Fit and forget

Großgelenklager - 1966 wurde das Wembley-Stadion durch ein umstrittenes Tor im Endspiel England-Deutschland berühmt. Ruhm mit deutscher Beteiligung ist auch im »New Wembley Stadion« möglich - Großgelenklager ermöglichen die einzigartige Dachkonstruktion.

29. Juni 2005

Nachdem im Oktober 2002 mit dem Abriss des alten Stadions begonnen wurde, entsteht derzeit an gleicher Stelle für umgerechnet eine Milliarde Euro ein mit 90.000 überdachten Sitzplätzen ausgestattetes Fußballstadion. Im Vergleich dazu: die Münchener Allianz-Arena wird 66.000 Zuschauern Platz bieten.Das New Wembley Stadium ist eingebettet in einen modernen Unterhaltungskomplex mit Geschäften, Restaurants, Kinos, Hotels und Parkhäusern. Für das Aufsehen erregende Design zeichnet kein geringerer verantwortlich als der englische Star-Architekt Lord Norman Foster, zu dessen bekanntesten Projekten unter anderem das derzeit höchste Gebäude Europas, der Commerzbank Tower in Frankfurt und die neue Kuppel des Reichstages in Berlin gehören.

Das unverwechselbare Merkmal des New Wembley Stadium ist ein Gittermastbogen mit einer Höhe von 133 Metern und einer Spannweite von 335 Metern, der weithin sichtbar die Dachkons-truktion des Stadions trägt. Der Bogen hat ein Eigengewicht von 1.650 Tonnen und trägt über Stahlseile 60 Prozent des Gewichts der Tribünendächer.

Insgesamt tragen die beiden Elges-Axial-Großgelenklager, die sich in Bodennähe an den zwei Enden des Bogens befinden, rund 7.500 Tonnen Gewicht.

Um Temperatur-Ausdehnungen und Windbewegungen des Gittermastbogens aufzunehmen, müssen die Lager maximale Schwenkbewegungen von +/- 2,5° unter Extrembedingungen und +/- 0,7° unter normalen Bedingungen aufnehmen - und das 100 Jahre lang bei absoluter Wartungsfreiheit. Oder anders ausgedrückt, schreibt das Lastenheft vor, dass die Lebensdauer mindestens 1.000.000 mögliche Schwenkbewegungen (von Ausgangspunkt zu Ausgangspunkt) betragen muss. Diese Forderungen zusammen mit den Designvorgaben der Architekten für die Lagerung - maximaler Außendurchmesser von 1.000 mm, bei einem Innendurchmesser von mindestens 300 mm und einer Maximalhöhe von 250 mm - konnten durch wartungsfreie Axial-Großgelenklager mit Elgoglide realisiert werden.Wartungsfreie Elges-Gelenklager mit Elgoglide sind mit einer Gleitschicht auf der Basis von Teflon ausgestattet, das sich durch hervorragende Gleiteigenschaften auszeichnet. Neu an Elgoglide ist nicht das Teflon, sondern die verbesserte Kombination von Teflon- und Stützfasern, eingebettet in einer Harzmatrix, die mit dem Stahlstützkörper verklebt wird. Die Alleinstellungsmerkmale dieses von INA-Elges entwickelten Gleitbelages sind sehr hohe zulässige Flächenpressungen bei gleichzeitig sehr niedrigen Reibungswerten und absoluter Wartungsfreiheit.

Ein weiterer Vorteil der wartungsfreien Gelenklager, die im INA Schaeffler-Werk Elges in Steinhagen gefertigt werden, liegt in der Möglichkeit - wie in diesem Fall gefordert - selbst bei minimalen Schwenkbewegungen eine zuverlässige Schmierung in der Kontaktzone zu gewährleisten. Derart kleine Schwenkwinkel sind bei herkömmlichen, wartungspflichtigen Gelenklagern, die als Schmiermittel Fette oder Öle benötigen, nicht möglich. Da die Schwenkbewegung nicht ausreicht, um einen reibungsmindernden, hydrodynamischen Schmierfilm aufzubauen.

Neben dem hohen Wartungsaufwand durch das ständige Nachschmieren besteht bei wartungspflichtigen Lagern die Gefahr der Umweltverschmutzung, falls aus dem Lager austretender Schmierstoff nicht aufgefangen wird. Diese Sorge bereiten wartungsfreie Elges-Lager nicht.

Der Einsatz von wartungsfreien Gelenklagern aus dem Hause INA kann in kurzen Worten mit Fit and Forget beschrieben werden. Aufgrund ihrer Leistungsdaten haben diese Großgelenklager das Qualitätslabel X-life erhalten. Unter diesem Signet führen INA und FAG Kugelfischer, zwei Unternehmen der Schaeffler Gruppe, alle Industrieprodukte zusammen, die die jeweilige Benchmark im Wettbewerb darstellen.

Um die geforderte Lebensdauer von 100 Jahren zu erreichen und vor äußeren Einflüssen geschützt zu sein, wurden die beiden Gelenklager zudem mit Corrotect versehen. Bei Corrotect handelt es sich um eine extrem dünne, galvanisch aufgebrachte Schutzschicht, die sich bei INA für herkömmliche Wälzlagerungen seit Jahren bewährt.Eine zusätzliche Herausforderung bei der Lagergestaltung war es, das Verbinden der Lager mit der Anschlusskonstruktion vor Ort zu gewährleisten. Da der Stahlbogen liegend montiert und erst nach dem Zusammenbau komplett aufgerichtet wird, müssen die Lager vertikal eingebaut werden. Axial-Gelenklager sind nicht selbsthaltend (die Wellenscheibe liegt lose in der Gehäusescheibe) und deshalb wurde das Lagergehäuse entsprechend mit Halteklemmen und Transportösen versehen. Diese Klemmen werden vor der Inbetriebnahme wieder entfernt, um die Bewegungen des Lagers und damit des Bogens zu ermöglichen.

Die Entwicklung der Einheit von Lager und Lagergehäuse erfolgte in enger Zusammenarbeit von INA-UK mit der Anwendungstechnik im Stammwerk der INA-Schaeffler-Gruppe, Herzogenaurach, sowie der Produktkonstruktion von Elges im INA-Schaeffler-Werk in Steinhagen.

Unterstützend wirkte die Berechnungsabteilung, die mit aufwändigen FEM-Analysen das Design der Lagerungen verifizierte. Aufgrund der für den Kunden optimalen Produktlösung und der besonderen Produkteigenschaften sind die beiden Elges-Axial-Großgelenklager Paradebeispiele für X-life, die neue Premium-Qualität von INA und FAG. Sie bieten sehr hohe statische und dynamische Tragzahl, einen langen Gleitweg und ein gutes Preis-LeistungsVerhältnis.

Das Aufrichten des Bogens, also die erste Bewährungsprobe für die beiden Gelenklager, ist für das Frühjahr 2004 geplant. Zu diesem Zweck werden fünf Türme mit Höhen zwischen 46 und 102 Meter errichtet, über die der Bogen mittels Stahlseilen um 90° in die senkrechte Position gezogen wird. Für die folgenden Monate muss der Bogen in der Vertikalen verankert bleiben, bis die Bauarbeiten an den beiden Tribünen beendet sind. Erst danach wird der Gittermastbogen bis zu seiner Endlage geschwenkt, die dem Stadion ihre Charakteristik verleiht. Eröffnet werden soll New Wembley Anfang 2006, genau 40 Jahre nachdem das alte Stadion den Mythos Wembley begründete.

Erschienen in Ausgabe: 02/2004