standardgehäuse ab Lager vorrätig, aber eine individuelle, elektromechanisch vorbereitete Lösung gestaltet sich in den meisten Fällen für Kunden nicht nur in der Weiterverarbeitung deutlich günstiger, sondern auch bei der späteren Instandhaltung und beim Service. mk z

Auf einen Blick

Lohmeier – made in OWL

- 1963 von Fritz Lohmeier gegründet.

- Seit 2003 von seiner Tochter Britta Lohmeier-Bloch und Hans-Werner Meyer geleitet.

- Fertigung und Montage ausschließlich auf 15.000 Quadratmetern Produktionsfläche in Vlotho.

- Derzeit 120 Mitarbeiter beschäftigt.

- 85 Prozent der Lieferanten aus NRW.

- Pro Jahr werden 4.000 Tonnen Stahlblech und 200 Tonnen Edelstahlblech verarbeitet.

- Nach ISO 9001 und 14001 zertifiziert, freiwillige Audits jeden Monat.

Erschienen in Ausgabe: 06/2011